Fobizz: Lehrkräfte entwickeln eher Lernbegleiter als Assistenten für sich selbst
Einer internen Auswertung zufolge entwickeln Lehrkräfte, die mit Fobizz arbeiten, KI-Assistenten vor allem für ihre Schülerinnen und Schüler und weniger für sich selbst. Sie konzipieren sie als konkrete Lernbegleiter, eng orientiert an Fach oder Lehrplan. Erst danach geht es um Assistenten für Unterrichtsgestaltung und Materialerstellung. Das geht aus einem Praxisbericht der Fortbildungsplattform hervor, der 410 selbst erstellte Assistenten von 403 Lehrkräften untersucht hat. Die Assistenten entstanden im Rahmen von vier Kohorten des Fobizz-Zusatzqualifikations-Angebots „KI-Grundlagen“ und im englischsprachigen „AI Literacy Training“ – also von (internationalen) Lehrkräften, die sich aktiv fortbilden.
Tatsächliche Nutzungsabsicht verstehen
Mit dem Praxisbericht versucht Fobizz, der Frage nachzugehen, wie Lehrkräfte tatsächlich Assistenten für ihre Arbeit gestalten und für wen. Eine Frage, die seit der Verfügbarkeit solcher Assistenten in der Bildungsbranche diskutiert wird. Laut der Auswertung von Fobizz beschreiben Lehrkräfte ihre Assistenten zuallererst mit Lern- und Schülerbezug. Sie werden unter anderem als Fachtutor, Übungspartner, Schreibcoach und Dialogpartner bezeichnet.
Sie seien auch stark an dem jeweiligen Fach, der Schulform und den Lehrplänen orientiert. Wenn Lehrkräfte Assistenten für sich selbst gestalten, nutzen sie diese vor allem zur Unterrichtsplanung und Materialerstellung und weniger für die Schulorganisation oder auch Bewertung, Förderung und Diagnostik von Schülerinnen und Schülern. Insbesondere Letzteres gilt als ein hochumstrittener Einsatz, da ein Chatbot nur von Schülerinnen und Schülern erfährt, was sie im Austausch mit ihm preisgeben oder Lehrkräfte zu ihnen dokumentieren. Die vielen anderen Datenpunkte zu Schülern, die Lehrkräfte in ihrem Alltag erhalten, bleiben komplett unerfasst.
Lehrkräfte gestalten doppelt so viele Assistenten als Lernbegleiter und Fachtutoren für ihre Schülerinnen und Schüler wie Assistenten für sich selbst, die bei Unterrichtsgestaltung und Materialerstellung helfen sollen.
(Bild: Fobizz)
Der Auswertung zufolge sollen 140 der 410 untersuchten Assistenten Fachinhalte erklären, Fragen beantworten oder Schülerinnen und Schüler beim Verstehen begleiten. 69 der Assistenten seien für die Unterrichtsplanung und Materialerstellung ausgelegt und 50 weitere für Sprachen, Schreiben und Textfeedback. Am meisten wurden – auf Grundlage von gemachten Angaben zu Schulen des deutschen Schulsystems (n=336) – Assistenten für berufliche Schulen entwickelt: 85 Stück. Mit wenig Abstand folgen Gymnasien mit 78 und Grundschulen mit 70 Assistenten. Für Gesamtschulen wurden noch 45 entwickelt, für Realschulen 36, für Förderschulen 12 und für die immer weiter verschwindenden Hauptschulen 10. Eine weitere Auswertung fasst zusammen, dass 281 der Assistenten (69 Prozent) für Lernende ausgelegt sind, 94 (23 Prozent) für Lehrkräfte und 35 (9 Prozent) für Eltern, Verwaltung und die Schule an sich.
Dass die Assistenten für Lernende auch tatsächlich in der Praxis genutzt wurden, sollen folgende Zahlen belegen. Mit den 410 Assistenten wurden bis zum Datenstand vom 8. Juni 2026 insgesamt 12.528 sogenannte „Gespräche“ geführt. Rund 8750 dieser Gespräche sollen ausschließlich auf die Kategorie für Lernende entfallen sein. Auch hier gilt Fobizz' eigene Mahnung zum Praxisbericht: Was tatsächlich in den Schulen passiert, lässt sich anhand der erhobenen Daten vermuten, aber nicht stichhaltig belegen.
Und selbst die Zuordnung der 410 Assistenten zu Funktionskategorien wie „Fachtutor“ oder „Schreibcoach“ muss mit Vorsicht betrachtet werden. Die Zuschreibungen erfolgten ausschließlich „regelbasiert“ über Titel und Beschreibung der jeweiligen Assistenten. Damit liefert der Bericht einen Einblick in die pädagogischen Entwürfe und Absichten von Lehrkräften, aber nicht deren konkrete Wirkung. Deshalb unterstreicht Fobizz in der Auswertung, dass es sich bei der Kategorisierung um eine „Näherung“ handelt. Der Bericht muss sich vollständig auf die Zuschreibungen und Verschlagwortungen der Lehrkräfte verlassen. Trotzdem zeigen die recht großen Abstände zwischen den erfassten Kategorien, dass Lehrkräfte ihre Assistenten überwiegend schülerorientiert konzipiert haben.
Was Fobizz unter einem KI-Assistenten versteht
Technisch handelt es sich bei einem Fobizz-Assistenten nicht um eine eigenständige KI-Modellklasse, sondern um einen konfigurierbaren Chatbot auf Basis eines großen Sprachmodells. Lehrkräfte wählen bei der Erstellung ein Modell – zur Verfügung stehen laut Fobizz-Dokumentation etwa GPT-5 oder GPT-4o-mini von OpenAI sowie Mistral Small von Mistral AI – und versehen es mit einer Rollenbeschreibung, Instruktionen sowie optional hochgeladenen Dokumenten als Hintergrundwissen.
Darüber hinaus können Lehrkräfte bis zu vier Plugins für ihre Schüler aktivieren, darunter Websuche, Wikipedia, YouTube, WolframAlpha oder einen Bildgenerator. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Chatbot liegt damit vor allem in der Konfiguration: Während ein allgemeiner Chatbot ohne spezifische Vorgaben antwortet, ist ein Fobizz-Assistent auf ein bestimmtes Fach, eine Altersgruppe oder eine konkrete Lernaufgabe zugeschnitten. Technisch ermöglicht die Plattform, dass Lehrkräfte ihre Assistenten über sogenannte KI-Klassenräume mit Schülerinnen und Schülern teilen. Diese benötigen dafür laut Fobizz kein eigenes Konto, sondern erhalten Zugang über ein Pseudonym im Klassenraum der Lehrkraft.
Internationale Lehrkräfte und internationale Bestrebungen
In dem Bericht wird unter anderem darauf verwiesen, dass 340 der 410 Assistenten von Lehrkräften in Deutschland gestaltet wurden. 48 wurden von Lehrkräften aus dem Ausland entwickelt und bei 22 fehlte eine Länderangabe. Laut Fobizz sei die internationale Teilgruppe für Ländervergleiche allerdings so klein und einseitig zusammengesetzt gewesen, dass der Bericht sich nur auf Aussagen zur Praxis in Deutschland konzentriere.
Dieser Hinweis ist für den Bericht wichtig, verweist darüber hinaus allerdings auf eine weitaus bedeutendere Entwicklung für Fobizz. Das 2018 gegründete deutsche Startup sucht schon seit einiger Zeit weitere Märkte im Ausland. Das dürfte unter anderem etwas mit der Entwicklung von AIS.chat durch das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) im Auftrag der Bundesländer zu tun haben. Private Anbieter für digitale Bildungsangebote und auch Verlage hatten diese Kooperation bereits im Mai mit einem offenen Brief kritisiert, da von einer Wettbewerbsverzerrung zugunsten eines staatlichen Anbieters ausgegangen wird. Schon Probleme im Vergabeverfahren an das FWU hatten für Ärger gesorgt. Darüber hinaus ähnelt AIS.chat dem Angebot von Fobizz, und da mittlerweile immer mehr Bundesländer AIS.chat bei sich einführen, dürfte sich das absehbar negativ auf die in der Vergangenheit vereinbarten Fobizz-Länderlizenzen in Deutschland auswirken.
Dass Fobizz nun also auch immer mehr Daten zu internationalen Lehrkräften sammelt, ist ein logisches Nebenprodukt. Die eingeschlagene Strategie wurde aber auch gerade erst mit einem neuen Zusammenschluss festgezurrt: Am 23. September informierte das Unternehmen darüber, dass Fobizz nun Teil von Infinitas Learning ist. Damit sei das Startup nun Teil einer europäischen Bildungsgruppe mit Unternehmen in sechs Ländern – Belgien, Deutschland, Niederlande, Polen, Portugal und Schweden.
Infinitas Learning hat im gleichen Zug die Infinitas Learning EdTech Holding gegründet, in der die digitalen Bildungsplattformen der Gruppe zusammengeführt werden, wie etwa LessonUp, Squla und StudyGo. Durch Fobizz und seine Tochterfirma „To Teach“ gewinne die Gruppe nun einen Anbieter für Lehrkräfte und Schulen im deutschsprachigen Raum, heißt es. Das Team um Gründerin und CEO Dr. Diana Knodel bleibe auch komplett bei Fobizz. Die Unternehmen blieben alle eigenständig, würden aber durch die Holding vom Erfahrungsaustausch, vom Zugang zu anderen Märkten und von gemeinsamen Projekten profitieren. Knodel fasste es wie folgt zusammen: „Wir bleiben, wer wir sind – mit europäischem Blick.“
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.