Nordkoreas neue Brücken zu China und Russland
Zehn Jahre nach ihrer Fertigstellung könnte eine Brücke zwischen Nordkorea und China endlich in Betrieb genommen werden. Südkoreanischen Medienberichten zufolge soll die neue Yalu-Fluss-Brücke, die die chinesische Grenzstadt Dandong mit dem nordkoreanischen Handelszentrum Sinuiju verbindet, möglicherweise am 6. Oktober offiziell eröffnet werden. Das Datum fällt mit dem 77. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Nordkorea zusammen.
Analysen des US-amerikanischen Forschungsinstituts 38 North zeigen deutliche Fortschritte bei Zoll-, Einwanderungs- und Lageranlagen auf nordkoreanischer Seite. Dort waren die Bauarbeiten über Jahre hinweg weitgehend unvollendet geblieben.
Die moderne Schrägseilbrücke liegt rund 15 Kilometer flussabwärts der älteren Übergänge zwischen Dandong und Sinuiju. Mit vier Fahrspuren und einer Gesamtlänge von mehr als drei Kilometern soll sie deutlich mehr Verkehr aufnehmen können. Zufahrtsstraßen verbinden die Brücke mit dem regionalen Straßennetz.
Das Bauwerk soll vor allem die alternde so genannte Freundschaftsbrücke zwischen China und Nordkorea entlasten. Diese wird sowohl vom Straßen- als auch vom Schienenverkehr genutzt und zählt zu den wichtigsten Verbindungen zwischen Nordkorea und seinem wichtigsten Handelspartner China.
Balance zwischen Moskau und Peking
Die Öffnung der neuen China-Verbindung folgt auf die Eröffnung einer Straßenbrücke über den Tumen-Fluss am 7. September. Sie verbindet die nordkoreanische Sonderwirtschaftszone Rason mit der russischen Grenzstadt Chassan in der Region Primorje.

Bislang verfügten Russland und Nordkorea lediglich über eine Eisenbahnverbindung entlang ihrer kurzen gemeinsamen Grenze.
Han Ki-bum, ehemaliger Vizedirektor des südkoreanischen Geheimdienstes, sieht darin Hinweise auf eine bewusste außenpolitische Strategie Pjöngjangs. Nordkorea habe die chinesische Brücke mehr als ein Jahrzehnt ungenutzt gelassen, die Verbindung zu Russland hingegen vergleichsweise schnell vorangetrieben.
Dieser Unterschied, so seine Argumentation, liefere Hinweise auf die Strategie Pjöngjangs: Die Führung scheine das Tempo der sich verbessernden Beziehungen zu Russland und China gezielt zu steuern, um eine erneute übermäßige Abhängigkeit von Peking zu vermeiden.
"Sollte sich Nordkorea – wie in der Vergangenheit – zu stark auf China stützen, könnte seine Autonomie untergraben werden", sagte Han. Er fügte hinzu, Pjöngjang versuche, die guten Beziehungen sowohl zu China als auch zu Russland zu nutzen und dabei gleichzeitig seine Unabhängigkeit zu wahren.
Russland braucht nordkoreanische Arbeitskräfte
Der ehemalige Beamte des Vereinigungsministeriums fügte hinzu, Russland habe ein Interesse am Ausbau von Transportwegen durch Nordkorea in Richtung Pazifik – unter anderem über den Hafen Rajin –, während Pjöngjang von verstärktem Handel, Tourismus und der Möglichkeit, Arbeitskräfte nach Russland zu entsenden, profitieren könne.
Er ergänzte, Russland benötige nordkoreanische Arbeitskräfte, da diese fleißiger seien als ihre russischen Kollegen.
China wiederum habe eigene Gründe, sicherzustellen, dass Nordkorea nicht in eine übermäßige Abhängigkeit von Russland gerate, so der ehemalige Beamte. "Aus chinesischer Sicht muss verhindert werden, dass sich Nordkorea zu stark an Russland anlehnt", sagte Han.
Liefert Kim Waffen für Putins geschwächte Armee?
Die Beziehungen zwischen Moskau und Pjöngjang haben sich seit 2023 intensiviert, als Nordkorea begann, Waffen und Truppen für den Ukraine-Krieg bereitzustellen. Angesichts der vertieften strategischen Partnerschaft zwischen Russland und Nordkorea unternimmt China Schritte, mit denen es seine Position als wichtigster Partner des Nordens behaupten möchte.
Ahn Chan-il, ein ehemaliger nordkoreanischer Soldat und heutiger Leiter des World Institute for North Korea Studies in Seoul, erklärte, die Brücken hätten zudem geopolitische Auswirkungen.
"Pjöngjang könnte nun die vertieften Beziehungen zu China und Russland sowie Trumps Interesse an einem Dialog mit Kim nutzen, um seinen diplomatischen Spielraum zu erweitern und gegenüber Südkorea selbstbewusster aufzutreten", sagte Ahn gegenüber der DW.
Nordkorea öffnet sich langsam wieder
Während der COVID-19-Pandemie hatte Pjöngjang seine Grenzen weitgehend abgeriegelt, den Handel drastisch reduziert und selbst die Einreise ausländischer Diplomaten eingeschränkt.
Der grenzüberschreitende Güterzugverkehr zwischen Dandong und Sinuiju wurde 2022 wieder aufgenommen. Am 12. März dieses Jahres folgten Personenzüge, womit der Bahnverkehr zwischen Nordkorea und China erstmals seit sechs Jahren wiederhergestellt wurde.
Ahn bezeichnete die bevorstehende Eröffnung der Brücke als historisch bedeutsam. "Die neue Yalu-Brücke ist faktisch die erste moderne Brücke zwischen Nordkorea und China", sagte Ahn.
Die Pläne für eine neue Brücke reichen bis ins Jahr 2009 zurück, als der damalige chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao und nordkoreanische Vertreter das Projekt vereinbarten, um die 1943 errichtete Chinesisch-Koreanische Freundschaftsbrücke zu entlasten.
Der Bau der neuen Brücke begann 2011 – größtenteils finanziert durch Peking – und das Bauwerk selbst wurde im Wesentlichen 2014 fertiggestellt. Die Eröffnung verzögerte sich jedoch aufgrund von Problemen beim Bau eines Zollzentrums auf nordkoreanischer Seite.
Nord- und Südkorea – siebzig Jahre im Kalten Krieg
Ahn fügte hinzu, die Eröffnung könne als Signal dafür gewertet werden, dass Pjöngjang eine größere wirtschaftliche Öffnung anstrebe, auch wenn dieser Prozess nur langsam voranschreite.
Brücke über den Yalu-Fluss soll Handel mit China ankurbeln
Ein ehemaliger hochrangiger Beamter des südkoreanischen Vereinigungsministeriums, der anonym bleiben wollte, erklärte gegenüber der DW, dass ein wiederauflebender Handel auch den nordostchinesischen Provinzen Liaoning, Jilin und Heilongjiang zugutekommen könnte.
Bevor Sanktionen und die Pandemie den Handelsverkehr unterbrachen, importierten Unternehmen in der Region nordkoreanische Waren – darunter Meeresfrüchte –, während chinesische Produkte in die Gegenrichtung flossen. "Beide Seiten brauchen das", so der ehemalige Beamte.
Nordkorea benötige chinesische Güter und Möglichkeiten zur Erwirtschaftung von Devisen, während Teile Nordostchinas von einem wiederauflebenden grenzüberschreitenden Handel profitieren könnten, fügte er hinzu. Der Beamte merkte an, die lange Verzögerung spiegele zudem Pjöngjangs früheres Zögern wider, die auf seiner Seite erforderliche Infrastruktur für Zoll und Logistik zu errichten.
"Die Tatsache, dass der Übergang jetzt geöffnet wird, bedeutet, dass Nordkorea Zoll- und Abfertigungsanlagen sowie Logistiklager errichtet hat", sagte er. "Unter diesem Gesichtspunkt ist Nordkorea stärker darauf angewiesen. Das Land benötigt nun Güter, die aus China eingeführt werden."
Han, ein ehemaliger südkoreanischer Geheimdienstmitarbeiter, geht davon aus, dass der neue Grenzübergang die Erholung des Handels und damit dessen Rückkehr auf das Niveau von vor der Pandemie beschleunigen wird. "Die Eröffnung der Yalu-Brücke wird den Handel zwischen Nordkorea und China weiter ankurbeln", sagte Han gegenüber der DW.
Nordkorea benötige Importe insbesondere für das Bauwesen und die industrielle Produktion, darunter auch Komponenten für Fabriken, so Han. Er warnte jedoch davor, einen unkontrollierten Handelsboom zu erwarten.
Dabei verwies er auf das zunehmend zentralisierte Handelssystem Pjöngjangs, in dessen Rahmen der Staat die Kontrolle über Importe verschärft hat, anstatt einzelnen Fabriken und Unternehmen mehr Eigenständigkeit im Handel zu gewähren.
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