Rechenzentren: Europas harter Weg zur digitalen Souveränität
Mit Rechenzentren verhält es sich nicht viel anders als mit Kohle- oder Windkraftwerken: Die meisten Menschen wollen ihre Leistung nutzen, aber die wenigsten wollen sie direkt vor ihrer Haustür haben. Und so gibt es neben der aktuellen globalen Debatte um die Gefahren von Künstlicher Intelligenz auch häufig eine lokale, wenn irgendwo die physische Infrastruktur dafür entstehen soll.
In Europa sind die Bedenken besonders groß. Auf dem Kontinent entstehen gerade zahlreiche Rechenzentren, weil viele Regierungen und Unternehmen ihre Daten lieber in Europa als beim Rechenleistungs-Weltmarktführer USA lagern wollen. Doch die digitale Souveränität hat den Preis, dass auch verstärkt europäische Ressourcen verbraucht werden.

Wie sehr das Thema die Gemüter erhitzt, zeigte sich vor wenigen Tagen in London, als der australische Design-Dienstleister Canva ein neues KI-Tool vorstellte. Von der Präsentation ging ein Video viral, das nicht etwa die neuen KI-Produkte zeigt, sondern eine Aktivistin, die in Richtung der Bühne ruft: "Ihr sagt, dass eure Produkte für die Menschen sind, aber die Menschen haben Angst vor ihnen. Sie haben Angst, wenn zwei Dritteln des Landes wegen 500 angeschlossener Rechenzentren Dürren drohen." Der Vorwurf bezieht sich vermutlich auf eine Analyse des "Guardian", wonach die meisten geplanten KI-Rechenzentren in den USA trotz ihres Wasserverbrauchs in Gebieten mit hoher Dürregefahr gebaut werden sollen. Im Video sagt sie noch weitere Sätze, bevor eine Ordnerin sie aus dem Saal eskortiert.
Große Sorgen vor Strom- und Wassermangel
Einer DW-Analyse zufolge stößt das Thema seit einigen Monaten verstärkt auf Interesse in den Sozialen Medien: Im Juli wurden Videos über Rechenzentren weltweit gut 70 Millionen Mal angesehen. Zuletzt kamen rund 40 Prozent der globalen Klicks aus Europa - wo allerdings nur rund neun Prozent der Weltbevölkerung leben.
Über den heißen und trockenen europäischen Sommer ist der Ressourcenverbrauch maßgeblich ins Zentrum der Debatte gerückt. In Deutschland kommen laut einem Register des Bundeswirtschaftsministeriums auf jede verbrauchte Kilowattstunde Strom durchschnittlich zwischen 0,4 und 4,4 Liter Wasser, das zur Kühlung der Anlagen verdunstet oder erwärmt in ein Gewässer zurückgeleitet wird. In Europa war der gerade zu Ende gegangene Sommer der heißeste aller Zeiten - und örtlich musste die Wasserentnahme für Anwohner, Landwirtschaft und sogar Atomkraftwerke eingeschränkt werden.
Und auch vor dem hohen Stromverbrauch der Rechenzentren sorgen sich viele Menschen in Europa. Der finnische Netzbetreiber Finngrid veröffentlichte kürzlich eine Prognose, wonach der Stromverbrauch in dem skandinavischen Land gegenüber 2025 um fast 40 Prozent steigen könnte, sollten alle derzeit genehmigten neuen Netzanschlüsse für Rechenzentren realisiert werden.
Weil die Rechenleistung selbst oft schwierig zu vergleichen ist, wird die Größe von Datenzentren häufig mit der maximalen Stromzufuhr in Kilo- oder Megawatt angegeben. Wieviel Strom tatsächlich verbraucht wird, hängt von der Auslastung der Einheiten ab.

Die EU-Kommission gab in dieser Woche bekannt, wie künftig der Wasser- und Energieverbrauch offengelegt werden soll: Rechenzentren mit mehr als 500 KW Leistung sollen künftig ein Siegel erhalten, das auch Energieeffizienzmaßnahmen wie geschlossene Kühlkreisläufe oder die Weiterverwendung von Abwärme berücksichtigt. "Wenn wir unsere Rechenkapazität verdreifachen, darf das nicht bedeuten, dass wir auch den Druck auf unsere Stromnetze, unsere Wasserversorgung und unsere Energierechnungen verdreifachen", sagte EU-Kommissionsvize Teresa Ribera.
Proteste in Österreich und Irland, Rücktritte in Frankreich
In der Vergangenheit sind die leistungsfähigsten Rechenzentren in Europa vor allem nahe der großen Knotenpunkte entstanden, an denen die Hauptverbindungen der physischen Internet-Infrastruktur zusammenlaufen. Diese stehen unter anderem bei Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin - weshalb in der Branche das Akronym FLAP-D geläufig ist.
Einer Analyse der Investment-Unternehmensgruppe CBRE zufolge wandelt sich dieses Bild jedoch: Im zweiten Quartal 2026 entfielen 55 Prozent der neu vereinbarten Rechenzentrums-Kapazitäten auf Standorte außerhalb von FLAP-D, etwa auf die niederländische Stadt Groningen, Belgiens Hauptstadt Brüssel oder die spanische Metropole Barcelona.
Doch auch fernab der Ballungszentren entstehen zunehmend Rechenzentren - und online wie offline formieren sich regelmäßig Proteste. Die inzwischen weit fortgeschrittenen Pläne von Google, ein Rechenzentrum im kleinen österreichischen Ort Kronstorf zu errichten, riefen mehrere hundert Demonstranten auf den Plan. Und in Irland machte die Bestsellerautorin Sally Rooney so lange gegen ein geplantes Rechenzentrum im Dörfchen Killala mobil, bis die nationalen Behörden ihre Genehmigung mit Verweis auf die irischen Klimaziele zurückzogen.

Im zentralfranzösischen Dorf Etrechet schreiten jedoch die Vorbereitungen für ein Google-Großprojekt mit einer Nennleistung von 800 MW bis 1,1 GW weiter voran - was bei Vollauslastung in etwa der Stromproduktion eines Atomkraftwerks entspricht. Aus diesem Grund sind innerhalb weniger Tage die erst frisch gewählte Bürgermeisterin, drei Beigeordnete und eine Gemeinderätin zurückgetreten. Bürgermeisterin Florence Laurent beklagte, machtlos zu sein gegen die Pläne in ihrer eigenen Kommune.
Wie Europas Rechenzentren ressourcenschonender werden können
Doch es gibt auch Rechenzentren in Europa, die Vorbild für andere sein könnten, weil sie Ressourcen schonen. So entsteht an einem zentralen Internet-Knoten in Marseille gerade ein großes KI-Rechenzentrum, das zur Kühlung einen geschlossenen Wasserkreislauf verwendet und darüber auch den Energiebedarf der Kühlung um 30 Prozent senken soll.
Andere Projekte gehen noch weiter: Insbesondere in Skandinavien, aber auch etwa in Dublin, Frankfurt und Berlin wird die Abwärme der Server in lokale Nah- oder Fernwärmenetze eingespeist. So heizen die Rechenzentren jeweils hunderte Wohnungen und verbessern darüber nicht nur ihre Energiebilanz. Der deutsche Stromkonzern Eon veröffentlichte im Frühjahr die Ergebnisse einer Befragung, wonach fast drei Viertel der Menschen Rechenzentren in der Nähe von Wohngebieten eher begrüßen würden, wenn sie ihre Abwärme ins Wärmenetz einspeisten.

Und es gibt noch weitere Potenziale, klimaverträglicher zu werden und zugleich der Allgemeinheit zu dienen. Im schwedischen Stackbo sowie in Dublin haben zwei Microsoft-Rechenzentren leistungsstarke Batteriespeicher für Stromausfälle oder Spitzenzeiten, die auch im Normalbetrieb einen Beitrag zur Stabilisierung der Stromnetze liefern.
Solche Anlagen leisten also nicht nur einen Beitrag zu Europas digitaler Souveränität - sie stärken auch die Energie-Unabhängigkeit. Solche Synergien könnten auch einige der vielen neu geplanten Rechenzentren, vor denen sich viele Menschen in Europa gerade sorgen, zumindest etwas attraktiver machen.
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