Masernschutzgesetz: Wie Eltern die Impfung umgehen
Bei der Einschulung vertrauen Schulen auf den gelben Impfpass als Nachweis für den Masernschutz. Doch im Netz werden gefälschte Dokumente gehandelt. Was das für die Masern-Impfquote bedeutet.
16.09.2026 | 28:30 minLisa (Name geändert) hat drei Söhne. Keiner der drei ist gegen Masern geimpft. Ihr ältester Sohn wird dieses Jahr im Raum Stuttgart eingeschult.
Dabei ist es eigentlich nicht mehr möglich, ohne den Nachweis einer Masernimpfung eingeschult zu werden. Denn das Masernschutzgesetz besagt, dass Eltern belegen müssen, dass ihre Kinder zwei Mal gegen Masern geimpft sind oder aber die Krankheit schon einmal durchgemacht haben - wenn sie Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergarten oder Schule besuchen.
Lisa und ihr Mann haben ihre Kinder vor ein paar Jahren für eine medizinische Studie angemeldet, für die es eine ungeimpfte Kontrollgruppe brauchte. So fanden sie vorerst einen Weg, die Impfung zu umgehen.
Zwei Impfungen bieten über 96 Prozent Schutz vor Masern. In Kitas, Schulen und Kliniken ist der Nachweis darüber Pflicht - laut Masernschutzgesetz für alle ab Geburtsjahr 1971.
17.07.2025 | 1:53 minChats für impfkritische Eltern
Das Beispiel ist kein Einzefall: Bei ihrer Recherche stoßen die Autorinnen der ZDF-Reihe "Die Spur" im Netz auf Online-Gruppen impfkritischer Eltern. In den Chats tauschen sie sich darüber aus, wie sie ihr Kind in eine Gemeinschaftseinrichtung schicken können, ohne es gegen Masern impfen zu lassen.
Das "Gesetz für den Schutz vor Masern und zur Stärkung der Impfprävention" ist am 01.03.2020 in Kraft getreten. Es sieht unter anderem vor, dass alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr beim Eintritt in den Kindergarten, die Kindertagespflege oder in die Schule die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Masern-Impfungen vorweisen. Für Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, dient eine ärztliche Bescheinigung als Nachweis.
Auch auf Instagram äußern sich Influencer kritisch zur Masernimpfung. So etwa Rafaela, die auf ihrem Instagram-Account vor der Masernimpfung warnt und sagt:
Ich kläre auf, … ich nenne auch viele Wege, wie man die Masernimpfung umgehen kann, aber ich rufe niemals dazu auf.
Rafaela, Influencerin
Was sind aus medizinischer Sicht die größten Risiken bei Medfluencern - gerade wenn es um sensible Themen wie psychische Gesundheit, Impfen oder Ernährung geht? Dr. Christoph Specht klärt auf.
11.06.2025 | 6:52 minImpfgegner auf dem Vormarsch?
Während der Corona-Pandemie hat sich die Impfakzeptanz in der Bevölkerung verändert. Dr. Sarah Eitze ist Gesundheitspsychologin an der Universität Erfurt und forscht zu Impfentscheidungen. Wie viele Menschen gegen Schutzimpfungen sind, könne man nicht so leicht beziffern, sagt sie. "Weil wir von einer sehr kleinen Gruppe ausgehen, die aber grundsätzlich sehr, sehr laut ist."
Die sind nicht nur im Internet sehr laut, sondern treffen sich regelmäßig, um zu demonstrieren und dabei auch in der echten Welt Aufmerksamkeit zu erregen.
Sarah Eitze, Gesundheitspsychologin
Rund zehn Prozent der Befragten, so Eitze, reagierten auf staatliche Maßnahmen - wie zum Beispiel eine Impfnachweispflicht - "reaktant, also wütend." Ob aus der Corona-Wut ein dauerhaftes Nein zu allen Impfungen werde, lasse sich erst in den nächsten Jahren an den realen Daten ablesen.
Wichtig sei die Unterscheidung: Nicht alle, die bis zur angestrebten Impfquote von 95 Prozent fehlen, seien überzeugte Impfgegner. "Manchmal hängt es auch davon ab, ob das Kind vorher eine Krankheit hatte oder ob der Kinderarzt rät, die Impfung noch etwas zu verschieben", so Eitze. Es gehe oft um individuelle Gründe, die Impfung später zu machen - nicht um grundsätzliche Ablehnung.
Wege zur höheren Impfquote
Um die Impfquote weiter zu steigern, müsse der Weg zur Impfung vereinfacht werden, so Eitze. "Wir brauchen auch gute Kommunikationsmaßnahmen", sagt sie.
Menschen müssen die Informationen, die sie haben wollen für die Impfentscheidung, weiterhin gut finden können und wir müssen Falschinformationen bekämpfen.
Sarah Eitze, Gesundheitspsychologin
Impfkampagnen sollten Menschen da erreichen, wo sie sich aufhalten. Sei es auf Telegram, an der Bushaltestelle oder im Zug.
Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit
Was passiert, wenn die Masern-Impfquote fällt, zeigt aktuell ein Blick in die USA. Dort gab es in diesem Jahr so viele Masern-Fälle wie seit 35 Jahren nicht mehr.
US-Präsident Trump beschränkt die zentral empfohlenen Kinder-Impfungen auf elf Krankheiten. Gemeinsam mit Gesundheitsminister Kennedy setzt er zudem auf größere Abstände zwischen den Impfungen.
11.08.2026 | 0:18 minMasern sind eine hochansteckende Virusinfektion, die schwere Komplikationen verursachen kann. Um Masern zu eliminieren, braucht es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Impfquote von mindestens 95 Prozent in der Gesellschaft. Deutschland liegt unter dieser Empfehlung. Aktuell schätzt das Robert Koch-Institut (RKI), dass 92 Prozent der Sechsjährigen in Deutschland vollständig geimpft sind.
Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind die häufigsten Komplikationen einer Masernerkrankung:
- Mittelohrentzündungen (bis 14 Prozent der an Masern Erkrankten)
- Durchfall (bis 12 Prozent)
- Lungenentzündungen (bis 9 Prozent)
Besonders schwer und bisweilen tödlich können die Masern bei Personen mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche verlaufen.
Sehr viel seltener können Komplikationen wie Entzündungen des Gehirns auftreten: eine Enzephalitis (etwa 1 von 1.000 erkrankten Personen) oder die Subakute Skleriosierende Panenzephalitis (SSPE). Die Inzidenz der SSPE wird mit 1-18 SSPE-Fällen pro 100.000 Masernerkrankungen angegeben. Eine SSPE tritt laut RKI durchschnittlich 6-8 Jahre nach der Infektion auf und verläuft in der Regel tödlich.
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