Palästinenser aus Gaza im Westjordanland: Gestrandete Erntehelfer

In Israel lebten bis zum 7.Oktober 2023 rund 20.000 Palästinenser ganz legal. Aus Angst vor Abschiebung flohen einige ins israelisch besetzte Westjordanland.
Foto: Nedal Shtieh/zuma/imago
Unter dem gewölbten Dach des Gewächshauses beugt sich Ibrahim über die Pflanzkästen und drückt mit den Fingern Setzlinge ins feuchte Substrat. Seine Kollegen Ahmed und Younis bringen in Pappkartons Nachschub herbei. Während an den Hängen des Westjordanlands, wie hier nahe der Stadt Nablus, Anfang Oktober die Oliven schwer an den Bäumen hängen und auf die Ernte warten, pflanzen die drei Männer bereits für den Winter.
In wenigen Wochen sollen die Erdbeeren in den Kästen reif sein, prall und süß. „Das rote Gold“ hätten sie die Früchte früher genannt, erinnern sich die drei Männer. Damals, zu Hause im Gazastreifen, von wo Erdbeeren zeitweise sogar bis nach Europa exportiert wurden. „Darauf waren wir Menschen in Gaza stolz“, sagt Ibrahim.
Heute scheint all das weit entfernt. Der Gazastreifen liegt zwar nur weniger als hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Für Ibrahim, Ahmed und Younis, die eigentlich anders heißen, ist ihre Heimat im Süden des Küstenstreifens dennoch unerreichbar. Aus Sicherheitsgründen hat die taz ihre Namen geändert.
Als Palästinenser in Israel
Bis zum Hamas-Angriff auf Israel und dem Beginn des Gazakrieges hatten der 66-jährige Ibrahim und der 35-jährige Younis in Israel gearbeitet – nicht als Landwirte, sondern als Verkäufer und in einer Waschanlage. „Dort konnten wir mehr Geld als im Gazastreifen verdienen“, sagt Ibrahim. Wie sie besaßen vor Kriegsbeginn laut Menschenrechtsorganisationen rund 18.500 Palästinenser aus Gaza eine Arbeitserlaubnis für Israel.
Ahmed, 46, hielt sich damals hingegen aus einem anderen Grund im Land auf: „Ein Leberleiden“, sagt er. Vor dem Krieg beantragten laut Weltgesundheitsorganisation monatlich zuletzt mehr als 1.500 Patienten aus Gaza eine Genehmigung, um sich in Israel, Ostjerusalem oder im Westjordanland behandeln zu lassen.
Doch mit Kriegsausbruch annullierten Israels Behörden die Genehmigungen für palästinensische Arbeitskräfte und riegelten Grenzübergänge nach Gaza ab. Gleichzeitig wurden zahlreiche Menschen aus Gaza in Israel festgenommen, Tausende in den Küstenstreifen abgeschoben.
Flucht ins Westjordanland aus Angst vor Abschiebung
Um dem zu entgehen, flohen die drei Männer wenige Tage nach Kriegsbeginn heimlich ins von Israel besetzte Westjordanland. Hier, so hofften sie, würden sie für eine Weile Arbeit finden und ihre Familien finanziell unterstützen können. Dass sie drei Jahre später noch immer festsitzen würden, getrennt von ihren Angehörigen, während der Gazastreifen in Trümmern liegt – das hätten sie sich damals nicht vorstellen können.
Auf ihren Handys zeigen die Männer Fotos aus ihrem früheren Leben. Alle drei stammen aus dem Umland von Chan Junis. Ahmed hatte sein Haus erst drei Monate vor Kriegsbeginn fertiggestellt, erzählt er. Auf den Bildern sind neue Möbel und frisch gestrichene Wände zu sehen. „Die oberste Etage sollte einmal meinem jüngsten Sohn gehören“, sagt er. Dieser sei heute 16. Ahmed wischt weiter: Auf den nächsten Bildern sind nur noch Trümmer zu sehen. „Alles wurde zerstört.“
Auch das Zuhause von Younis sei den Bombardierungen zum Opfer gefallen. Seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder lebten heute in einem Zelt in Mawasi. Auf einem Foto steht die jüngste Tochter, inzwischen sechs Jahre alt, lächelnd in der Mitte zwischen ihren Brüdern. „Manchmal lüge ich meine Kinder an“, sagt Younis. „Ich sage ihnen, dass ich bald zurückkomme.“ Dabei weiß er nicht, ob er dieses Versprechen halten kann, auch wenn er sich große Sorgen macht.
Erst vor einem Monat sei einer seiner Brüder beim Wasserholen durch einen israelischen Luftangriff getötet worden. Obwohl im vergangenen Oktober eine Waffenruhe in Gaza in Kraft trat, gehen die Angriffe weiter. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden seit Beginn der Waffenruhe rund 1.400 Menschen getötet und fast 4.900 verletzt.
Leben im rechtlichen Vakuum
Im Westjordanland sei es verglichen mit Gaza zwar sicherer, sagen die drei Männer. Aber hier leben sie in einem rechtlichen Vakuum und sind vom Wohlwollen der palästinensischen Behörden abhängig. Unterschlupf haben sie in einem Stadion in Nablus gefunden. In vier umfunktionierten Umkleideräumen leben sie dicht an dicht mit rund drei Dutzend anderen Gestrandeten aus Gaza zusammen. „Es gibt keine Privatsphäre“, klagt Younis: „Wir schlafen dort auf Matratzen auf dem Boden.“ Allerdings meist tagsüber: Abends und nachts führe die israelische Armee regelmäßig Razzien im Stadion durch und nehme Menschen mit.
Auch ihr Plan, im Westjordanland mit Gelegenheitsjobs Geld zu verdienen, ging kaum auf. Seit dem Gazakrieg steckt die ohnehin angeschlagene palästinensische Wirtschaft in einer tiefen Krise. Die israelischen Behörden haben den Zugang zum Arbeitsmarkt in Israel und den völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen für die Mehrheit der palästinensischen Arbeitskräfte aus dem Westjordanland seit Oktober 2023 stark eingeschränkt. Hunderte zusätzliche Straßensperren, Checkpoints und Tore schränken die Bewegungsfreiheit weiter ein. Und auch zunehmende Siedlergewalt und die Einbehaltung palästinensischer Steuern durch Israel verschärfen die Schieflage.
Ablenkung und zumindest ein kleines Einkommen haben Ibrahim, Ahmed und Younis seit einigen Monaten in der kleinen Landwirtschaftskooperative gefunden, für die sie nun im Gewächshaus Erdbeeren anpflanzen. Für ihre Arbeit an zehn Tagen im Monat bekommen sie umgerechnet 500 Euro. Die Finanzierung stammt vom Popular Art Centre (PAC), das neben kultureller Arbeit auch gesellschaftliche Projekte unterstützt, sowie von dessen deutschem Partner, der Hilfsorganisation medico international. Weil Geldtransfers nach Gaza kompliziert und teuer sind und die Preise stark gestiegen sind, bleibt davon für ihre Familien allerdings nur eine begrenzte Unterstützung.
Rückkehr nach Gaza
Trotz der harten Realität in Gaza sagen die drei Männer, dass sie dorthin zurückwollen. Dann hätte wenigstens die Trennung von ihren Familien ein Ende. Doch das ist schwierig. Die israelische Menschenrechtsorganisation Gisha, die Rückkehrwillige aus Gaza bei der Koordination mit den israelischen Behörden unterstützt, berichtet der taz von einer wachsenden Zahl Hilfesuchender. Bis Ende August habe sie mehr als 300 Menschen, darunter Kinder, bei der Rückkehr geholfen. Der Prozess verlaufe jedoch schleppend und sei von langen Verzögerungen, willkürlichen Gepäckbeschränkungen und entwürdigender Behandlung geprägt. Mehr als 600 Menschen stünden derzeit auf der Warteliste.
„Bei gleichbleibendem Tempo könne es Monate oder sogar Jahre dauern, bis alle nach Gaza zurückkehren können“, so eine Pressesprecherin von Gisha. Manche Menschen seien mittlerweile so verzweifelt, dass sie sich direkt an israelische Behörden wenden und daraufhin festgenommen würden. Teils wochenlang müssten sie danach unter menschenunwürdigen Bedingungen in Haft auf ihre Rückkehr warten.
Bislang scheuen Ibrahim, Ahmed und Younis dieses Risiko. Sie wollen abwarten, hoffen auf eine Möglichkeit, zu ihren Familien zurückzukehren, ohne dafür ihre Freiheit oder Gesundheit aufs Spiel setzen zu müssen. Läuft alles nach Plan, werden sie im Dezember die Erdbeeren im Gewächshaus ernten. Dabei wäre ihnen inzwischen nichts lieber, als dann nicht mehr im Westjordanland zu sein.
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