Landgericht Potsdam: Kinderarzt gesteht Taten in Missbrauchsprozess
Stand: 02.11.2026 • 17:09 Uhr
Vor dem Landgericht Potsdam hat der Prozess gegen einen Kinderarzt begonnen. Ihm wird jahrelanger sexueller Missbrauch von mehr als 70 Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Er habe zu fast allen Vorwürfen Geständnisse abgelegt, sagte er.
Vor dem Landgericht Potsdam hat am Montag der Prozess gegen einen Kinderarzt der Brandenburger Havelland Kliniken begonnen. Ihm wird jahrelanger sexueller Missbrauch von mehr als 70 Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Zum Verhandlungsauftakt verlas die Staatsanwaltschaft knapp drei Stunden lang die Anklage gegen den 46-Jährigen, dem insgesamt 130 Straftaten vorgeworfen werden.
Geständnisse zu fast allen Vorwürfen
Nach der Anklageverlesung äußerte sich der Beschuldigte in einem kurzen Statement. Er habe zu fast allen Vorwürfen Geständnisse abgelegt und bleibe auch dabei, sagte der Arzt. Es sei ihm bewusst, dass er große Schuld auf sich geladen habe. Er wünsche sich, dass seine Opfer das Geschehene eines Tages hinter sich lassen könnten. Daher wolle er ihnen eine Aussage als Zeugen ersparen. Die Verteidigung des 46-Jährigen kündigte an, dass er sich im Verlauf des Prozesses detaillierter äußern werde. In dem Prozess treten 15 Betroffene oder deren Erziehungsberechtigte als Nebenkläger auf. Es sind insgesamt 18 Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird Mitte Dezember gerechnet.
Der Anklage zufolge verübte der Mann einen Großteil der Taten im Rahmen seiner Tätigkeit als Arzt an Klinikstandorten in Rathenow und Nauen (beide Havelland). Meist soll er seine überwiegend männlichen Opfer in Patientenzimmern aufgesucht haben und sie - auch unter dem Vorwand von Untersuchungen - missbraucht haben. Er soll auch Fotos und teils auch Videos angefertigt haben. In mindestens vier Fällen nutzte der Mann, so die Anklage, den Besuch von Kindertagesstätten in Brandenburg im Auftrag des Gesundheitsamts aus, wo er medizinische Untersuchungen vorenehmen sollte. Dort soll er mehrere Kleinkinder sexuell missbraucht und davon Videos und Fotos gemacht haben.
Taten sollen sich über mehr als zehn Jahre erstrecken
Im Jahr 2023 soll er darüber hinaus mehrmals einen ehemaligen Patienten in einer sogenannten Bereitschaftswohnung der Klinik in Nauen getroffen haben. Dabei kam es den Vorwürfen zufolge mehrfach zu sexuellen Handlungen mit dem 15- beziehungsweise später 16-Jährigen. Auch davon soll der Mann Videos angefertigt haben. Auch in der Privatwohnung des 46-Jährigen soll es zu schweren sexuellen Straftaten an Minderjährigen gekommen sein. Die Taten soll der mittlerweile 46 Jahre alte Angeklagte von Anfang Dezember 2013 bis November 2025 begangen haben. Laut Anklage sind die mutmaßlichen Opfer zwischen zwei und 20 Jahre alt.
Die Ermittlungen gegen den Arzt waren ins Rollen gekommen, weil eine Mutter im vergangenen November Anzeige erstattet hatte. Der Arzt soll in diesem Fall in den Räumen der Klinik in Rathenow (Havelland) ein Kind sexuell missbraucht haben. Der Beschuldigte wurde daraufhin festgenommen. Nach der Auswertung sichergestellter Datenträger wuchs dann die Dimension des Falls. Der Arzt kam in Untersuchungshaft, weil Wiederholungsgefahr gesehen wurde.
Havelland Kliniken überarbeiteten Kinderschutz
Die Havelland Kliniken GmbH, in der der Kinderarzt tätig war, wertet den Prozessbeginn als "wichtigen Schritt hin zu einer umfassenden und rechtsstaatlichen Aufklärung". Die Klinikgruppe hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe ihre Kinderschutz-Mechanismen überarbeitet. "So gilt heute bei Untersuchungen und pflegerischen Maßnahmen in sensiblen Situationen grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip", teilte das Unternehmen mit. Eine unabhängige Kinderschutzbeauftragte sei benannt worden.
Sendung: rbb24 Inforadio, 02.11.2026, 06:40 Uhr Audio: rbb24 Inforadio, 02.11.2026, Angela Ulrich / Annette Miersch
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