Russische Angriffe auf Kraftwerke: Was die Ukraine im Winter erwartet
Kurz vor Beginn der Heizperiode greift Russland erneut die Energieinfrastruktur der Ukraine an. So wurden Mitte dieser Woche Anlagen in Kyjiw von ballistischen Raketen getroffen, so Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Telegram. Ziel sei das Heizkraftwerk Nr. 4 gewesen, "eine der wichtigsten Energieanlagen Kyjiws", heißt es in einem der Posts. Nach Angaben von Ministerpräsident Serhij Korezkyj attackierte Russland alle drei Heizkraftwerke der ukrainischen Hauptstadt.
Welche Folgen haben die jüngsten Angriffe?
Der Energieexperte Hennadij Rjabzew hält es noch für zu früh, die Folgen dieser Angriffe bewerten zu können. "Offiziell startet die Heizperiode am 1. November. Tatsächlich beginnt sie aber erst, wenn die Lufttemperatur an drei aufeinanderfolgenden Tagen unter acht Grad Celsius liegt. Daher kann man nicht sagen, dass die Bewältigung der Heizperiode schon jetzt zum Scheitern gebracht worden ist", so der Experte gegenüber der ukrainischen Nachrichtenagentur UNIAN.
"Es gibt Schäden, doch wie gravierend diese sind, lässt sich wenige Stunden nach den Angriffen noch nicht feststellen. Dass derzeit Strom fließt, wenn auch mit Unterbrechungen, deutet jedoch darauf hin, dass die Energieanlagen keine wesentlichen Schäden erlitten haben", meint Rjabzew.
Reparaturen und Notfallpläne in Kyjiw
In Kyjiw wurden die Heizkraftwerke, die zum großen Teil die Stadt mit Fernwärme versorgen, schon im vergangenen Winter durch russische Angriffe erheblich beschädigt. Die Schäden an der Stromerzeugung in den Kraftwerken Nr. 5 und Nr. 6 sind beispielsweise so groß, dass man eine Instandsetzung für wirtschaftlich unrentabel hält.

Im privat geführten Heizkraftwerk Darnyzja seien die Anlagen zur Wärmeerzeugung repariert worden, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Kyjiwer Stadtverwaltung, Petro Pantelejew. Gleichzeitig laufe der Bau fünf neuer Kraftwerke mittlerer Leistung als Ersatz für das Heizkraftwerk Nr. 4. "Die Arbeiten könnten bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Ich schätze, dass die Projekte derzeit zu 50 bis 60 Prozent fertig sind", so Pantelejew.
Neben den großen Heizkraftwerken gibt es in Kyjiw rund 150 mittelgroße Kesselhäuser, die fast die Hälfte der Stadt mit Wärme versorgen. Insgesamt, so die Behörden, seien die Vorbereitungen auf die Heizperiode bislang zu 80 Prozent umgesetzt worden. Laut Pantelejew dauern auch die Reparaturen an den Leitungsnetzen noch an.
Gleichzeitig bereiten sich die Behörden auf Worst-Case-Szenarien vor. Für den Fall eines längeren Ausfalls der Wärmeversorgung erstellen sie Listen mit Einwohnern, die eingeschränkt mobil sind. In kritischen Situationen soll ihnen so schnell geholfen werden können sowie Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden.
Vorbereitungen an vorderster Front
Einen landesweit einheitlichen Termin für den Beginn der Heizsaison gibt es nicht. Die Heizsaison in der Ukraine startet, sobald die Wetterbedingungen dies erfordern. Über den genauen Zeitpunkt entscheiden die Kommunalverwaltungen der jeweiligen Städte und Gemeinden.
Am schwierigsten ist die Lage nahe der Front. Die Millionenstadt Charkiw, 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, entwickelt seit einigen Jahren eine dezentrale Wärmeversorgung aus Heizzentralen in Modulbauweise. "Man kann das ganze Heizsystem nicht in einem, zwei oder drei Jahren umstellen, da es eine Abhängigkeit von großen Heizkraftwerken gibt", erläuterte der Bürgermeister Ihor Terechow unlängst dem Portal RBC-Ukraine.
Er warnte, dieser Winter könnte trotz aller Vorbereitungen härter werden als der vergangene. "Es ist schwer, alle Folgen möglicher Angriffe vorherzusehen. Unsere kommunalen Dienste werden aber rund um die Uhr Schäden beheben", versicherte Terechow im ukrainischen Fernsehen.
Auch Kramatorsk, nur acht Kilometer von der Frontlinie entfernt, bereitet sich auf den Winter vor. "Täglich gibt es Schäden. Aber das Heizkraftwerk, die Hauptwärmequelle der Stadt, ist so gut wie bereit für die Heizperiode. Wichtige Teile der Anlage werden durch Gabionen und Netze geschützt", berichtet Roman Polischtschuk, Direktor von Kramatorskteploenergo.
Gleichzeitig beklagt er eine unzureichende Finanzierung. "Zum Start der Heizperiode sollten wir von der Regierung 50 Millionen Hrywnja (umgerechnet ca. eine Million Euro) für Reparaturen und Schutzvorrichtungen bekommen. Doch der Verwendungszweck der Gelder wurde geändert und bei uns kam letztlich nichts aus dem Topf zur Vorbereitung auf den Winter an. Wir konnten uns nur dank der Hilfe von UNICEF, die uns Rohre, Chemikalien und andere notwendige Ausrüstung zur Verfügung stellte, auf den Winter vorbereiten", sagt er.

Polischtschuk zufolge fehlt es ferner an Reparatur-Trupps und Reserven für Ausrüstung. "Letztes Jahr hatten wir 32 Betriebsausfälle aufgrund von Beschuss. Umspannwerke brannten, das Kessel- und Turbinenwerk sowie die Chemieabteilung wurden beschädigt. Damals hatten wir noch Reserven, aber die kommende Saison wird für uns definitiv schwieriger", befürchtet der Leiter von Kramatorskteploenergo.
Warnung an die Einwohner von Cherson
Am kritischsten ist die Lage in der Stadt Cherson, die ständig angegriffen wird. Ende des Sommers attackierte Russland das dortige Heizkraftwerk und verursachte den Behörden zufolge "sehr schwere Schäden". "Diesen Winter wird es keinen gewohnten Betrieb des Heizkraftwerks geben", schreibt der Leiter der Gebietsverwaltung, Oleksandr Prokudin, auf Telegram. Man müsse wissen, dass in Cherson nicht nur über Stunden oder Tage, sondern über einen langen Zeitraum Strom und Wärme ausfallen könnten.
Die Behörden appellieren daher an die Einwohner, sich in sicherere Regionen zurückzuziehen. "Dieses Jahr gibt es viele starke Waffen wie Gleitbomben. Deswegen kann von einem physischen Schutz kritischer Anlagen keine Rede sein. Man kann eine Anlage von der Höhe eines fünfstöckigen Gebäudes vor ballistischen Raketen oder Bomben nur schwer schützen", sagt Chersons Vize-Bürgermeister Serhij Orechow.
Ihm zufolge setzt die Stadt dennoch Projekte zur Wärmeversorgung um. Ihnen stehe aber eine fehlende Finanzierung sowie die schwierige Sicherheitslage im Wege, beklagt er. "Viele Bauunternehmen trauen sich nicht, zu uns in die Kampfzone zu kommen. Sie wollen auch ihre Ausrüstung keinem Risiko aussetzen. Hinzukommt ein Personalmangel in den Betrieben, die nur zu 40 bis 60 Prozent besetzt sind", erläutert er im DW-Gespräch.
Was auf die Ukrainer im Winter zukommt
Laut der ukrainischen Regierung wurden bereits fast 70 Milliarden Hrywnja (umgerechnet ca. 1,4 Milliarden Euro) zur Vorbereitung auf den Winter bereitgestellt, wovon fast 44 Milliarden Hrywnja (ca. 880 Millionen Euro) für den Schutz kritischer Infrastruktur vorgesehen sind.

Mykola Kolomyjtschenko, Energieexperte und Ex-Vorstandsmitglied der Staatlichen Agentur für Energieeffizienz, weist im DW-Gespräch darauf hin, dass es dennoch zu Ausfällen bei der Gasversorgung kommen könnte, was das größte Problem für die Heizperiode wäre. "Die Russen könnten mehrere Verteilerpunkte angreifen, um die zentrale Versorgung zu unterbrechen. Sie greifen bereits die Gasspeicher an", warnt er. Kolomyjtschenko ist pessimistisch, was die Wärmeversorgung in diesem Winter angeht, und rät den Haushalten, sich in erster Linie auf eine eigene Energieversorgung zu verlassen, anstatt auf zentralisierte staatliche Lösungen zu hoffen.
Oleksandr Chartschenko vom Kyjiwer Zentrum für Energieforschung hingegen meint, dass die Vorbereitungen auf den Winter besser laufen als im vergangenen Jahr. Er ist optimistisch, was die Gasversorgung angeht. "Das ukrainische Gasleitungssystem ist inzwischen zweimal, sogar dreimal größer. Selbst wenn irgendwo ein Knotenpunkt beschädigt wird, kann er innerhalb von Stunden wiederhergestellt werden. Auch die Gasreserven geben Anlass für Optimismus. Daher erwarte ich keine Probleme bei der Gasversorgung", so der Experte.
Seiner Meinung nach drohen den meisten Städten Angriffe auf Heizkraftwerke und Heizanlagen. "Sie laufen schon und man muss wissen, dass es viel schwieriger ist, eine Ausweichversorgung für Wärme als für Strom sicherzustellen", so Chartschenko, der ein Ersatzteillager für schnelle Reparaturen von Heizkraftwerken für nötig hält. "Heizkessel bestehen aus Rohren mit unterschiedlichen Durchmessern. Wenn man Ersatzteile und entsprechende Rohre vorrätig hat, kann man sie reparieren", betont er.
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