Importe trotz Sanktionen: Russische Energie-Rechnung hat gleich mehrere Haken

Importe trotz SanktionenRussische Energie-Rechnung hat gleich mehrere Haken
13.10.2026, 14:18 Uhr
Von Michael Bauer

Der Kreml präsentiert Zahlen als Beleg für Europas anhaltende Abhängigkeit von russischen Energieträgern. Ein genauer Blick zeigt jedoch, warum die Rechnung so nicht aufgeht und weshalb das Problem trotzdem keineswegs gelöst ist.
Russland rechnet der EU ihre milliardenschweren Energieimporte vor. Am Ende der Aussagen von Vizeregierungschef Alexander Nowak steht eine Zahl: Rund 286 Milliarden Euro zahlten EU-Länder trotz der Sanktionen seit 2022 an Moskau für Erdöl und Erdgas. Die imposant klingende Zahl lässt viele Faktoren und Hintergründe außen vor, wahrscheinlich auch bewusst weg.
Die erste fehlende Einordnung ist die Aussage "seit 2022". Das bedeutet nicht automatisch seit Kriegsbeginn, dem 24. Februar 2022. Dazu gab es in den ersten Monaten des Krieges noch kein EU-Ölembargo. Das Embargo für russisches Rohöl auf dem Seeweg trat erst am 5. Dezember 2022 in Kraft, das für raffinierte Ölprodukte am 5. Februar 2023. Die Rechnung enthält also erhebliche Käufe, die vor diesen Importverboten stattfanden.
Es gab zwar mehrere EU-Länder wie Deutschland und Polen, die schon früher ihre Absicht erklärten, vor dem EU-Embargo unabhängig von russischem Öl und Gas zu sein. Ölverträge wurden nicht verlängert und russische Lieferungen schrittweise ersetzt.
Welchen Anteil das erste Kriegsjahr bei den Energieimporten seitens der EU noch ausmacht, wird anhand der Zahlen des Centre for Research on Energy and Clean Air (Crea) deutlich. Vom 24. Februar 2022 bis Anfang Januar 2023 flossen rund 134 Milliarden Euro an Russland für Öl, Ölprodukte, Pipelinegas, LNG und Kohle. Bis heute zahlten EU-Länder laut Crea rund 238 Milliarden Euro an den Kreml. Damit ist erheblicher Teil bereits zwischen Kriegsbeginn und Anfang Januar 2023 zusammengekommen, während sich der kleinere Anteil auf die folgenden knapp vier Jahre verteilt. Die kumulierte Summe verdeckt, wie stark die jährlichen Zahlungen zurückgegangen sind.
Warum die Zahlen auseinandergehen, hat mehrere Gründe. Crea zählt ab Kriegsbeginn und schätzt die Erlöse anhand von Liefermengen und Preismodellen, während Russland den genauen Zeitraum und seine Berechnung nicht offenlegt. Ein möglicherweise früherer Beginn der russischen Zählung sowie Unterschiede bei Preisen und erfassten Energieträgern könnten die Abweichung erklären. Nachweisen lässt sich das bislang nicht.
Unabhängig von der Divergenz bleibt es eine enorme Summe, die EU-Länder trotz Krieg und Sanktionen weiterhin an Russland zahlen. Länder wie Ungarn und die Slowakei beziehen weiterhin russisches Rohöl über die Druschba-Pipeline. Für diese Lieferungen gilt eine Ausnahme vom Ölembargo, die wegen der besonderen Abhängigkeit der beiden Binnenländer und der schwierigen Umstellung auf alternative Lieferwege geschaffen wurde.
Bei Erdgas bestehen weiterhin genehmigte Pipeline-Lieferverträge in Ungarn, der Slowakei und Griechenland. Russisches Flüssigerdgas gelangt vor allem nach Frankreich, Belgien, Spanien und in die Niederlande. Möglich sind diese Lieferungen aufgrund von Übergangsfristen für bestehende langfristige Verträge: Für LNG gilt das vollständige Importverbot ab dem 1. Januar 2027, für Pipelinegas grundsätzlich ab dem 30. September 2027, spätestens ab dem 1. November 2027. Die Fristen sollen Versorgungsunterbrechungen verhindern. Allerdings kann russisches LNG letztlich auch in weiteren EU-Ländern landen, denn es darf innerhalb Europas weiterverkauft werden.
Die milliardenschweren Energieimporte bleiben eine Einnahmequelle für Moskaus Krieg. Die große, von Russland genannte Gesamtsumme verdeckt, wie stark sich das Geschäft verändert hat. Ob Europas vollständiger Ausstieg gelingt, entscheidet sich daran, ob auch die letzten Ausnahmen und Übergangsfristen tatsächlich auslaufen.
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