Was wird nur aus dem Café Kranzler?: Big Mamma statt Kännchen

Kultur als Fotokulisse: Ins legendäre Kranzler Eck zieht ein Restaurant, das italienische Identität nur vorgibt. Was sagt das aus über das neue Berlin?
Foto: ullstein-bild
Das Grauen erscheint oft in den schillerndsten Gewändern. So auch in Berlin. Kürzlich wurde verkündet, was mit dem Kranzler Eck passieren wird. Der Ort, an dem sich vor den Kriegsjahren die Künstler und Denker trafen, der nach dem Krieg als Rotunde aufgebaut wurde, wo man saß und sah, bis möglichst viele zurücksahen, bekommt nicht, wie einige vermuteten, eine durchorganisierte Systemgastronomie, mit der großträumende Franchise-Unternehmer ihr Glück versuchen.
Nein, in die historischen Räume, in denen einst Kännchen und Deckchen mit verniedlichenden Wortendungen den Schrecken des Krieges verdrängen sollten, wird ein Restaurant der Big Squadra Group einziehen.
Circolo Populare heißt es. Es ist abzusehen, dass Berlin an der korrekten italienischen Aussprache scheitern wird, aber das ist vielleicht egal, einen Auftrag zur Kulturvermittlung hat man hier nicht zu befürchten.
Das Italien der Kardashians
Die Big Squadra Group ist eine Tochtergesellschaft der Big Mamma Group, die wiederum bekannt dafür ist, mit ihren Restaurants eine Fantasie von Italien zu melken. Angeboten wird italienisches Essen oder besser gesagt das, was die Macher darunter verstehen. Eine Verbindung zu Italien besteht primär durch die 200 italienischen Produzenten, von denen Waren bezogen werden. Ansonsten haben es sich die Restaurants dieser Gruppe scheinbar zum Ziel gemacht, die italienische Kultur zu cosplayen.
Welches Italien hier als Vorlage dient, ist nicht ganz klar, denn es existiert nur in der Werbung für Miracoli und Dolce & Gabbana. Es ist das Italien, das die Kardashians meinen, wenn sie von Dolce Vita reden. Einzig als Kulisse gedacht. Diese Restaurants sind Peter Pane für Menschen, die sich im Internet einen amerikanischen Akzent angeeignet haben und sich nach dem Businesslunch ganz unironisch mit „Ready to make some millions“ verabschieden.
In Berlin gibt es bereits das Coccodrillo, wo jede Influencerin der Stadt schon mal Geburtstag feiern durfte. Kürzlich kam noch das Pamela hinzu, in das man gleich eine ganze Spiegeldecke gezogen hat, damit die Gäste darin möglichst viele Fotos von sich und ihrem Essen machen können, um die Bilder zu posten. Durch die Eitelkeit des Menschen spart man sich eine Menge Werbebudget. Und deswegen ist das Interieur in allen Outlets der Gruppe um Orte herum organisiert, an denen man besonders gut Selfies machen kann.
Die Einrichtung – man hat ein eigenes Studio, das für den richtigen Look sorgt – ist das, wofür man vor ein paar Jahren das Wort instagrammable erfand. Forbes nennt die Einrichtung Millenial friendly. Viele Farben, eine geradezu zwanghaft geordnete Kleinteiligkeit von Flaschen oder Bildern. Statement Pieces in Form von großen Lampen. Vollkommen unsinniger Einsatz von rot-weiß-karierten Tischtüchern. Ebenfalls übertriebener Einsatz von Sitzmöbeln, die entweder aus der Zeit oder aus der Form, auf jeden Fall aber aus der Farbe fallen. Und Spiegel! Und Leuchtröhren!
Zwischen egal und ärgerlich
Nirgendwo in Italien sieht es so aus. Nichtmal im Puff. Eigentlich sieht es nirgendwo auf der Welt so aus, außer in Restaurants der Big Mamma Group, wo man scheinbar jegliche Entwürfe aus allen Hospitality-Projekten der letzten Jahre, die eine junge Zielgruppe anpeilen, übereinander gelegt hat, bis es übertrieben voll aussah.
Das unterscheidet sich dann gar nicht mehr so groß von Systemgastronomieeinrichtungen. Außer, dass man die unzähligen Familienfotos, die man da zwecks falscher Vorgabe einer Identität an die Wand getackert hat, vielleicht nicht aus dem Internet gezogen, sondern bei irgendeiner Hausauflösung bekommen hat. Mutmaßlich.
Und das Essen? Da kann man nicht für alle Restaurants der Gruppe sprechen. Engagierte italienische Küchenteams mögen sie sicher hier und dort beschäftigen. Die Autorin hat es einmal in London getestet. Dort stand auf der Karte alles, was in italienischen Restaurants serviert wird, die sich zu nah an einer einzig bei Touristen beliebten Piazza befinden und vornehmlich Spritz verkaufen. Die Qualität der Gerichte pendelte zwischen egal und ärgerlich. Man wolle den Gästen einfach eine sehr gute Zeit machen, heißt es in diversen Veröffentlichungen der Restaurants – was natürlich nur ein bemerkenswertes Vorhaben wäre, hätte man Gegenteiliges im Sinn.
Das alles wirkt faker als das Schloss in Disneyland ist, weil dahinter der typische feuchte Start-up-Dream steckt. Die französischen Entrepreneure Victor Lugger und Tigrane Seydoux haben ihr erstes Restaurant 2015 geöffnet. Um die 28 Jahre alt waren sie da, hatten noch nie hinter einer Bar gestanden oder einen Teller getragen. Der Plan: In zehn Jahren sollte die Gruppe 250 Millionen Dollar wert sein. Das hat geklappt. Mittlerweile sind große Teile der Restaurant-Gruppe verkauft. 320 Millionen Dollar sei das Unternehmen wert, steht im Internet.
Verkleidetes Italien
Dazu gehören Restaurants in Dubai, Monaco, Birmingham. München, Hamburg. Irgendwas um die 30 insgesamt. 10 Millionen Gäste bedienten sie im Jahr, sagte Lugger in einem Podcast. Darin beantwortete er auch die Frage, warum er als Franzose ein italienisches Restaurant aufgemacht habe: weil es ein gutes Geschäft sei, da jeder die italienische Küche liebe. Weil er auf Italien schaue, wie ein Mann auf eine Frau, die er liebt, Probleme ausblendend. Und weil man etwas arbeiten soll, was man leidenschaftlich macht. Lugger hat ein zweites Start-up: einen Zahlungsdienstleister für die Gastronomie. Leidenschaftliche Kombi.
Jetzt ist nichts dagegen zu sagen, ein erfolgreiches Start-up zu haben. Die regierende Berliner Politik hatte in den letzten Jahren kaum eine andere Idee für diese Stadt, als sie zur Heimat von frechen neuen Firmen machen zu wollen. Aber dass dort, wo einst Dichter und Denker saßen, nun die italienische Kultur als Verkleidungsshow für verhaltensauffällige Selbstdarsteller aufgeführt wird, das sollte man kurz mal wirken lassen. Denn es zeigt den neuen Geist der Hauptstadt.
Nicht ohne Grund gehört Berlin zu den Städten, in denen die Gruppe gleich drei Etablissements betreibt – hier sieht man sich eben weltstädtisch und handelt provinziell. Was sagt die Marktstärke der Big Mamma Group noch über Berlin aus? Identitätskrise. Verlust geradezu. Denn wer sich Verkleidung so leicht als Kultur verkaufen lässt, der hat wohl zu wenig davon.
Willy Brandt im Untergrund am Ku’damm Getarnt im Kampf gegen die Nazis
1936 kam Gunnar Gaasland aus Oslo fürs Studium nach Berlin. Hinter dem Namen verbarg sich Willy Brandt. Die Erinnerung daran ist verblasst. Eine Zeitreise.
Von Nicolas Basse
Ausstellung im Schloss Bellevue Das meiste ging für die Sicherheit drauf
Wo sonst der Bundespräsident waltet, wandeln aktuell Besucher:innen auf den Pfaden der Kunst: Die Akademie der Künste nutzt das Schloss Bellevue in Berlin für eine Ausstellung.
Von Laura Ewert
Lady-Gaga-Konzert in Berlin Sie hat die Zunge am Tod
Die Königin ist zurück: Bei ihrem Auftritt in Berlin überzeugt Lady Gaga mit einer aufwendig choreografierten Performance und stimmigen Bildern.
Von Laura Ewert
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.