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Tuesday, September 22, 2026

Musikmagazin Pitchfork: Von der Kaufentscheidung zur Überlebenshilfe

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Die Klage über den Niedergang der Musikkritik hat die Klage über den Niedergang der Popmusik abgelöst. Zurecht?

Am 12. August war es nach fast 20 Jahren wieder so weit: Das US-Internetmagazin Pitchfork hat sich mal wieder 0,0 von möglichen 10,0 Punkten geleistet – letztmals gab es das im Oktober 2006 für „Shine On“ der australischen Rockband Jet. Dieses Mal hat es das wohl ziemlich missglückte und beknackte 80er-Jahre-Popalbum „Starface“ des Rappers Tyga erwischt.

Während es bei den armen Jets damals statt eines Rezensionstextes nur das Video eines sich in den Mund urinierenden Schimpansen gab, schrieb Drew Millard zu „Shine On“ eine ausführliche Begründung, in der er Tyga vor allem den unkreativen Einsatz von KI vorwirft und zu dem Schluss kommt, dass die pure Existenz des Albums „die Welt zu einem schlechteren Ort macht“.

Letzten Dezember schrieb ich an dieser Stelle zur Einordnung des Werkzeugs KI unter der Überschrift „Lasst sie doch einfach machen“: „Seit die Musik zu einem Wirtschaftszweig geworden ist, in dem sich viel Geld verdienen lässt, war – Verzeihung – Scheißmusik die Norm und Kunst die Abweichung. Ob diese Scheißmusik nun von Menschen oder KIs produziert wird, ist doch eigentlich herzlich egal.“ taz-Leser Jack G war das nicht egal, er bezeichnete den Text als „absolute Frechheit“: „Für jedes Werk haben Musiker, Songwriter, Produzenten und Engineers Blut, Zeit und Nerven gelassen und damit zumindest mal einen Grundrespekt verdient.“ Also keine Verrisse mehr.

Das selektive Vergessen gehört dazu

Eigentlich ist Musikkritik ein Ding-das-nicht-sein-darf, um H. P. Lovecraft eine Formulierung zu klauen: Sie wird – über den Umweg der Produktwerbung – von der Musikindustrie bezahlt, aber hintertreibt deren Interessen, indem sie einzelne ihrer Produkte negativ bewertet. Unter meinen Altersgenossen hat die Klage über den Niedergang beziehungsweise das Verschwinden der Musikkritik die Klage über den Niedergang beziehungsweise das Verschwinden der Popmusik mittlerweile als Jammertopthema abgelöst.

Dazu gehört natürlich das selektive Vergessen, denn sonst wüsste man noch, dass auch in den Roaring Eighties nicht jede Kritik von Julie Burchill, Greg Tate oder Clara Drechsler geschrieben wurde. Auch damals war die erdrückende Mehrzahl weniger Feuilleton denn „Service“: einerseits PR, andererseits Kaufentscheidungshilfe für geneigten Leser*innen, was natürlich ohne Korruption und faule Kompromisse nicht ging.

Und genau wie die interessante Musik kamen die interessanten Texte nicht etwa dort her, wo man gut verdienen konnte, sondern aus dem Selbstausbeutungsuntergrund.

„Will music criticism survive?“, fragte embedded.com im Sommer etablierte US-Musikkritiker*innen. Viel fällt den von der vermeintlichen Krise primär Betroffenen nicht ein. „Ich kann noch immer davon leben, was das Einzige ist, was mich an einem Job interessiert“, meldet etwa Robert Christgau, „dean of American rock critics“. Ein nicht namentlich genannt werden wollender „Autor und Redakteur, derzeit in einem Tech-Job“, hofft: „Kritik könnte genau das richtige Produkt sein für diese Zeit kultureller Panik.“ Und Pitchfork-Kolumnist Kieran Press-Reynolds bleibt gelassen: „Musikkritik im Video boomt, es gibt eine Menge Rezensions-Substacks und eine neue Generation. Die Frage bleibt, wie viele Leute bezahlen werden.“ Die Dinge ändern sich, die Dinge gehen weiter. Fast schon zu tröstlich.

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