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Wednesday, November 4, 2026

Rohstoffboom in Brasilien: Ein Dorf wehrt sich

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Im brasilianischen Bundesstaat Bahia haben Anwohner ein Gesetz gegen Bergbau durchgesetzt. Dennoch gehen die Erkundungsarbeiten weiter.

Zunächst tauchten plötzlich Fremde in der Gegend auf. Sie kamen mit dem Auto, hielten mitten auf der Straße und sammelten Sand ein. Später begannen sie, Grundstücke zu betreten und Markierungen auf dem Gelände anzubringen. Schließlich sprachen die Be­woh­ne­r*in­nen der ländlichen Gebiete von Itarantim, einer Stadt im Südwesten des brasilianischen Bundesstaates Bahia, die Unbekannten direkt an. Diese wollten Bohrungen auf ihren Grundstücken durchführen und boten dafür etwas Geld und zahlreiche Versprechungen.

„Sie erweckten den Eindruck, als hätten sie etwas so Wertvolles wie Erdöl gefunden“, erzählt der 43-jährige Juliano Coelho, Bewohner und Vorsitzender der Gemeindevertretung von Corgão in Itarantim.

Euromérica-Workshop

15 Jour­na­lis­t:in­nen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.

Die Fremden waren gekommen, um nach jenen Rohstoffen zu suchen, die derzeit als neuer Reichtum der Welt gehandelt werden: kritische Mineralien und Seltene Erden. Als die Be­woh­ne­r*in­nen verstanden, worum es ging, beschlossen sie, sich gegen die Erkundungsarbeiten in ihrer Region zu organisieren.

Gemeinsam erarbeiteten sie ein Gesetzesvorhaben und setzten dessen Verabschiedung durch. Es verbietet sämtliche Erkundungs- und Bergbauaktivitäten auf ihrem Territorium. Angesichts der zunehmenden Spekulation mit Rohstoffvorkommen in Brasilien, das nach China über die zweitgrößten Reserven an Seltenen Erden weltweit verfügt, kämpfen die Menschen in Itarantim nun darum, dass ihr Gesetz auch tatsächlich eingehalten wird.

Ein Jahr Widerstand

Das im August 2025 vom Stadtrat einstimmig verabschiedete und nur zehn Tage später von der Stadtverwaltung unterzeichnete Gesetz stellt die sechs Gebirgszüge der Gemeinde unter Schutz. Sie gelten fortan als Natur-, Landschafts- und touristisches Erbe und sind vor Aktivitäten mit hohen Umweltauswirkungen wie dem Bergbau geschützt.

In Brasilien können Bür­ge­r*in­nen einer Gemeinde selbst einen Gesetzesvorschlag in den Stadtrat einbringen, ohne dafür auf die Unterstützung eines Abgeordneten angewiesen zu sein. Dieses in der Verfassung verankerte Recht setzt allerdings voraus, dass mindestens fünf Prozent der Wahlberechtigten der Gemeinde den Vorschlag unterstützen.

Als Bewohner der Gemeinde Água Vermelha bemerkten, dass Fremde für Bergbauprojekte ihr Land betraten, begann im August 2024 eine breite Mobilisierung für das spätere Gesetz. Die Menschen errichteten eine Protestblockade, um von dem Erkundungsunternehmen Cacto Consultoria Erklärungen zu den geplanten Arbeiten zu verlangen. Die Aktion endete damit, dass die Mitarbeiter des Unternehmens das Gebiet verlassen mussten.

Daraufhin formierte sich Widerstand unter Kleinbauern und -bäuerinnen, ländlichen Vereinigungen, Lehrkräften und religiösen Gemeinden gegen die Erkundung des Schwermetalls Niob und Seltener Erden. Be­woh­ne­r*in­nen aus Stadt und Land schlossen sich zusammen und gründeten eine Bürgerkommission für Umweltfragen. Sie sammelten schnell die nötigen Unterschriften, organisierten Aufklärungsveranstaltungen sowie zwei Demonstrationen.

Schlüsselrolle für Brasilien

Die Nachfrage nach Rohstoffen für die Energiewende und Digitalisierung hat Brasilien in eine strategisch wichtige Position im globalen Wettlauf um Bodenschätze gebracht. Die Vorkommen an Niob, Naturgraphit, Nickel und Seltenen Erden sowie das Potenzial zur Förderung von Kupfer, Lithium und Silizium könnten dazu beitragen, die Abhängigkeit der USA und der Europäischen Union vom chinesischen Rohstoffmarkt zu verringern.

Brasilien fördert beispielsweise mehr als 90 Prozent des weltweit produzierten Niobs. Das Mineral ist auch einer der Gründe für die Erkundungsarbeiten in Itarantim. Zugleich ist das Land bereits ein bedeutender Rohstofflieferant für ausländische Märkte. Eine Studie der brasilianischen Agentur für Exportförderung und Investitionen (ApexBrasil) zeigt, dass die Europäische Union 2025 insgesamt 37,6 Prozent der brasilianischen Exporte von neun kritischen Rohstoffen abnahm: Kupfer, Niob, Silizium, Nickel, Lithium, Graphit, Seltene Erden, Phosphat und Kalium.

Laut der Studie könnten europäische Regulierungsrahmen und spezielle Förderprogramme wie der Critical Raw Materials Act (CRMA), die Global-Gateway-Initiative und die European Raw Materials Alliance (ERMA) Brasilien zu einem wichtigen Partner bei der Diversifizierung europäischer Rohstofflieferanten machen. Ein formelles Abkommen über die Rohstoffversorgung wie mit anderen lateinamerikanischen Ländern gibt es zwar nicht. Die EU spricht jedoch von einer bereits etablierten Zusammenarbeit mit Brasilien in diesem Bereich.

Die internationale Nachfrage schlägt sich unmittelbar in den Erkundungsaktivitäten vor Ort nieder. Ziel ist es, die Förderkapazitäten auszuweiten. Nach Angaben der brasilianischen Bergbaubehörde ANM verfügt Itarantim über 158 erteilte Genehmigungen zur mineralischen Erkundung. 44 davon betreffen Niob und Seltene Erden.

Vertiefung historischer Konflikte

Itarantim liegt in Bahia, einem der brasilianischen Bundesstaaten, die im Zentrum des Wettlaufs um Seltene Erden und kritische Rohstoffe stehen. Bis Juli 2026 entfielen 37 Prozent der mehr als 2.700 Bergbauverfahren zu Seltenen Erden in Brasilien auf Bahia.

„Die Anträge auf Flächen für die mineralische Erkundung und den Abbau überschneiden sich in weiten Teilen mit den Gebieten indigener und traditioneller Gemeinschaften“, erklärt Valdirene Rocha, Professorin am Bundesinstitut für Bildung, Wissenschaft und Technologie von Bahia. Ihr zufolge verschärft der Wettlauf um Rohstoffe die historischen sozialökologischen Konflikte in der Region. „Diesen Projekten liegt eine kapitalistische Logik zugrunde, die auf Profit ausgerichtet ist“, meint Rocha. „Sie stehen im Widerspruch zu den Formen des Zusammenlebens mit den Territorien, für die die Menschen lange gekämpft haben.“

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Wie schwierig die Durchsetzung des Gesetzes ist, zeigt sich daran, dass die Erkundungsarbeiten in Itarantim trotz seiner Verabschiedung und seines Inkrafttretens weitergehen. Die Stadtverwaltung hätte innerhalb eines Jahres einen Bewirtschaftungsplan für das geschützte Gebiet vorlegen müssen. Das sei jedoch bis heute nicht geschehen, kritisiert Mateus Britto vom Zentrum für Studien und soziales Handeln (Ceas).

Keine Lösung in Sicht

Auch die mineralische Erkundung geht weiter. Im April 2026 mobilisierte die Gemeinde erneut, um die Aktivitäten der Cacto Consultoria zu stoppen. Die Bewohner werfen dem Unternehmen vor, Straßen anzulegen und Wasserläufe zu verändern.

Das Unternehmen soll von einigen örtlichen Großgrundbesitzern die Erlaubnis erhalten haben, seine Arbeiten fortzusetzen. Diese Zustimmung nutzte es nach Darstellung der Be­woh­ne­r*in­nen als Rechtfertigung für seine Aktivitäten. Zivilgesellschaftliche Organisationen reichten daraufhin eine Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Bahia ein. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Stadtverwaltung beantworteten eine Anfrage der taz.

Cacto Consultoria bestätigte hingegen, weiterhin technische Feldarbeiten und hydrogeologische Untersuchung durchzuführen. „Der Streit über die kommunalen Einschränkungen wurde den Gerichten vorgelegt“, erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme. Ein Gericht habe daraufhin eine einstweilige Verfügung zugunsten des Unternehmens erlassen. Diese erlaube allerdings weder den kommerziellen Abbau noch die Aufbereitung von Mineralien.

Alice de Souza ist eine Umweltjournalistin aus Brasilien. Sie arbeitet unter anderem für The Intercept Brasil.

Aus dem Portugiesischen von Niklas Franzen

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