Ukraine oder Russland: Stehen Oleschkys Einwohner vor der Entscheidung ihres Lebens?

Ukraine oder RusslandStehen Oleschkys Einwohner vor der Entscheidung ihres Lebens?
26.10.2026, 14:22 Uhr Von Robin Grützmacher

Die Ukraine versucht, die Rettung ihrer Bürger aus der Frontstadt Oleschky zu erreichen. Vieles hängt dabei allerdings von Moskau ab. Kiew glaubt, dass der Kreml die Menschen in das von Russland besetzte Gebiet lenken werde. Wer einen anderen Weg einschlägt, setzt demnach möglicherweise sein Leben aufs Spiel.
Ab Dienstagmorgen gilt eine mehrtägige Waffenruhe für das Gebiet der von der Außenwelt abgeschnittenen ukrainischen Frontstadt Oleschky. In dieser Zeit ist die Evakuierung der verbliebenen Einwohner geplant. Zuletzt war von rund 2000 Menschen die Rede, die seit Monaten ohne Nahrungsmittellieferungen unter schlimmsten Bedingungen leben sollen.
Die große Frage ist derzeit, wie die Evakuierung vonstattengehen wird. Die umkämpfte Stadt liegt zwar im von Russland besetzten Teil der Region Cherson, wurde von den Invasoren jedoch verlassen. Nördlich und westlich von Oleschky befinden sich sumpfiges Gebiet und der Fluss Dnipro, dahinter die ukrainisch kontrollierte Großstadt Cherson. Im Süden und Osten von Oleschky sind die russischen Invasoren aktiv. Viele Einwohner dürften daher wohl eine Flucht in die andere Richtung präferieren. Ob die allerdings möglich sein wird, ist ungewiss.
Kiew wirft Moskaus Truppen vor, die Umgebung vermint zu haben. Der ukrainische Präsident Selenskyj teilte dem Medium TSN mit, er glaube, dass die Russen die Minen so räumen, dass die Bewohner nach Osten gelenkt werden. "Zweifellos wird Russland alles daransetzen, dass diese Menschen in Richtung Russland gehen und dort bleiben", sagte der Staatschef. Sollte sich seine Einschätzung bewahrheiten, stehen die Einwohner vor Oleschky möglicherweise vor einer dramatischen Entscheidung: Den lebensgefährlichen Weg in Richtung Westen wählen - oder den sicheren Weg nach Osten in ein Leben unter Kontrolle der Besatzer.
Kiew setzt derzeit alles daran, dass Helfer in die Stadt gelassen werden und seine Bürger in Richtung Westen fliehen können. Selenskyj sagte TSN: "Das Wichtigste ist, festzustellen, wie viele Menschen eingeschlossen sind, und sie zu befreien, damit sie überleben können. Im Idealfall sollten sie ihr Ziel erreichen und in die Ukraine evakuiert werden können, die ihnen alles Notwendige zur Verfügung stellen und sie bedingungslos unterstützen wird."
Möglich ist allerdings auch, dass die russische Seite Helfer in die Stadt schickt und sich dann als Retter in der Not inszeniert. Eine Not, die nie entstanden wäre, wenn der Kreml 2022 nicht den Angriffskrieg begonnen hätte. Oleschky befindet sich seit den ersten Kriegsmonaten auf russisch kontrolliertem Gebiet. Anfang dieses Jahres zogen sich die Besatzer laut ukrainischen Angaben dann jedoch aus der umkämpften Stadt zurück und überließen diese ihrem Schicksal.
Ab Dienstag um 4 Uhr Moskauer Zeit will Russland die Waffen laut Angaben der Armee schweigen lassen. Der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Dmitri Peskow, hatte dem Kreml-Sprachrohr Tass gesagt, wer wolle, könne Oleschky verlassen. Die Evakuierung werde mindestens einige Tage dauern.
Dass der Kreml, der die ukrainische Bevölkerung unterwerfen will, großen Menschenmengen den sicheren Weg in ukrainisch kontrolliertes Gebiet ermöglicht, erscheint eher unrealistisch. In einem Tass-Beitrag wirft Russland Kiew aktuell Drohnen- und Artillerieangriffe sowie das Legen von Minen und die Blockade von Hilfslieferungen vor. Möglicherweise will Russland so die Schuld von sich weisen. In der Überschrift des Artikels ist von einer "Verhinderung der Evakuierung durch Kiew" die Rede.
Zusammenarbeit mit mutmaßlicher Kindesentführerin
Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinets, schrieb am Sonntag auf X, es werde gemeinsam mit der russischen Menschenrechtsbeauftragten Yana Lantratowa eine humanitäre Hilfsaktion geplant. Doch Lantratowa ist eine hochumstrittene Persönlichkeit. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft und der Inlandsgeheimdienst SBU werfen ihr vor, dem Chef der Partei Gerechtes Russland geholfen zu haben, ein ukrainisches Mädchen aus den besetzten Gebieten illegal zu adoptieren. Zudem soll auch ein Junge mit ihrer Hilfe entführt worden sein.
Die Ukraine versucht in Person von Lubinets trotzdem mit Lantratowa zusammenzuarbeiten, um wenigstens ein paar humanitäre Ergebnisse erzielen zu können. Über sein erstes Treffen mit der Menschenrechtsbeauftragten aus Moskau im Sommer sagte Lubinets damals ntv.de: "Der Schwerpunkt lag nicht auf persönlichen Emotionen, sondern auf einem professionellen und humanitären Ansatz, der darauf abzielte, konkrete Ergebnisse zu erzielen - vor allem die Rückkehr unserer Bürger und Fortschritte bei humanitären Fällen."
Eine maßgebliche Rolle bei der Rückführung von ukrainischen Kindern und auch der Evakuierung aus Oleschky spielen laut ukrainischen Angaben weiterhin die Vermittlungsbemühungen der First Lady der USA, Melania Trump. "Die Menschen in Oleschky haben nur eingeschränkten Strom, leben inmitten verminter Straßen und müssen regelmäßige Militärangriffe ertragen", sagte die Ehefrau von US-Präsident Donald Trump laut einer Mitteilung. Ihr zufolge werden zivile Hilfskräfte aus der Ukraine und Russland nach Oleschky gelangen. In Bezug auf die Bewohner sagte sie: "Ich gehe davon aus, dass einige nach Russland und andere in die Ukraine gehen wollen."
Einwohner essen Unkraut und Hunde
In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder dramatische Berichte über die Zustände in Oleschky gegeben. Dem "Spiegel" sagte ein ehemaliger Einwohner der Stadt, der noch Kontakt zu dort Verbliebenen hat, dass sich in Telegram-Gruppen ausgetauscht werde, welche Arten von Unkraut ein Mensch verdauen könne und wie man es am besten zubereite.
Tetiana Hasanenko, Leiterin der Militärverwaltung der Stadt, sagte dem Nachrichtenportal "Ukrainska Prawda", dass es Fälle gebe, in denen Familien Hunde verspeisten. Im Mai sollen zum letzten Mal offiziell Lebensmittel in die Stadt geliefert worden sein. Lubinets zufolge gibt es zudem kein sauberes Wasser oder Medikamente. Die Ukraine hatte in den vergangenen Wochen Hilfsgüter per Drohne nach Oleschky geliefert.
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