Wo ist das Phantom Chamenei?: Iranische Hardliner sabotieren die eigene Führung

Wo ist das Phantom Chamenei? Iranische Hardliner sabotieren die eigene Führung
14.09.2026, 16:56 Uhr
Von Lukas Märkle
Im Nahen Osten lodert der Konflikt zwischen dem Iran und den USA. Das ist ganz im Interesse der Hardliner in Teherans. Diese setzen auf provokative Angriffe, um den Krieg erneut vollends zu entflammen.
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über die dauerhafte Beendigung des Kriegs bewegen sich seit Monaten kaum von der Stelle. Dazu tragen auch Hardliner aufseiten des Regimes in Teheran bei. Diese unterlaufen die offiziellen Pläne der Regierung und sabotieren die diplomatischen Anstrengungen der moderaten Fraktion im Austausch mit Washington mit unabgesprochenen Attacken.
Mit Attacken auf Tanker in der Straße von Hormus wird dabei das US-Militär zu Gegenangriffen provoziert. Selbst die politische Führung in Teheran bleibt offenbar über Raketenangriffe mitunter im Dunkeln, berichtet die "New York Times". So auch Anfang Juli. Bei einem Angriff iranischer Kräfte werden drei Schiffe getroffen, darunter ein Tanker, der Flüssiggas im Auftrag Katars transportiert.
Der iranische Präsident Massud Peseschkian soll dem Bericht zufolge vollkommen überrascht von den Angriffen gewesen sein. Demnach beschwerte er sich beim Anführer der Iranischen Revolutionsgarden, General Ahmad Vahidi, dem mächtigen militärischen Arm des Regimes.
Doch auch der militärische Führer der Revolutionsgarden war offenbar nicht vorab informiert über die Attacken. Von seiner Seite habe es keine Freigabe für Angriffe gegeben, erklärte er gegenüber dem Präsidenten, heißt es unter Berufung auf fünf iranische Offizielle, die namentlich nicht genannt werden. Vahidi will selbst sogar erst im Nachhinein von dem Angriff erfahren haben.
Machtkampf in Teheran
Stattdessen wird auf Kommandeure der Revolutionsgarden vor Ort verwiesen, die selbstständig gehandelt hätten. Sie sollen sich dabei auf einen Befehl berufen haben, der es erlaubte, jedes Schiff anzugreifen, das die iranische Kontrolle über die Meerenge verletzt, ohne auf die Genehmigung des Zentralkommandos zu warten.
Ähnliche Befehle gab es auch bereits für die besonders heiße Kriegsphase, als die USA und der Iran Angriffswelle um Angriffswelle austauschten. So sollte damals sichergestellt werden, dass die iranischen Gegenschlagkapazitäten nicht durch Luftangriffe Israels und der USA auf die militärische Führung in Teheran lahmgelegt werden konnten.
Ein Anzeichen für die begrenzte Kontrolle der Führung über ihre Truppen ist die ausbleibende Bestätigung des Angriffs. Das Hauptquartier der Revolutionsgarden hat in anderen Fällen keine Zurückhaltung dabei gezeigt, Angriffe für sich zu reklamieren. In Teheran ringen verschiedene Fraktionen um die Strategie im Umgang mit den USA: Eskalation oder Verhandlungen?
Ein Katalysator für die Machtkämpfe im Iran: die fehlende zentrale Autoritätsfigur im Land. Im iranischen System kommt diese Rolle in der Theorie dem Obersten geistlichen Führer Ajatollah Modschtaba Chamenei zu. Doch dieser ist weiter völlig abgetaucht. Seit seiner Ernennung sind weder Bild- noch Tonaufnahmen von ihm veröffentlicht worden.
Chamenei-Vertrauter spinnt die Fäden
Lediglich vereinzelte schriftliche Stellungnahmen wurden der Öffentlichkeit präsentiert. Deren Authentizität wird jedoch immer wieder bezweifelt. Chamenei gleicht in der aktuellen Lage vielmehr einem Phantom, keinem Anführer. Selbst Präsident Peseschkian soll ihn erst zweimal seit der Amtsübernahme überhaupt persönlich gesehen haben, berichtet die "New York Times".
Der geistliche Führer soll bei den Luftangriffen, die seinen Vater Ali Chamenei töteten, ebenfalls verletzt worden sein. Wie schwer verwundet er ist, ist offen. Es gibt Berichte über möglicherweise entstellende Verletzungen an Rücken und Gesicht. Teheran selbst spricht nur von leichten Verletzungen und erklärt das Versteckspiel des obersten Führers mit der Angst vor einem Attentat durch Israel oder die USA.
Chamenei äußerte sich selbst nicht zu Angriffen auf die Tanker im Juli. Auch in einen daran anknüpfenden Machtkampf griff er öffentlich nicht mit einem Machtwort ein. Innerhalb der politischen und militärischen Führung im Nationalen Sicherheitsrat des Landes wurden im Nachgang der Attacken Berichten zufolge Vorwürfe des Hochverrats ausgetauscht.
Laut "New York Times" soll aber ein Hardliner aus dem engsten Umfeld Chameneis der Drahtzieher hinter dem Sabotageversuch der Verhandlungen stecken. Dabei soll es sich um den iranischen Religionsführer Hossein Taeb handeln.
Iran und USA attackieren sich gegenseitig
Taeb war über zwei Jahrzehnte Chef des Geheimdienstes der Revolutionsgarden, bevor er von Ali Chamenei 2022 nach mehreren Sicherheitsskandalen abgesetzt wurde. Nach dem Tod von Ali Chamenei kehrte er jedoch wieder in den engsten Zirkel um den religiösen neuen Führer des Landes, Modschtaba Chamenei, zurück. Taeb führt inzwischen die mächtige Basidsch-Miliz an, die für die blutige Niederschlagung von Aufständen im Land verantwortlich ist.
Um Taeb herum formiert sich offenbar Widerstand gegen den diplomatischen Kurs von Präsident Peseschkian und Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf. Auf welcher Seite dabei der Oberste Führer Chamenei steht? Unklar. Das Phantom äußerte sich in Bezug auf erste Verhandlungsergebnisse kryptisch.
Zwar gab er dem inzwischen weitgehend zertrümmerten Rahmenabkommen zwischen Teheran und Washington seinen Segen. In einer Stellungnahme begründete er dies aber mit der Entscheidung von Präsident und Nationalem Sicherheitsrat und nicht mit der eigenen Überzeugung. "Prinzipiell" vertrete er eine andere Position, hieß es in der Wortmeldung. Eine Vorlage, die von den Regime-Hardlinern als Zustimmung zur Konfrontation mit den USA gewertet wird.
In der iranischen Führung wird entsprechend seit Wochen debattiert, wie man die komplett verfahrene Situation mit der Trump-Regierung auflöst: neue Verhandlungen oder eine Eskalation? Die jüngsten Ereignisse vor Ort deuten auf Letzteres hin. Nach dem Beschuss iranischer Öltanker reagierte Teheran massiv. US-Stützpunkte in der Region und 20 Schiffe in der Straße von Hormus wurden alleine am Mittwoch vergangener Woche unter Feuer genommen. Eine Entwicklung ganz im Sinne der Hardliner.
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