«Das erste Mal, dass sie ein Flugzeug besteigen»

Darum gehts
- An der U15-WM in Baku misst sich der Nachwuchs von 189 Verbänden in fast 1000 Spielen.
- Der frühere Nationalspieler Philippe Senderos unterstützt für die Fifa im Entwicklungsprogramm von Arsène Wenger Verbände.
- Die Schweiz und Deutschland nehmen nicht teil; der SFV nennt «sportliche und technische Gründe».
189 Verbände – darunter 78, die zum ersten Mal an einer Fifa-WM teilnehmen, fast 1000 Spiele: An der U-15-WM in Baku will die Fifa jungen Fussballern internationale Erfahrungen ermöglichen. Der frühere Schweizer Nationalspieler Philippe Senderos arbeitet in Arsène Wengers Entwicklungsprogramm.
Philippe Senderos, was ist Ihre Aufgabe bei der Fifa?
Ich bin Teil des Talent Development Scheme, des Entwicklungsprogramms von Arsène Wenger. Wir unterstützen Verbände dabei, Strukturen und Abläufe aufzubauen, damit junge Spieler eine Chance erhalten. Dabei helfen wir finanziell, vor allem aber mit Fachleuten.
Ist das alles?
Wir versuchen auch, alle Beteiligten in einem Verband auf eine gemeinsame Strategie für die Nachwuchsentwicklung auszurichten. Ein Turnier wie dieses gibt den Jungen die Möglichkeit, sich zu messen. Gleichzeitig fordert es die Verbände heraus, ihre Teams vorzubereiten und weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Nachwuchsentwicklung ist das ein fantastischer Moment für die Fifa und für unsere Programme.
Wie entstand die Idee, so viele Nationalteams zu einem U-15-Turnier zusammenzubringen?
Arsène Wenger hat sich stark dafür eingesetzt, dass die U-17-Weltmeisterschaft jährlich stattfindet. Wie wir im vergangenen Jahr gesehen haben, war das für die Jungen und Mädchen ein unglaubliches Ereignis. Seine Idee war, noch einen Schritt weiterzugehen: eine Weltmeisterschaft, ein Festival für die U15.
Was ist das grosse Ziel?
Alle sollen teilnehmen können, ohne sich zuvor qualifizieren zu müssen. Der Wettbewerb beginnt erst hier. Das übergeordnete Ziel ist die Entwicklung: den Kindern die Möglichkeit zu geben, Fussball zu spielen. Ich bin hier, um sie dabei zu unterstützen. Sie sollen sich präsentieren und mit Mannschaften aus aller Welt messen können.
Welche Verbände betreuen Sie persönlich?
Die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudiarabien und Bahrain.
Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?
In allen diesen Ländern wird gearbeitet, und das ist das Wichtigste. Der Fokus liegt nicht nur auf den A-Nationalteams, sondern auch auf dem Nachwuchs und den übrigen Nationalteams. Entscheidend ist, dass die Arbeit an der Basis ansetzt. Ich geniesse meine Rolle sehr, weil wir mit der Fifa die Verantwortlichen dabei unterstützen und beeinflussen können, diese Basis zu verbessern. Davon können später auch die Nationalteams profitieren.
Was bereitet Ihnen an Ihrer Arbeit die grösste Freude?
Diese Jugendlichen im Wettbewerb zu sehen. Für viele ist es das erste Mal, dass sie ihr Land verlassen, das erste Mal, dass sie ein Flugzeug besteigen. Das ist eine Lebenserfahrung und zugleich eine Erfahrung als Fussballer, die ihnen auch später im Leben helfen wird.
Hat Sie eines der Teams aus den von Ihnen betreuten Ländern besonders überrascht?
Nein, das kann ich im Moment nicht sagen. Ergebnisse sind die Folge der geleisteten Arbeit, aber auch der Chancen, die ein Team zuvor erhalten hat. Für viele Spieler ist das hier die erste Gelegenheit, international Fussball zu spielen und sich mit anderen Verbänden zu messen. Genau darum geht es bei diesem Turnier: Es soll ein Festival sein und den Kindern die Möglichkeit geben, auf diesem Niveau anzutreten.
Schweiz und Deutschland nehmen nicht an der U15-WM teil
Was lässt sich aus dem Turnierformat für die Zukunft mitnehmen?
Ich finde es sehr interessant: viele Spiele, viele Möglichkeiten, sich zu messen, und eine kürzere Spieldauer. Die Spieler sind häufiger am Ball und haben weniger Zeit zum Überlegen. Dadurch sieht man ihre Entwicklung deutlicher. Die Intensität ist hoch. Und bei allem Festivalgedanken zeigt sich auch: Am Ende will jeder gewinnen und gibt alles dafür.
War die Arbeit mit jungen Talenten nach Ihrer Spielerkarriere ein bewusster Plan?
Nach meinem Rücktritt habe ich beim spanischen Verband Lehrgänge zum Sportdirektor absolviert und anschliessend ein Diplom im Club Management erworben. Danach war ich dreieinhalb Jahre als Sportdirektor bei einem Verein tätig. Mit Arsène Wenger blieb ich stets in Kontakt.
Und dann?
Irgendwann ergab sich die Gelegenheit, in sein Team zu wechseln. Für mich ist es eine unglaubliche Möglichkeit, Teil der Fifa und dieses Entwicklungsprogramms zu sein. Wir sehen, welche Chancen wir vielen Kindern eröffnen können, die früher keine solche Möglichkeit gehabt hätten.
Was ist schwieriger: mit Arsène Wenger als Trainer oder als Chef zu arbeiten?
Beides ist ein Vergnügen. Als Spieler habe ich sehr viel von ihm gelernt. Jetzt lerne ich viel von seinem Blickwinkel ausserhalb des Platzes. Bei Turnieren wie diesem oder der U-17-WM an seiner Seite zu sein, ist ein unglaublicher Vorteil. Wir bei der Fifa können uns glücklich schätzen, ihn zu haben.
Kann er Talente noch immer so gut entwickeln wie damals als Trainer?
Auf jeden Fall, absolut. Deshalb hat er auch die Rolle als Leiter der globalen Fussballentwicklung. Er kann nicht nur Spieler entwickeln, sondern auch einflussreiche Menschen dazu bringen, anders zu denken. Ich glaube, genau das ist das Wichtigste.
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredaktor und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.
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