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Friday, October 2, 2026

Brauchen Sportwagen wirklich mehr als 1000 PS?

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Technische Raffinesse statt Brutalo-Power

Brauchen Sportwagen wirklich mehr als 1000 PS?

Der PS-Wahnsinn bei Supercars nimmt immer verrücktere Formen an. Es wird Zeit, dass sich die Autohersteller ein Beispiel an Schweizer Uhrenmarken nehmen.

Publiziert: vor 40 Minuten

  • Unfälle mit Supersportwagen auf unseren Strassen zeigen: Die moderne Maschine überfordert den Menschen
  • Dennoch boomen Supercars mit immer noch extremeren PS-Leistungen und fragwürdiger Fahrdynamik
  • Vielleicht liegt die Zukunft der Supersportwagen in einer Renaissance von alltagstauglicher Exklusivität?

Tödliche Schlagzeilen diesen Sommer: An der deutschen A555 hing ein Lamborghini Revuelto für über eine halbe Million Franken meterhoch in den Bäumen – der Fahrer überlebte nicht. Auch der zuletzt in Balgach SG lebende Reality-TV-Star Mano Machinek (1988–2026) starb bei einem Selbstunfall mit einem Porsche 993 Carrera RS am Lago Maggiore. Und noch gut in Erinnerung ist uns der tödliche Crash des portugiesischen Fussballstars Diogo Jota (1996–2025) in seinem gemieteten Lamborghini Huracan – oder der Massencrash im November 2024 auf einer Tiroler Bergstrasse: Beim Anbremsen einer Spitzkehre krachten dort ein LaFerrari, ein Ferrari 812 Superfast, ein McLaren Elva und ein Bentley Continental GTC wie Billardkugeln ineinander. Keine Verletzten, aber ein Gesamtschaden von mehreren Millionen. Die Liste liesse sich übrigens beliebig verlängern, die sozialen Medien sind voll davon.

Was wollen uns diese Vorfälle sagen? Zuerst mal, dass das Talent zur Vermögensbildung nicht zwangsläufig mit gesteigertem Fahrkönnen einhergeht. Aber das ist zynisch und unfair. Denn die Leistungseskalation bei Supercars in den letzten Jahren hat längst jeden halbwegs erfahr- und erlebbaren Rahmen gesprengt.

Heute zählen Qualm und Lärm mehr als echter Fahrspass

Grosse Schuld an der Misere trifft «Top Gear»-Erfinder Jeremy Clarkson (66). Er vermittelte einer ganzen Generation von Autofans fragwürdige Werte. Erstens: Reifenrauch und Deppen-Drifts sind ein harmloses Vergnügen. Zweitens: Man kann niemals genug Leistung haben. Letzteres gilt besonders für die immer beliebter werdenden Dragtests. Clarkson machte aus echter Fahrdynamik – also aus dem diffizilen Zusammenspiel von Leistungsentfaltung, Fahrwerk und Bremsen – eine billige Show fürs TV. Zahllose Nachahmer auf Youtube zogen nach – heute zählen Qualm und Lärm mehr als wahrer Fahrspass.

Ein Ferrari 288 GTO galt 1984 als unangefochtener Supersportwagen, obwohl er gerade einmal 400 PS auf die Strasse brachte. Noch vor zehn Jahren protzte ein Lamborghini Huracan mit 580 PS, heute liefert das in Kilowatt jeder bessere Elektro-Hyundai. Der Huracan-Nachfolger Temerario beschleunigt mit 920 PS dank Allrad und ausgefeilter Regeltechnik exakt so schnell von 0 auf 100 wie ein Formel-1-Bolide. Bloss werden die wenigsten Käuferinnen und Käufer das Talent und Reaktionsvermögen eines Kimi Antonelli (20) oder Max Verstappen (29) mitbringen. Das logische Resultat dieser Entwicklung lässt sich in unzähligen Youtube-Videos verfolgen, wo die absurdesten Crashes das einfache Volk erfreuen. So haben alle was davon – bis einer weint.

Höflich gesagt ist schnell verdientes Geld nicht immer maximal geschmackssicher. Deshalb funktioniert das simple Aufdoppeln von Leistung derzeit noch als Wachstumsmotor für die Hypercar-Hersteller. Aber braucht der kultivierte Mensch tatsächlich 1000 PS zur automobilen Selbstverwirklichung? Und wenn ja, was macht er damit? Koenigsegg Gemera und Rimac Nevera R haben längst die 2000-PS-Grenze geknackt. Was kann da noch kommen? 3000 PS? 4000 PS?

Eleganz statt Aggressivität, Feinmechanik statt Brutalo-Power

Vielleicht liegt die Zukunft der Supersportwagen nicht in einer zunehmend sinnbefreiten Leistungseskalation, sondern in einer Renaissance von alltagstauglicher Exklusivität. Eleganz statt Aggressivität, Feinmechanik statt Brutalo-Power. Mit einem Satz: Die Hersteller sollten sich Schweizer Uhrenmanufakturen als Vorbild nehmen. Einzigartiger Stil statt purer Leistung, gepaart mit höchster Präzision. Als Beispiel: Niemand braucht im Alltag ein Tourbillon. Technisch ist das extrem komplexe System zur Steigerung der Ganggenauigkeit allerdings höchst faszinierend und hübsch anzusehen. Eine Luxusuhr läuft nicht schneller als ein China-Billigding, gilt aber als die Formel 1 im Uhrmacherhandwerk. Was den Sportwagenherstellern noch zu denken geben sollte: Eine Hublot, Franck Muller oder Patek Philippe sind in der gleichen Preisklasse anzusiedeln wie Hypercars – bei tausendmal geringerem Aufwand an Material und Einzelteilen.

Es gibt allerdings einen ersten Hinweis dafür, dass sich etwas in diese Richtung bewegen könnte: Bugatti hat sein neuestes Modell nicht in bisheriger Tradition nach französischen Rennfahrerlegenden (Pierre Veyron, 1903–1970, oder Louis Chiron, 1899–1979), sondern nach der erwähnten Uhrenkomplikation benannt. Der Bugatti Tourbillon bietet zwar immer noch verrückte 1800 PS aus einem V16. Wichtiger aber: Kein Touchscreen verödet die Armaturenlandschaft. Es gibt darin richtige Uhren, der Bildschirm muss sich verstecken und fährt nur bei Bedarf aus.

Technische Exzellenz bei exklusiven Sportwagen könnte in Zukunft bedeuten: mehr Komplikationen. Und zwar nicht im täglichen Betrieb (wie bei so manchem alten Ferrari), sondern bei extravaganten Details. Die Automobilgeschichte ist voll davon. Königswellen, dreidimensionale Nockenwellen, Stern- und Wankel-Motoren. Der Hüttlin-Kugelmotor, eine Schweizer Erfindung, gehört endlich zur Serienreife geführt. Und wer weiss, was sonst noch alles herauskommt, wenn Sportwagenkonstrukteure lernen, wie Uhrmacher zu denken?

Klein und fein – wie eine Rolex oder Omega am Handgelenk

Das Fahrzeug des eleganten Gentleman von morgen wird vielleicht klein und fein sein – wie eine Rolex oder Omega am Handgelenk. Ein Manufaktursportwagen könnte zum Beispiel 1,5 Liter Hubraum auf 12 Zylinder verteilen und in einer Karosserie stecken, die nicht mehr als 750 Kilo wiegt. Klingt absurd? Das sind die Daten des allerersten Ferrari 125 S aus dem Jahre 1947. Übrigens: Die britische Edelschmiede Automotive Artisans hat diesen Weg bereits eingeschlagen. Der R33 versteht sich als Hommage an den legendären Alfa Romeo 33 Stradale – und der atemberaubend schöne Sportwagen ist der pure Gegenentwurf zu aktuellen Supercars: «Nur» 376 PS aus einem Maserati-V8 reichen, weil der Wagen dank handgearbeiteter Alu-Karosserie gerade mal 1000 Kilo wiegt. Für etwa 800’000 Franken kriegt man keine elektronischen Helferlein, nicht einmal Servo für Bremsen oder Lenkung, aber 100 Prozent Stil und Spirit.

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