Fastfood-Eröffnung ohne Skandal-Youtuber: Kein Steak-Sandwich für den Frauenschläger

Ein neuer Fastfood-Laden wollte mit dem umstrittenen Rapper Mois Kunden ins linke Hannover-Linden locken. Nach Protest ringt er um Schadensbegrenzung.
Foto: Lilith Bikowski
Zur Eröffnung des neuen Fastfood-Ladens „Bang Bang“ in der Limmerstraße in Hannover-Linden wartet nicht nur eine lange Schlange vor dem Lokal auf ihr Philly-Cheesesteak. Das ist Sandwich mit gebratenem Rindfleisch, Käse und scharfer Soße. Auf der anderen Straßenseite haben sich einige Dutzend Protestierende versammelt, auf ihren Plakaten steht „Linden ist Links“ oder „Kein Platz für Täterschützer“. Ihr Protest richtet sich gegen den Rapper Mois, der die Eröffnung begleiten sollte und gegen den Vorwürfe partnerschaftlicher Gewalt im Raum stehen.
Die US-Fastfoodkette „Bang Bang“ bewarb ihren lokalen Ableger in Hannover gemeinsam mit dem umstrittenen Rapper Mois. In den Werbevideos auf Instagram versprach dieser, bei der Eröffnung die ersten 100 Sandwiches zu verschenken. Außerdem kündigte er an, einen Monat lang mit dem Laden zu arbeiten und die Bewerbungsgespräche für potenzielle Mitarbeiter*innen mitzuführen. Einen der Betreiber des Fastfood-Ladens bezeichnete der Rapper dort als „guten, langjährigen Freund“.
In der Kritik steht Mois, der mit bürgerlichem Namen Zelemkhan Arsanov heißt und den die ARD in einer Podcats-Reihe einen der größten YouTuber Deutschlands nennt, wegen exzessivem Drogenmissbrauch, der mutmaßlichen Veruntreuung hoher Summen an Spendengeldern, wegen antisemitischer Aussagen, frauenverachtendem Verhalten und besonders der Gewalt an seiner damaligen Ehefrau Anys. Mois räumte die Gewaltausbrüche gegen sie später öffentlich ein.
Seit einigen Monaten kooperiert der Rapper regelmäßig mit verschiedenen Fastfood-Restaurants und bewirbt Ladeneröffnungen – relativ erfolgreich, wie die Menschentrauben vor den Geschäften in seinen Videos andeuten. Diesen Erfolg erhofften sich wohl auch die Geschäftsführer von „Bang Bang Hannover“ in der Limmerstraße, dem Zentrum des als linkem Kiez bekannten Stadtteils Linden. Zu Anfang fielen die Reaktionen auf die Werbevideos positiv aus: Hunderte Mois-Fans unterstützten die Kooperation und kommentierten, die Eröffnung garantiert besuchen zu wollen.
Foto: Lilith Bikowski
Anfang September verbreitete sich dann rasant ein Text auf Instagram, Facebook und Reddit, der Mois’ Fehlverhaltern anprangert und auch Saman Hosseinzadeh, den Inhaber des Ladens, kritisierte. Am gleichen Tag wurde eine Petition unter dem Titel „Für unser friedliches Linden“ veröffentlicht, welche binnen kurzer Zeit rund 2.000 Unterschriften erhielt.
Der Unmut über Mois’ geplanten Besuch wurde dann für alle sichtbar: Die Klebefolie an der Fassade des Ladens wurde teilweise abgerissen, die Fensterfront und das Haus gegenüber mit Graffiti und Sprüchen wie „Kein Platz für Täter“, „Antifa Area“ und „Fuck Mois“ übersät und die Schlösser des Lokals wurden zugeklebt. „Zu anderen Anlässen sind in Linden schon ganze Läden entglast worden – deswegen war das jetzt eher harmlos“, sagt Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube (Grüne).
Zu anderen Anlässen sind in Linden schon ganze Läden entglast worden – deswegen war das jetzt eher harmlos.
Rainer-Jörg Grube (Grüne), Bezirksbürgermeister
Nach dem Protest distanzieren sich nun die Restaurantbesitzer. Die Videos sind mittlerweile alle gelöscht. In einem Statement auf Instagram heißt es: „Bang Bang steht gegen Gewalt an Frauen, gegen Antisemitismus und gegen jede Form von Diskriminierung und Hass.“ Das Team hätte sich besser über die Vorwürfe gegen Mois informieren müssen. Die Zusammenarbeit mit dem Rapper sei beendet worden und das Restaurant wolle Teile der Einnahmen spenden.
„Dieser Rückzieher mit der Entschuldigung ist lächerlich und ich glaube nicht, dass die Anwohnenden das so akzeptieren“, kommentiert Bezirksbürgermeister Grube. Eine Bewohnerin des Stadtteils, die an der Entwicklung der Petition gegen den Laden beteiligt war, ist optimistischer. Sie habe sich auf Einladung persönlich mit den beiden Ladenbesitzern getroffen. Die Entschuldigung und Auseinandersetzung hält sie für authentisch, die Betreiber hätten eingeräumt, mit der Zusammenarbeit eine unbedachte Entscheidung getroffen zu haben. Außerdem sei geplant, einen längeren Aufarbeitungsprozess anzustoßen und auch mit Hilfsorganisationen gegen Gewalt an Frauen in Kontakt zu treten.
Nachdem die Fassade für die Eröffnung gereinigt wurde, tauchte über Nacht wieder etliches Graffiti auf. „Wir haben Mist gebaut, aber was uns jetzt hier widerfährt, ist auch nicht korrekt“, kommentiert ein Mitarbeiter von Bang Bang. „Wir haben einen Fehler gemacht. Dafür stehen wir gerade und arbeiten das auf.“
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Entmietung in Hannovers Szeneviertel Formal richtig rausgeekelt
In Hannovers In-Viertel Linden will ein Eigentümer Altmieter loswerden. Die möchten sich wehren, verheddern sich aber in juristische Fallstricke.
Von Nadine Conti
50 Jahre Punk in Hannover Als Punks in die Blumenbeete der Landesmutter pinkelten
Die Toten Hosen spielten 1987 im Haus des Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Das Buch „Hey Ho! Let’s Go!“ erzählt aus 50 Jahren Punk in Hannover.
Von Ulrich Gutmair
Liebeserklärung an Linden Warum ich gerne in Hannover lebe
Nach 14 Jahren zog unser Autor von Braunschweig in die niedersächsische Landeshauptstadt. Zu seiner Überraschung mag er die Stadt.
Von Hartmut El Kurdi
taz FUTURZWEI im Abo entdecken
Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.