Hier badete einst Sisi - heute retten Studenten die Ruinen
In Rumäniens ältestem Kurort Băile Herculane verfällt das historische Neptunbad. Junge Architekten kämpfen ehrenamtlich für den Erhalt und sammeln Geld für die weitere Rettung des Baudenkmals.
27.10.2026 | 2:10 minDurch ein zerbrochenes Fenster stieg Oana Chirilă 2017 in das Gebäude. Die Architekturstudentin war im Südosten Rumäniens unterwegs, stieß dort zufällig auf das Neptunbad von Băile Herculane. Ein Palast im Sterben: weißer Marmorboden unter meterhohem Schutt, aufgeplatzte Fayence an den Wänden, darüber eine Kuppel mit kunstvoll bemalter Decke.
Ein Lost Place, in den sie sich schockverliebte. Ihre Fotos gingen viral. Der Besuch wird ihr Leben verändern. Sie beginnt, um die Ruine zu kämpfen.
Ein Palast für hundert Badegäste
Schon die Römer kannten die heißen Quellen im Cerna-Tal, zwischen zwei Gebirgszügen der Südkarpaten. Nach 1718 fiel die Region an Österreich, die Habsburger bauten Herkulesbad - so heißt Băile Herculane auf Deutsch - zur Perle aus. Kaiser Franz Josef schwärmte, die sei der "schönste Kurort der Welt".
Mittelpunkt der Pracht: das Neptunbad. Sichtziegel, Fensterrahmen aus Kunststein mit Maskaronen, schmiedeeiserne Dachzier, in der Mitte ein Kuppelbau. Drinnen 70 Kabinen und zehn Steinwannen für hundert Gäste gleichzeitig. Das Kaiserpaar ging hier ein und aus. Kaiserin Elisabeth spazierte am Ufer, ein Weg trägt noch heute ihren Namen. Via Sisi.
Dann kamen die gescheiterte Privatisierung der Neunziger, Weiterverkäufe, dreißig Jahre Verfall. Im Februar 2019 brachen Gesimsteile und eine tragende Wand weg. Das Mauerwerk löst sich in Schichten wie Orangenschale, dem Dach fehlen die Auflager. Zu der Zeit kämpfte Oana Chirilă schon zwei Jahre für die Rettung. Noch vergebens.
Es war Februar, kalt und regnerisch, und der ganze Ort wirkte wie aus einem Horrorfilm. Ehrlich gesagt, ich konnte nur noch weinen.
Oana Chirilă, Architektin, Gründerin des Vereins Locus
Die Stiftung Denkmalschutz warnt, dass jährlich hunderte historische Gebäude verloren gehen. Gebäude wie das Sport - und Erholungszentrum SEZ in Berlin sind schwer sanierungsbedürftig. Erhalten oder abreißen?
18.04.2026 | 5:24 minErst Gleichgültigkeit, dann zwanzig Helfer
Chirilă rief die Behörden an und bot Hilfe an. Die Antwort war Stille. Die Baugenehmigung kam erst über ein Jahr später. Bis dahin hatte Chirilă einen Verein zur Rettung des Bades und anderer Orte in Herkulesbad gegründet: Locus. Getragen vor allem von Freiwilligen und Architekturstudenten.
Und die traf gleich der nächste Schlag: Die Stadt dürfe keinen Cent investieren, das Grundstück stehe unter Beschlagnahme der Antikorruptionsbehörde.
Frustration, Traurigkeit und schließlich Konflikte innerhalb unseres Teams. Wir standen unter enormem Druck, aber wir waren nur Studenten.
Oana Chirilă
Zwei Jahre zahlten die Studenten alles selbst, mit Geld ihrer Eltern. Und zu tun gab es reichlich. Sie beseitigten meterhohen Schutt, vermaßen das Gebäude, planten für die Instandhaltung. Der Wendepunkt kam mit dem Brand von Notre-Dame und der Frage, warum in Rumänien niemand das eigene Erbe rette. 150.000 Euro Spenden kamen rein - sogar Rentner schickten ihr letztes Geld.
Es gibt viele solcher Geschichten, und es ist unmöglich, dabei nicht berührt zu sein.
Oana Chirilă
Nun konnten sie immerhin den Verfall effektiv stoppen. Mehr durfte der Verein ohnehin nicht: Nach rumänischem Denkmalrecht dürfen nur attestierte Fachleute sanieren, Ehrenamtliche nicht. Erlaubt war allein, was sich wieder abbauen lässt - wie ein Verband bei einer Sepsis, sagt Chirilă.
Philipp Kaszay restauriert das Gutshaus Kobrow in Mecklenburg-Vorpommern und bewahrt damit ein Stück Gutshaus-Geschichte. Mit Geduld und Handarbeit rettet er so ein Kulturdenkmal.
18.10.2025 | 31:10 minErfolge am Fluss, Warten im Bad
Hundert Meter weiter sieht es anders aus. Seit 2019 renaturiert Locus die Ufer der Cerna: beseitigt etwa am früheren Venera-Bad hässliche und teilweise illegale Betonplattformen, baut neue Pavillons ohne Fundament auf - aus Holz und Stein.
Einer der knapp 14 Freiwilligen dort ist Robert Florin Duruț. Vorher habe er nie mit Werkzeug und Holz gearbeitet, sagt der Architekturstudent aus Bukarest, jetzt bringen sie ihm hier bei, was die Uni nicht vermitteln kann. Win-Win. Bei der Via Sisi, die sie schon zuvor renaturiert hatten, half die Stadt sogar mit 20 Mitarbeitern. Bürgermeister Gheorghe Orza nennt die Zusammenarbeit mittlerweile hervorragend.
Der Palast der Republik im damaligen Ost-Berlin stand für vieles in der DDR: Volkskammer, Repräsentation, Spaß für DDR-Bürger. Vor 20 Jahren begann der Rückbau des Gebäudes.
06.02.2026 | 14:53 minIm Neptunbad dagegen läuft Chirilă und ihrem Verein die Zeit davon. Die endgültige Rettung hängt an einem Prozess, der seit 15 Jahren läuft. Es geht um 19 Hotels und Bäder, die an die Stadt überführt werden sollen - auch das Neptunbad. Die Angeklagten gingen in Revision, der Fall liegt beim Obersten Gerichtshof in Bukarest.
Bürgermeister Orza hofft auf ein Urteil bis Anfang 2027. Wer dann Eigentümer ist, weiß er nicht - saniert werden soll danach so oder so. Bis dahin hält Locus die Ruine am Leben. Kommt kein Investor, war alles umsonst. Ein Zeichen aber habe ihr Verein längst gesetzt, sagt Vereinsgründerin Chirilă: Für das Schöne lohnt sich der Kampf immer.
Über das Thema berichtete heute in Europa am 27.10.2026 ab 16 Uhr.
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