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Sunday, September 27, 2026

Missing Link: Vom Herzbefund zur Behandlung – was Algorithmen nicht leisten

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Ein auffälliges EKG ist noch keine Behandlung. Im Programm der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ging es auf der Fachkonferenz „Herztage 2026“ häufig um KI in der Diagnostik, vor allem bei der Bildgebung und bei Herzrhythmusstörungen. Algorithmen sollen Auffälligkeiten erkennen, Befunde auswerten und Ärztinnen und Ärzte entlasten. Aber wer sieht sich die Ergebnisse an? Wer entscheidet, was zu tun ist? Und wer bemerkt einen behandlungsbedürftigen Befund, wenn das System keine Meldung ausgibt?

Prof. Raphael Twerenbold vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärte, dass durch verschiedenste Wearables vermehrt Vorhofflimmern erkannt werde. Allerdings führe die erhöhte Aufmerksamkeit offenbar noch nicht zu einer Reduktion der Schlaganfälle. Was fehlt also auf dem Weg von der Detektion des Vorhofflimmerns zur Diagnose und Behandlung?

Vorhofflimmern wird mittels Elektrokardiogramm (EKG) diagnostiziert. Wenn Prof. Gerhard Hindricks vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) ein solches nicht versteht, schickt er es durch eine KI und „bekommt fast immer eine gute Antwort.“ Er vermutet, dass auch seine Kollegen das bereits nutzen, denn früher bekam er wöchentlich EKGs zugeschickt, die blieben nun aus. „KI kann im Bereich Rhythmusstörungen schon sehr viel leisten.“

Es geht Hindricks auch darum, ressourcenschonend zu handeln. Neben der Unterstützung bei komplizierten EKGs ist Ambient Listening ein weiteres wichtiges Element für ihn. „Nichts hat meinen Arbeitsalltag so entlastet und so erleichtert wie Ambient Listening.“

Im DHZC gebe es bereits datensichere Räume, sodass Arztbriefe nicht mehr selbst geschrieben werden müssen. Allerdings werde dieser vorgelesen, während der Patient noch vor Ort sei, um zu prüfen, ob alles korrekt ist. Wie wichtig diese Prüfung ist, erklärte Prof. Benjamin Meder, Koordinator von Informatics for Life in Heidelberg, mit Verweis auf NHS-Patienten in England: Patienten entdeckten in KI-erstellten Gesprächszusammenfassungen falsche Diagnosen und verwechselte Medikamentennamen, die dem medizinischen Personal entgangen waren.

Kritik an Hindricks Vortrag kam von Prof. Volker Kühlkamp. Der Vortrag sage nur, mit KI werde alles besser, ohne zu konkretisieren oder Daten zu zeigen. Hindricks entgegnete, der Versorgungspfad sei derzeit unterbrochen und präsentierte eine KI-gestützte Versorgungskette. Kühlkamp sieht die Lösung dafür nicht in KI, sondern in veränderten Strukturen. Denn eine schnellere Entlassung nach einer Behandlung und optimierte Berichte würde noch keine Nachsorge durch eine andere Praxis gewährleisten.

Schon die Informationen für diese Nachsorge kommen nicht immer dort an, wo sie gebraucht werden. Auf den Herztagen sagte der Kardiologe Benny Levenson, auch aus großen Kliniken kämen keine Einträge in der elektronischen Patientenakte (ePA) an. Er kritisierte außerdem den Wegfall der gesetzlichen Vorgabe für eine zusätzliche Vergütung zur Befüllung der ePA. „Es wird dann keiner mehr etwas in die ePA eintragen“, prognostizierte er. Max Tschochohei fragte wiederum, warum weiterhin an Arztbriefen festgehalten werde: Als Beispiel nannte er eine Patientin mit elf Arzt- und Befundbriefen, zusammen mindestens 40 Seiten Text. Strukturierte Daten seien hilfreicher. Aber auch ein besser aufbereiteter Befund stellt noch nicht sicher, dass eine Praxis die Weiterbehandlung übernimmt.

Wie die Zuständigkeiten geregelt werden können, zeigt das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz: Messwerte gehen an ein Telemedizinzentrum, werden dort fachlich bewertet und bei Bedarf an die behandelnde Praxis weitergegeben. Diese muss Eingang und Kenntnisnahme innerhalb von 48 Stunden bestätigen und über gegebenenfalls veranlasste Maßnahmen informieren.

Prof. Friedrich Köhler, Leiter des Arbeitsbereichs Kardiovaskuläre Telemedizin am DHZC, stellte weitere Ergebnisse der TIM-HF2-Studie zur telemedizinischen Versorgung von Menschen mit Herzinsuffizienz vor. Patientinnen und Patienten auf dem Land wie in der Stadt profitierten demnach von der Betreuung. Besonders groß sei der Nutzen bei größerer Entfernung zur kardiologischen Praxis. So konnte ein digital unterstütztes Betreuungskonzept die Versorgung verbessern.

Die Folgestudie TIM-HF4 läuft bis Juli 2028 und wird vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert. TIM-HF4 untersucht unter anderem, wie sich das Telemonitoring unter Bedingungen der vertragsärztlichen Versorgung bewährt.

Dr. Konstanze Betz, Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM), sieht eine Lücke darin, wie Innovationen im klinischen Alltag genutzt werden und wie die Evidenzstandards aussehen könnten. „Letzten Endes bleibt das aus meiner Sicht immer noch das Schlüsselloch. [...] Gerade wenn wir uns Large Language Models zum Beispiel anschauen, die entwickeln sich so schnell weiter, dass die Studienlage gar nicht mithalten kann.“ Betz verwies auf eine gemeinsame Checkliste verschiedener Verbände für die Forschung zu KI und Elektrophysiologie, die dabei hilft, Studien zu planen und zu beurteilen.

Weitere Hürden sieht Betz beim Datenschutz und bei der Finanzierung. Vor dem Hintergrund des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes gebe es Sorge um die Finanzierung digitaler Versorgung. „Wir haben viele Innovationen. Oftmals fehlt es aber auch da einfach an finanziellen Grundlagen und das betrifft auch die Vergütung gerade in der Versorgung.“

Betz möchte Fachgesellschaften sowie Vertretungen der Berufsgruppen und der Patientinnen und Patienten an den Diskussionen über KI und andere digitale Produkte beteiligen. Sie warnt vor frei erhältlichen Wellness-Produkten, bei denen unklar sei, ob es „einem medizinischen oder einem Evidenzstandard […] folgt“.

Das Beispiel des Vorhofflimmerns zeigt, selbst wenn ein Produkt zertifiziert ist – beispielsweise auf einer entsprechenden Smartwatch – führt das nicht automatisch zu einer besseren medizinischen Prognose. Nach einem Warnhinweis muss man immer noch zur Abklärung einen Termin beim Kardiologen bekommen.

Sport mit Apple Watch

Auch wenn er als Elektrophysiologe am EKG hängt, sieht der Kardiologe Prof. David Duncker eine mögliche Zukunft ohne Analyse des EKGs durch Personen. Auf die Frage, wie EKG-Befunde künftig aussehen könnten, vermutete Duncker, dass weder Menschen noch eine KI Berichte schreiben würden. Niemand lese dann mehr einen vollständigen Bericht; stattdessen werde man benachrichtigt, wenn ein Algorithmus Auffälligkeiten entdeckt habe. Allerdings hänge die Reaktion auf solche Hinweise unter anderem von der Erfahrung der Behandelnden ab.

Noch gibt es Kollegen von Duncker, die sagen, am Ende muss immer ein Mensch auf die Ergebnisse schauen. Doch vielleicht entscheide das gewählte System, welche EKGs Ärztinnen und Ärzte überhaupt noch zu sehen bekommen. Ist dort der Mensch dann noch „in the loop“ oder nur noch dabei? Noch sei offen, wer vorher über den Einsatz eines Algorithmus entscheide und wer Ergebnisse und Fehler überprüft. Duncker wendet sich an seine Kollegen und Kolleginnen: „Aber das wird noch dauern, bis das zuverlässig ist. Wir dürfen nicht hinnehmen, wenn da was übersehen wird.“

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Diskussion um Fehler der KI wird nicht nur in der Kardiologie geführt. Bereits seit Jahren befasst sich die Ärzteschaft mit den Fragen nach Erreichbarkeit, Reaktionszeit und möglichen Fehlern. In einem fiktiven Szenario kam eine weitere Frage hinzu: ob eine unbemerkte Überwachung überhaupt gewollt ist. Zusätzlich ist in vielen Bereichen die Datengrundlage entscheidend. Fehlende oder verzerrte Grundlagen verzerren auch die Ergebnisse.

Allerdings stellt sich auch die Frage, ob Praxen und Kliniken den zusätzlichen Hinweisen durch die KI-gestützten Systeme überhaupt nachgehen können. Dafür benötigen sie Personal, Zeit und Untersuchungskapazitäten. Manche Systeme werden Arbeit sparen, andere neue Arbeit verursachen. Das muss für jede Anwendung geprüft werden. Unter Kostendruck wird leicht über die Anschaffung einer Technologie gesprochen und zu wenig über den Aufwand danach. Ein genauerer Befund hilft wenig, wenn niemand die weitere Versorgung übernehmen kann.

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