Krieg in der Ukraine: Alarmstufe Rot im Dauermodus

Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw wurde in der Nacht zu Donnerstag wieder Ziel massiver russische Luftangriffe. Tote sind keine zu beklagen.
Foto: Andrii Marienko/ap/dpa
Eigentlich wollten die beiden Nachbarn in der Nacht zum Donnerstag gemeinsam in der Kyjiwer U-Bahn-Station übernachten. Wieder einmal hatten die einschlägigen Telegram-Kanäle für die Nacht vor einem „massiven Luftangriff“ auf die ukrainische Hauptstadt gewarnt. Doch einer der beiden hatte sich entschieden, in seiner Wohnung zu bleiben und im Korridor zu schlafen.
Sein Nachbar hatte ihm zuvor noch einen Rat gegeben: „Lass die Wohnungstür einen Spalt offen. Sollte das Haus getroffen werden und brennen, kann sich der Türrahmen durch die Hitze so verziehen, dass du die Türe nicht mehr aufbekommst. Und dann bist du mit dem Rauch und dem Feuer allein.“
Mit seiner Entscheidung, in die Metro zu gehen, sollte der Nachbar recht behalten. Es wurde eine der lautesten Nächte der vergangenen Wochen in Kyjiw. Russland griff die Stadt mit ballistischen Raketen und einer großen Zahl von Drohnen an. Rund zehn Explosionen waren allein in einem Teil der Stadt zu hören. An Schlaf war bei dem Donnern und dem Klirren zerberstender Scheiben nicht zu denken.
Bei den Angriffen wurden Lagerhäuser, ein Bürogebäude, Wohnhäuser und Autos beschädigt. In einem Hof entstand ein tiefer Krater. Eine Schule und ein Hochhaus wurden beschädigt, Fenster und Fassadenteile herausgerissen. Insgesamt meldeten die Behörden am Morgen 18 Verletzte in Kyjiw, darunter zwei Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahren.
Rechtzeitig in Sicherheit
Betroffen waren auch Anlagen des Wasserversorgers Kyivvodokanal. In einem Zug wurden Scheiben und Türen beschädigt. Zu Schaden kamen auch ein Depot und Bahnanlagen. Auch der Bahnhof von Berestyn in der Region Charkiw wurde vor Sonnenaufgang von einer Drohne getroffen. Glücklicherweise hatten sich Fahrgäste und Bahnmitarbeiter noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
In der Region Odessa wurde ein mehrstöckiges Wohnhaus von einer Drohne getroffen. Insgesamt wurden in der Region Odessa sieben Menschen verletzt, darunter eine ältere Frau und ein 13-jähriges Kind. Besonders litten die zivile Versorgungs- und Logistikinfrastruktur. In letzter Zeit greift Russland zunehmend Einrichtungen der Lebensmittelversorgung an. Schon jetzt sind in den meisten Lebensmittelgeschäften der Hauptstadt die Regale teilweise leer.
Kurz nach drei Uhr morgens gab es in Kyjiw die ersten Entwarnungen. Der Nachbar im vierten Stock stand kurz auf, überprüfte die Strom- und Wasserversorgung und legte sich wieder hin – vorsichtshalber noch in Straßenkleidung. Doch eine Stunde später heulten erneut die Sirenen auf. Diesmal zeigte die städtische Warn-App nur die niedrigere Alarmstufe an: Es wurden Drohnen erwartet.
Bis zum Nachmittag wiederholte sich das Szenario: Alarm, Explosionen, Entwarnung – Alarm, Explosionen, Entwarnung. Aus Odessa meldete sich eine Freundin. Eine Druckwelle habe die Fenster ihrer Wohnung aufgedrückt. „Das geht jetzt schon viele Tage und Nächte so. Ich halte das bald nicht mehr aus“, sagte sie.
Auch in Russland brennt es. So berichtet der oppositionelle Telegram-Kanal Astra von einem ukrainischen Angriff auf eine Ölraffinerie in Jaroslawl. Dabei seien durch herabfallende Trümmer Fenster mehrerer Wohnhäuser und Autos beschädigt worden.
Der Gouverneur von Rostow am Don meldete einen Brand, eine beschädigte Transformatorstation und Stromausfälle in vier Stadtbezirken. Verletzt worden sei niemand. Laut Astra war es zu diesem Brand offenbar im Bereich der Stellplätze für Flugzeuge und Hubschrauber auf dem Gelände des Militärflugplatzes „Rostow am Don Zentralny“ gekommen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Angriffe auf ukrainische Eisenbahn Drohnenbeschuss im Betriebsablauf
Russische Drohnen nehmen gezielt ukrainische Züge ins Visier. Der Fahrplan wird unter Mühen aufrechterhalten – und der Anschluss an Europa vorangetrieben.
Von Marco Zschieck
Schule in der Ukraine Schulstart in Irpin mit KI und Schutzraum
An dem technologisch ausgerichteten Lyzeum bei Kyjiw beginnt das fünfte Schuljahr im Krieg. Durch die Luftangriffe hat sich das Lernen digital versiert.
Von Marco Zschieck
Streit über Oligarchen Frankreich und Slowakei blockieren Russland-Sanktionen
Die Europäische Union ringt um eine langfristige Lösung, wie der Kreml bestraft werden könnte. Dabei steht ein usbekischer Oligarch im Fokus.
Von Mathias Brüggmann
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.