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Sunday, November 1, 2026

Eine für alle: Brauchen wir eine Bundespräsidentin? Und was würde Ilse sagen?

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Eine für alleBrauchen wir eine Bundespräsidentin? Und was würde Ilse sagen?

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Auch eine Bundespräsidentin Ilse Aigner müsste Worte finden, die Wirkung entfalten. (Foto: picture alliance / Wolfgang Maria Weber)

Die Debatte um das Amt der Bundespräsidentin oder des Bundespräsidenten nimmt an Stellen groteske Formen an. Die Frage, ob wir die Ersatzmonarchie überhaupt benötigen, kann sich da schon mal stellen. Die Kolumnistin hat eine eindeutige Antwort.

Was bleibt? "Hoch auf dem Gelben Wagen" (Walter Scheel), Wanderlust (Karl Carstens), ein Ruck durch die Gesellschaft (Roman Herzog), oder ein unvergessener Richard von Weizsäcker, um nur einige zu nennen? Die Kolumnistin gerät direkt ins Schwärmen, denn letzterer sagte so kluge Dinge wie: "Der 8. Mai (1945) war ein Tag der Befreiung", oder: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart", und: "Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Oder auch: "Es wäre keine menschlich überzeugende Gesellschaft, der alles wertlos gilt, was nicht bezahlt wird." An einer menschlich überzeugenden Gesellschaft arbeiten wir ja immer noch. Obwohl, tun wir das?

Ich will die Verdienste eines Joachim Gauck oder eines Horst Köhler nicht schmälern (ich lasse Christian Wulff mal unter den Tisch fallen, einfach eine teure Angelegenheit, einverstanden?), und ich bin auch nicht Wikipedia oder Wikimedia und lege keinen Wert auf Vollständigkeit, aber eine Sache, die hängengeblieben ist, muss ich herausheben: Die Rede von Roman Herzog, eingegangen in die Geschichte als "Ruck"-Rede.

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Noch als Ministerpräsident begrüßte Christian Wulff (re.) die Gewinnerin des Eurovision Song Contest in Oslo, Lena Meyer-Landrut und TV-Moderator Stefan Raab in Hannover, eine Woche später wurde er als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgestellt. Der Rest ist Geschichte. (Foto: picture alliance / dpa)

Ich tue mich schwer, nur ein paar Stellen zu zitieren, denn so vieles von dem, was er 1997 gesagt hat, könnte man 1:1 auch heute so sagen: "In Berlin wird Zukunft gestaltet. (...) Hier spürt man: Wir können etwas gestalten, ja sogar etwas verändern. Einen neuen Aufbruch schaffen, wie ihn nicht nur Berlin, sondern unser ganzes Land braucht. (...) Was im Laboratorium Berlin nicht gelingt, das wird auch in ganz Deutschland nicht gelingen." Okaaaay, Berliner und Innen, aufgehorcht, wir haben was vor! Gestalten, da sind doch immer alle ganz scharf drauf! Und es geht um mehr als Töpfern oder Meckern.

Weltmeister im Wundenlecken

Herzog weiter, damals, vor fast 30 Jahren: "Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft." Das ist tatsächlich lame, wie wir uns winden und nur noch Weltmeister im Wundenlecken sind. "Lassen wir uns nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts an, weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den Sand", so Herzog. "Ich will (...) die Probleme beim Namen nennen. Was ist los mit unserem Land? Im Klartext: Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression – das sind die Stichworte der Krise." Jesusmariaundjosef, was habe ich den Mann unterschätzt.

Weiterhin analysiert er unser eigentliches Problem als ein mentales, was die Sache nicht besser macht: "Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. (...) Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen. (...) Während die Auswirkungen des technischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt und die Folgen der Demografie (wurde damals noch mit ph geschrieben) für die sozialen Netze (damit war was anderes gemeint als Meta und Co.) auch andere Industrieländer, etwa Japan, heimsuchen, gibt es für den Modernisierungsstau in Deutschland keine mildernden Umstände. Es ist hausgemacht, und wir haben es uns selbst zuzurechnen." Das tut weh, oder? Nicht nur, dass er damals recht hatte, auch, dass es noch heute gültig ist. 29 Jahre ist das her!! Und wir scheinen keinen Schritt weiter zu sein. Zwischendurch vielleicht mal. Aber at the end of the day - nüscht! Eher rückwärts.

Der Richard in mir

Dabei leisten wir uns auch noch den Luxus, so zu tun, als hätten wir zur Erneuerung beliebig viel Zeit, (...) zu hören sind vor allem die Stimmen der Interessengruppen und Bedenkenträger. Der letzte Satz stammt leider nicht von mir, Sie ahnen es - Roman Herzog. Jetzt kommt's, und die Älteren unter uns erröten vielleicht, schämen sich sogar ein wenig? "Was leben wir den jungen Menschen vor? Welche Leitbilder geben wir ihnen?" Also ich fühle mich ertappt. Denn der Richard in mir weiß, siehe oben: "Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Doch weiter mit Roman: "Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau. Wirklich überzeugen werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene Verantwortung glaubhaft vorleben."

Unsere Verantwortung! Die liegt unter anderem darin, dass wir uns erinnern, dass wir uns unserer Geschichte gewahr sind. "Und schließlich", da zitiere ich jetzt wieder, "wir müssen von dem hohen Ross herunter, dass Lösungen für unsere Probleme nur in Deutschland gefunden werden können. Der Blick auf den eigenen Bauchnabel verrät nur wenig Neues." Hah! Wir sind doch so fett und so überzeugt von uns, dass wir unseren eigenen Bauchnabel gar nicht mehr sehen können. "Jeder weiß, dass wir eine lernende Gesellschaft sein müssen. Also müssen wir Teil einer lernenden Weltgesellschaft werden (...)." Amen, Roman. Der Ärmste muss in seinem Grab doch rotieren, wenn er wüsste, wie es hier gerade zugeht, Sodom und Gomorrha.

Hau ruck ...

Kommen wir zum Punkt, und der macht sogar Hoffnung: "Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen." Und jetzt alle: Nie wieder ist jetzt! Oder?

Seien Sie so gut, heute am heiligen Sonntag, lesen Sie diese Ruck-Rede, sie passt in unsere Zeit wie die Faust aufs Auge. Ich verlinke Sie Ihnen hier und verspreche, dass es eine spannende Lektüre wird. Ich gebe zu - 1997 hat mich Herzog eher kaltgelassen. Er kam mir vor 30 Jahren irre alt vor und es regte mich viel mehr auf, dass er so schnell nach dem Tod seiner Frau eine andere Frau heiratete. Aber, und das weiß ich inzwischen mehr denn je: Jeder nach seiner Fasson, das steht schließlich auch auf meinem Familienwappen. Oder zumindest in meinem Poesie-Album.

Was wird bleiben vom noch amtierenden Präsidenten, fragen Sie sich auch? Eine Entschuldigung, dass er Putin falsch eingeschätzt hat? Das ist gut, und damit ist er weit vor Gerhard Schröder im Ranking. Schröder war zwar nicht Präsident, aber Kanzler. Er war innovativ, beendete die lähmende Kohl-Ära (als werdende Mutter habe ich gejubelt 1998), was gerissen hat er auch (Agenda2010) - auf eine Entschuldigung für sein unsägliches Verhalten als Putin-Freund werden wir jedoch vergebens warten.

Was würde Ilse jetzt sagen?

Nicht vergebens warten müssen wir vielleicht auf eine Bundespräsidentin. Vielleicht eine, die die Dinge einordnet. Die Reden hält, die nachwirken. Die Reden dürfen nicht zu lang sein, weil unsere Attention-Span wirklich minimal ist und mehr als Häppchen da echt nicht funktionieren. Und dennoch soll das mit Würde rüberkommen. Ich weiß, mein Text ist jetzt schon zu lang, danke fürs Bishierherlesen. Ich wünsche mir eine Bundespräsidentin, die für Ordnung sorgt. Eine, die anderen den Kopf wäscht durch bloße Anwesenheit. Es wäre wünschenswert, wenn allein der Respekt vor dieser Person und dem Amt andere dazu anhalten würde, sich besser zu verhalten. Wenn man sich als Bürger, Journalist, Politiker, Terrorist, gelegentlich mal die Frage stellt: "Was würde Ilse dazu sagen?"   

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