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Monday, October 26, 2026

Finanzexperte über Ernährungssicherheit: „Schocks werden weiterhin auftreten“

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Lebensmittelinflation und Hunger sind aktuell die größten Probleme, sagt Entwicklungsexperte Álvaro Lario. Für Lösungen brauche es auch privates Geld.

taz: Herr Lario, Sie arbeiten mit Staaten zusammen, die am stärksten von globalen Krisen betroffen sind. Wie große Sorgen machen Sie sich um die Ernährungssicherheit?

Álvaro Lario: Auf globaler Ebene macht uns die Lebensmittelinflation am meisten Sorgen. Laut dem Bloomberg Agriculture Spot Index stiegen die weltweiten Agrarpreise zwischen Juli und September um 13 Prozent. In den kommenden Monaten wird die Inflation weiter zunehmen. Durch die aktuelle Krise sind die Ölpreise gestiegen und damit die Transportkosten. Damit werden auch Weizen, Mais und so weiter teurer. Wenn man also in den Supermarkt geht, kosten die Nudeln mehr, das können wir alle beobachten. Aber natürlich sind Familien mit geringerem Einkommen am stärksten betroffen. In Entwicklungsländern entsteht dadurch großer Druck auf die Politik – und auf die Bevölkerungsgruppen, die ins Hintertreffen geraten. Das ist der erste Punkt.

taz: Was ist der zweite Punkt?

Lario: Hunger. Derzeit sind weltweit fast 650 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Diese Zahl ist zwar leicht zurückgegangen, aber es ist immer noch fast jeder Zehnte auf der Welt. Das ist sehr viel. Eine weitere Zahl, die ich alarmierend finde, ist, dass sich fast 2,7 Milliarden Menschen – fast ein Drittel weltweit – keine gesunde Ernährung leisten können. Immer mehr Menschen kaufen verarbeitete Lebensmittel und kein frisches Gemüse, Obst oder pflanzliche Proteine wie Bohnen, Erbsen und Linsen, weil diese immer teurer werden.

Im Interview: Álvaro Lario

ist Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (Ifad). Das ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die auf Anregung des Welternährungsgipfels von 1974 entstand. Dessen zentrale Aufgabe ist es, Ressourcen zur Unterstützung von Klein­bäue­r*in­nen und landlosen Land­ar­bei­te­r*in­nen zu mobilisieren, um die Nahrungsmittelproduktion zu verbessern und die Einkommen vor Ort zu erhöhen.

taz: Die aktuelle Ölkrise hat offenbart, wie abhängig die Ernährungssysteme von fossilen Brennstoffen sind, die zum Beispiel für die Herstellung von Kunstdünger gebraucht werden. Welche Lehren ziehen Sie aus dieser Krise?

Lario: Es geht nicht nur um die Abhängigkeit von Kunstdünger und Öl, sondern auch um die Abhängigkeit vom Handel. In Afrika beispielsweise sind viele Länder nicht selbstversorgend mit Nahrungsmitteln. Das ist besonders merkwürdig, da Afrika über die Flächen, die Fähigkeiten und die Arbeitskräfte verfügt, um sich selbst zu versorgen. Dennoch hat die Afrikanische Union kürzlich festgestellt, dass der Kontinent jedes Jahr Lebensmittel im Wert von fast 100 Milliarden US-Dollar importiert. Hinzu kommen Düngemittel und Saatgut. Das erschwert es, auf globale Schocks zu reagieren.

taz: Afrika sollte autark sein?

Lario: Die Länder müssen ihre Strukturen in den Bereichen Vertrieb, Lagerung, Produktion und Verarbeitung eines Teils der Lebensmittel zu höherwertigen Erzeugnissen stärken. Das macht die Länder widerstandsfähiger, denn Schocks werden weiterhin auftreten. Das haben wir gesehen. Es könnte Covid sein, der Einmarsch in die Ukraine, die Blockade der Straße von Hormus, es könnten Dürren, Hitzewellen oder Überschwemmungen sein. All das wird nicht verschwinden. Genau das ist im Grunde die Aufgabe des International Fund for Agricultural Development (Ifad). Wir versuchen, diese Strukturen zu schaffen, insbesondere in den am wenigsten entwickelten Ländern.

Bauern und Bäuerinnen müssen für den Zeitraum, in dem sie Verluste machen, bezahlt werden

taz: Welche Rolle spielt es, wie Land­wir­t*in­nen Nahrungsmittel anbauen? Hilft es, auf eine nachhaltige Landwirtschaft umzustellen, die nicht von fossilen Brennstoffen abhängig ist, sondern ökologisch betrieben wird wie beispielsweise die Agrarökologie?

Lario: Wir haben ein Projekt in Benin, bei dem Fliegenlarven mit Biokohle kombiniert werden, um organischen Dünger herzustellen. Aber es ist nicht so einfach, das finanziell tragfähig zu machen. Damit ein Kleinbauer auf Agrarökologie umstellen kann, braucht er drei oder vier Jahre, um die Bodengesundheit zu verbessern – und in denen fällt sein Kapitalfluss geringer aus. Danach könnte er sogar noch produktiver sein und nährstoffreichere Produkte herstellen. Aber die Bauern und Bäuerinnen müssen für den Zeitraum, in dem sie Verluste machen, bezahlt werden.

taz: Könnte Agrarökologie – also eine Landwirtschaft, bei der auch umliegende Ökosysteme wie Wälder oder Moore mitgedacht werden – langfristig die Welt ernähren?

Lario: Ich halte es für ein Wirtschaftsmodell, das funktionieren könnte. Aber einen vollständigen Wandel würde ich nicht erwarten. In der Landwirtschaft müsste ebenso schrittweise vorgegangen werden wie im Energiesektor. Agrarökologie ist ein Ansatz, den wir fördern, aber wir verstehen auch, dass dies – insbesondere für Kleinbauern und im Hinblick auf die Bodengesundheit – nicht von heute auf morgen geschehen kann. Es geht auch um lokale Eigenverantwortung. Es geht darum, sicherzustellen, dass Kleinbauern nicht nur Subsistenzwirtschaft betreiben, sondern eine rentable Kleinproduktion aufbauen.

taz: Einige Kleinbauern befürchten, dass sie im Zuge der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft gegenüber großen Konzernen den Kürzeren ziehen.

Lario: Ich glaube nicht, dass es sich um eine Entweder-oder-Situation handelt. Wir unterstützen beides. Kleinbauern verfügen nicht über die nötige kritische Masse; sie können ihre Produkte nicht auf dem Markt absetzen oder Betriebsmittel zu einem bestimmten Preis einkaufen. Wir helfen ihnen dabei, Genossenschaften, Erzeugerorganisationen und Frauenverbände zu gründen. Eine gewisse Größe ist notwendig, um die Landwirtschaft wirtschaftlich rentabel zu machen. Und immer mehr Staatschefs in Afrika wollen Wertschöpfung und mehr Verarbeitung in ihren eigenen Ländern. Das schafft Arbeitsplätze. Größe ist wichtig, solange man sich nicht auf Monokulturen konzentriert, die letztendlich früher oder später ebenfalls nicht mehr rentabel sein werden, weil sie den Boden auslaugen und die Nährstoffqualität beeinträchtigen.

taz: Trotz der drastischen Kürzungen bei den Entwicklungsmitteln ist der deutsche Beitrag zum Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (Ifad), den Sie leiten, bislang stabil geblieben. Wie sieht die Situation insgesamt aus?

Lario: Von unseren wichtigsten Gebern können wir mit stabilen Beiträgen rechnen. Auch die Länder, in die investiert wird, haben ihre eigenen Beiträge erhöht. Sie wissen es zu schätzen, dass wir versuchen, den lokalen Privatsektor zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen. Es handelt sich eher um einen produktiven und investitionsorientierten Ansatz als um reine Hilfe. Wir erhalten außerdem Mittel vom Markt, von Pensionsfonds und von Investoren, die uns Geld zu einem sehr niedrigen Zinssatz leihen, da wir ein sehr hohes Rating haben.

taz: Der Ifad ist 2022 als erste UN-Organisation auf den Kapitalmarkt gegangen – und hat ein AA+ Rating erhalten. Ersetzt dieses Modell zukünftig öffentliche Entwicklungsgelder?

Lario: Die öffentliche Entwicklungshilfe belief sich im Jahr 2025 weltweit auf rund 175 Milliarden US-Dollar. Wenn wir nur von Subventionen in der Landwirtschaft durch Industrieländer sprechen, waren es von 2019 bis 2021 jährlich etwa 700 Milliarden. Rücküberweisungen beliefen sich auf weitere 730 Milliarden. Die öffentliche Entwicklungshilfe wird also oft stark überschätzt. Als Institution im Entwicklungsbereich müssen wir sicherstellen, dass diese Mittel als Katalysator wirken und Geld aus dem privaten Sektor anziehen, denn dort liegt das eigentliche Geld. In unserem Fall mobilisieren wir es für die „erste Meile“ – dort, wo extreme Armut herrscht.

taz: Bei diesem Modell brauchen Investoren Renditen. Könnte dies dazu führen, dass sich die Ausrichtung der Entwicklung verändert – geht es dann weniger um die Menschen und mehr um die Investoren?

Lario: In unserem Fall dreht sich alles um die ländliche Gemeinschaft. Wir geben Anleihen aus, die dank unseres AA+ Ratings attraktive Zinssätze mit sehr hoher Bonität verbinden. Befindet sich ein Land in einer Schuldenkrise, stellen wir ihm Zuschüsse zur Verfügung, die für das Land kostenlos sind, aber eine Finanzierung durch Geber erfordern. In allen anderen Fällen gewähren wir hoch vergünstigte Darlehen, beispielsweise zu einem Zinssatz von 0,5 bis 0,75 Prozent über lange Laufzeiten von 30 bis 40 Jahren, je nach Land. Würden diese Länder sich das Geld auf dem Markt beschaffen, wäre der Zinssatz deutlich höher. Das Modell funktioniert.

taz: Wie erzielen Sie bei diesen Zinssätzen Renditen?

Lario: Es ist eine Mischung aus den freiwilligen Beiträgen der Länder und der Kreditvergabe an eine Reihe von Ländern.

taz: Mit welchem Argument werben Sie für die freiwilligen Beiträge der Staaten?

Lario: Es ist wichtig, weiterhin in Entwicklung zu investieren, Stabilität zu schaffen und widerstandsfähige Wertschöpfungsketten aufzubauen. Ich würde sagen, mehr Arbeitsplätze und wirtschaftliche Chancen schaffen Stabilität, tragen zu weniger Konflikten, weniger Kriegen in der Zukunft und weniger Zwangsmigration bei.

taz: Sie haben bereits die hohen Subventionen der EU und der USA erwähnt. Was sind Ihrer Einschätzung nach die größten externen Faktoren, die Landwirten in Ländern mit niedrigerem Einkommen schaden?

Lario: Wir sind der Ansicht, dass Subventionen konstruktiv sein müssen, etwa um Landwirten zu helfen, sich besser an Klimaschocks anzupassen. Ein weiterer Punkt ist, dass wir generell zwischen allen regionalen Blöcken – sei es in Afrika, Europa oder Lateinamerika – vor allem Sicherheit und Vorhersehbarkeit brauchen. Einige afrikanische Staats- und Regierungschefs fordern: Wenn etwa die EU ihre Politik ändert – seien es Exportverbote oder Nachhaltigkeitsanforderungen –, teilt das im Voraus mit, damit wir unsere Märkte darauf vorbereiten können.

taz: Manche Krisen lassen sich nicht vorhersagen, aber wir kennen die Auswirkungen des Klimawandels. Die nächste Krise, die uns bevorsteht, ist ein „Super-El-Niño“. Gibt es Maßnahmen, mit denen Sie sich darauf vorbereiten?

Lario: Die Vorbereitung muss schon viel früher ansetzen, und zwar bei den Investitionen, die Staaten tätigen. Wenn wir zum Beispiel in Malawi investieren, wissen wir, dass das Land alle zwei Jahre von Zyklonen heimgesucht wird. Deshalb berücksichtigen wir dies bei der Planung der ländlichen Infrastruktur.

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