Aus für Ölexporte? Huthis triumphieren gegen Saudi-Arabien
Einen Tag mussten die Schülerinnen und Schüler in Riad kürzlich wegen drohender Angriffe der jemenitischen Huthi zu Hause bleiben und am Fernunterricht teilnehmen. Doch schon am nächsten Tag durften sie wieder in die Schulen zurück.
Der Krieg zwischen Saudi-Arabien und der vom Iran unterstützten jemenitischen Huthi-Miliz ist inzwischen im Alltag des Königreichs angekommen. Seit Juli greifen die Huthi Saudi-Arabien immer wieder mit Raketen und Drohnen an.
Zugleich haben sie ihre Position an der Küste des Jemen ausgebaut und weiten ihre Kontrolle an der strategisch wichtigen Meerenge Bab al-Mandab aus, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet.
Krieg statt Stabilität
Für Saudi-Arabien geht es um mehr als die Abwehr einzelner Angriffe. Das Königreich steht vor einem Sicherheitsproblem, das direkt mit seinem wirtschaftlichen Zukunftsprojekt zusammenhängt.
Die von Kronprinz Mohammed bin Salman entwickelte Vision 2030 setzt auf Investitionen, neue Industrien, Tourismus und wirtschaftliche Diversifizierung. Dafür braucht Riad vor allem Stabilität.
Doch der Trend geht in die entgegengesetzte Richtung. Die Chancen auf politische Stabilität scheinen zu schwinden.
"Die Eskalation im Jemen zieht die Saudis tiefer in den regionalen Krieg hinein. Einen Krieg, den Saudi-Arabien eigentlich verhindern wollte", sagt Markus Schneider, Projektleiter im Kompetenzzentrum Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten und Nordafrika der Friedrich-Ebert-Stiftung, im DW-Interview.

"Doppelter Schlag"
Hinzu kommt die Verwundbarkeit der saudischen Energieinfrastruktur. Denn eigentlich sollte die East-West-Pipeline, die die Ölfelder und Raffinerien im Osten des Landes mit dem Hafen Yanbu am Roten Meer verbindet, das Land unabhängiger von den aktuell gefährlichen oder nicht nutzbaren Routen durch den Persischen Golf machen.
Nach Angriffen der Huthi ist auch diese Verbindung beeinträchtigt. Gleichzeitig gerät der Seeweg am "Tor der Tränen", wie die Meerenge Bab al-Mandab genannt wird, unter Druck.
Die Denkfabrik Carnegie Endowment spricht deshalbvon einem "doppelten Schlag": Pipelineangriffe und die Bedrohung der südlichen Zufahrt zum Roten Meer treffen zwei wichtige Ausweichrouten Saudi-Arabiens.
Für Riad könnte das bedeuten, bei den Ölexporten wieder stärker auf die Route durch die Straße von Hormus angewiesen zu sein. Doch diese Route ist zurzeit ebenfalls stark eingeschränkt.

Hilfe durch die USA ist derzeit nicht zu erwarten. Washington könnte Riad mit Geheimdienstinformationen und Aufklärung unterstützen, eine direkte militärische Kampagne gegen die Huthi will US-Präsident Donald Trump jedoch offenbar vermeiden.
Nach Einschätzungdes Center for Strategic and International Studies sind die US-Streitkräfte durch den bisherigen Krieg belastet; zugleich gibt es Engpässe bei Abfangraketen und Wartungsprobleme bei Kriegsschiffen.
Auch der Council on Foreign Relations verweist auf knapper werdende Beständean Patriot- und THAAD-Abfangraketen sowie Marschflugkörpern. Das "Terminal High Altitude Area Defense" ist ein US-amerikanisches Raketenabwehrsystem, das ballistische Raketen in der Endphase ihres Fluges zerstört.
Hinzu kommt das Risiko, mit einem erneuten Einsatz gegen die Huthi eine weitere Front im Krieg mit Iran zu eröffnen.
Ein asymmetrischer Konflikt
Doch selbst amerikanische Luftangriffe würden das Grundproblem nicht lösen. Nach Einschätzung des Council on Foreign Relations wäre eine größere koordinierte Bodenoperation nötig, um die Huthi aus den Gebieten zurückzudrängen, von denen aus sie den Bab al-Mandab bedrohen.
Straße von Hormus: Blockade lässt Ölpreise steigen
Genau davor schreckt Saudi-Arabien zurück. Schon der Krieg von 2015 bis 2022, der trotz US-amerikanischer Unterstützung und der Beteiligung der Vereinigten Arabischen Emirate ohne entscheidenden Erfolg blieb, hat die Grenzen saudischer Militärmacht gezeigt.
"Die Huthi sind im Jemen gut verankert und können auch beträchtliche Schläge wegstecken. Saudi-Arabien braucht für seine ökonomische Vision 2030 dagegen vor allem Stabilität – diese ist derzeit weiter entfernt denn je", sagt Schneider.
Die militärische Asymmetrie ist entscheidend: Saudi-Arabien verfügt über moderne Waffen und gibt enorme Summen für seine Streitkräfte aus. Die Huthi müssen dagegen keinen klassischen Krieg gewinnen. Es reicht, Raketen und Drohnen einzusetzen, Infrastruktur zu bedrohen und den Schiffsverkehr zu verunsichern.
Hilfe aus Europa?
Vor wenigen Tagen hat Frankreich angekündigt, Soldaten, Radarsysteme und Luftverteidigung zum Schutz des Ölhafens Yanbu zu schicken. Großbritannien will die saudische Luftwaffe mit Luftbetankung unterstützen.
Italien will mit Marineeinsätzen die Durchfahrt eigener Handelsschiffe absichern. Gleichzeitig schützt die EU mit der "Operation Aspides" seit Februar 2024 mit Marineeinsätzen die internationale Schifffahrt im Roten Meer.
Eine strategische Wende im Jemen dürften diese Initiativen jedoch kaum herbeiführen. Denn den politischen und militärischen Preis eines langen Krieges im Jemen wird Europa Riad nicht abnehmen, so Experten.
"Dass Frankreich nun angekündigt hat, konkrete militärische Hilfe bereitzustellen, wird in Riad sehr positiv aufgenommen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das die militärische Balance tatsächlich grundlegend verändern kann", sagt Schneider.

Auch die neue Mekka-Allianz mit Pakistan und der Türkei hat bislang Grenzen. Zwar haben die drei Staaten einen Beistandspakt geschlossen und ihre Militärchefs angesichts der Angriffe beraten. Ankara und Islamabad wollen sich aber nicht ohne Weiteres in einen Konflikt hineinziehen lassen, der sie direkt in die Auseinandersetzung mit Iran bringen könnte.
Hoffnungsträger Diplomatie
Damit könnte die Diplomatie wieder wichtiger werden. Abdulghani al-Iryani vom Sana'a Center for Strategic Studies hatte in einem früheren Gespräch mit der Deutschen Welle darauf hingewiesen, dass auch die Huthi ein Interesse an funktionierenden Beziehungen zu Saudi-Arabien haben.
"Der Jemen ist wirtschaftlich vollständig von Saudi-Arabien abhängig – sowohl als Quelle humanitärer Hilfe als auch als Arbeitsmarkt für jemenitische Arbeitsmigranten", sagte al-Iryani damals.
Saudi-Arabien hatte in den vergangenen Jahren versucht, den Einfluss der Huthi durch Diplomatie und eine Einigung der zerstrittenen jemenitischen Regierungskräfte zurückzudrängen. Der aktuelle Vormarsch der Miliz zeigt die Grenzen dieser Strategie.
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