So übt die Bundeswehr für den NATO-Verteidigungsfall
Ein Hamburger Wohngebiet um Mitternacht, die Straßen sind still und leer. Plötzlich brandet Lärm auf: Mehrere Helikopter kreisen am Nachthimmel, Blaulicht erhellt die Dunkelheit. Eine lange Wagen-Kolonne rollt durch die Straßen. Auf gepanzerten Bundeswehr-Fahrzeugen stehen Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag. Für die Anwohner ein ungewohnter, vielleicht sogar beängstigender Anblick in der sonst so friedlichen Hafenstadt.
"Red Storm Charlie" heißt die Übung, die Teile der norddeutschen Hafenstadt drei Tage lang lahmlegt. Bundeswehr, Polizei und zivile Organisationen testen gemeinsam, wie gut sie auf den Ernstfall vorbereitet sind. Das Szenario: Eine verschärfte Bedrohungslage an der NATO-Ostflanke. Im Hamburger Hafen, dem größten Seehafen Deutschlands, landen NATO-Truppen - während der Übung dargestellt von Bundeswehr-Soldaten. Anschließend bewegen sie sich durch die Hansestadt in Richtung Osten. Sabotageakte und Demonstrationen, auch das ist Teil des Szenarios, behindern den Vormarsch. Mit rund 1700 Teilnehmenden, darunter 500 Soldatinnen und Soldaten, ist diese Übung (24.-26.09.2026) die bisher größte ihrer Art.

Eingebettet ist "Red Storm Charlie" in einen geheimen Plan: Den Operationsplan Deutschland. Mit diesem Dokument bereitet sich die Bundeswehr auf einen möglichen Angriff Russlands auf das NATO-Bündnisgebiet vor. Der Operationsplan Deutschland fügt sich nahtlos ein in die größeren Verteidigungsplanungen der NATO.
In einem Kriegs- oder Krisenszenario fiele nicht nur der Hafenstadt Hamburg, sondern ganz Deutschland eine besondere Rolle zu: die einer logistischen Drehscheibe für Hunderttausende NATO-Soldaten, Waffen und schweres Gerät. "Es handelt sich um einen sehr detaillierten und streng geheimen Plan, der festlegt, wo genau NATO-Verbündete in Deutschland anlanden müssten, insbesondere in welchen Häfen, und welche Routen für den Transit durch Deutschland erforderlich wären", erklärt Sicherheitsexpertin Aylin Matlé von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) im DW-Interview.
Deutschland als Transitland für NATO-Truppen
Im Baltikum rechnet die NATO am ehesten mit einem Angriff Russlands. Dort würde sie im Ernstfall große Truppenkontingente aus ihren 32 Mitgliedsländern zusammenziehen. Soldatinnen und Soldaten aus Süd- und Westeuropa müssten dafür Deutschland passieren. "Konkret heißt das, dass innerhalb von sechs Monaten rund 800.000 Soldaten mit 200.000 Fahrzeugen durch unser Land ziehen müssten - das ist die Berechnung", erklärt Marcel Bohnert.
Der Bundeswehr-Offizier hat an der ersten Fassung des Operationsplans mitgearbeitet. Mit der DW spricht Bohnert als Privatperson, nicht als offizieller Vertreter der Bundeswehr. "Wir müssen garantieren, dass die Soldaten unsere Straßen und Häfen sicher nutzen können. Deshalb kümmern wir uns um alle ihre Bedürfnisse - um ihre Übernachtungsmöglichkeiten, um ihre Ernährung, wir sorgen für ihre Sicherheit, wir führen sie durch unser Straßennetz."

Auch für Transporte in die Gegenrichtung, also von Osten nach Westen, trifft der Plan Vorkehrungen, etwa für die Passage von verwundeten Soldaten oder flüchtenden Zivilisten. Den Auftrag, den Plan zu entwickeln, erteilte Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer nach dem Großangriff Russlands auf die Ukraine 2022. Breuer ist der ranghöchste deutsche Soldat, und nicht nur ihn treibt die Sorge um, dass Russland weitere Länder angreifen könnte. Schon jetzt sieht sich Deutschland einer Vielzahl russischer Provokationen ausgesetzt - von Cyberangriffen bis hin zu Sabotageakten gegen die Bundeswehr.
Verteidigungsminister Pistorius: "Moskau testet unsere Reaktion"
Eine neue Dimension der Bedrohung stellte der Anschlagsversuch Anfang August am Flughafen Leipzig/Halle dar. Dort kam eine mit Sprengstoff präparierte Drohne zum Einsatz, die nur dank glücklicher Umstände nicht explodierte. Die Bundesregierung macht Russland dafür verantwortlich. "Die Bedrohung wird konkreter. Sie ist ernst, sie ist akut, und sie wird immer sichtbarer. Das ist genau das, was der russische Präsident will. Moskau testet unsere Reaktion", sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am 23. September im Bundestag.

Dieser Bedrohung tritt die Bundeswehr auch mit dem Operationsplan Deutschland entgegen, der stetig weiterentwickelt wird. Erkenntnisse aus Übungen wie "Red Storm Charlie" fließen mit ein. Der Plan diene auch der Abschreckung, sagt Marcel Bohnert: "Wir hoffen, dass wir Russland von seiner Aggression abhalten können, indem wir unsere Stärke demonstrieren - durch den raschen Ausbau unseres Militärs sowie die sehr organisierte und schnelle Verlegung von Streitkräften an die Grenzen."
Straßen und Brücken müssen auf Vordermann gebracht werden
Wie gut ist Deutschland vorbereitet auf seine Rolle als militärische Drehscheibe? Einen Schwachpunkt sieht Sicherheitsexpertin Aylin Matlé in der teils maroden Infrastruktur. Insbesondere müsse Deutschland sich "viel schneller und gründlicher" um die Instandhaltung und Reparatur von Brücken, Straßen und Verkehrswegen kümmern, über die die Truppentransporte laufen sollen. "Denn einige dieser Anlagen stammen noch aus der Zeit des Kalten Krieges und sind nicht für den Transport schwerer Lasten oder Ausrüstung ausgelegt."

Eine weitere Schwierigkeit: Die Balance zwischen der Geheimhaltung des Plans und der Einbindung der Öffentlichkeit. Aus Furcht vor Sabotageakten sollen sensible Informationen, etwa die genauen Transitrouten für die NATO-Truppen, nicht in die Hände Russlands fallen. Andererseits funktioniert der Plan nur im Zusammenspiel der Bundeswehr mit der Zivilgesellschaft - mit den Verantwortlichen in Städten und Gemeinden, mit der Polizei und Hilfsorganisationen. "Teile des Plans müssen öffentlich zugänglich sein, da wir die Gesellschaft sowie Ministerien und Regierungen dafür brauchen", sagt Marcel Bohnert.
Könnte die AfD sensible Informationen weitergeben?
Die Diskussion über die Geheimhaltung des mehr als 1000 Seiten umfassenden Dokuments flammte jüngst wieder auf, nachdem die Alternative für Deutschland (AfD) aus der Wahl im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt als stärkste Partei hervorging. Sicherheitsexperten äußerten die Sorge, dass die in Teilen rechtsextreme und Russland-freundliche Partei Informationen aus dem Plan nach Moskau weitergeben könnte, sollte sie den Ministerpräsidenten stellen. Aus dem Verteidigungsministerium heißt es dazu: Kein Bundesland erhalte das vollständige Dokument. Vielmehr würden die sensiblen Teile des Operationsplans nur in Ausschnitten und sehr gezielt weitergegeben.
Beobachtern zufolge verstärkt die wachsende Zahl hybrider Bedrohungen dennoch das Bedürfnis nach Geheimhaltung. Bei der Übung "Red Storm Charlie" in Hamburg wurden die akkreditierten Reporter über Routen und Schauplätze bis zuletzt im Unklaren gelassen - aus Sorge vor Störungen und möglicher Sabotage.
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