Museum für NS-Geschichte in Flensburg: Gestapo-Sitz oder „Deutsches Haus“?

In Flensburg soll ein Vermittlungszentrum zur kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus entstehen. Um den Standort gibt es Streit.
Foto: Imperial War Museum (London)
Sie liegen nur einige Hundert Meter voneinander entfernt: das Flensburger Polizeipräsidium an der Straße Norderhofenden und damit in Sichtweite der Förde und das Deutsche Haus in der Friedrich-Ebert-Straße, wo es leicht bergauf zum Flensburger Bahnhof geht. Letzteres ist ein backsteinernes Geschenk der damaligen deutschen Regierung, weil die Flensburger Bevölkerung sich bei der Volksabstimmung von 1920 für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich entschieden hatte – und also gegen Dänemark.
Während das Deutsche Haus also für die durchaus wechselhafte deutsch-dänische Geschichte steht, ist das beim Polizeipräsidium anders: Seit 1934 war es zugleich Sitz der örtlichen Gestapo, die weit über Flensburg hinaus bis nach Dänemark operierte und verfolgte.
Die ehemaligen Gewahrsamszellen sind ebenso erhalten wie der Sitzungssaal, in dem etwa Heinrich Himmler, Reichsführer SS, am 5. Mai 1945 vor führenden SS-Offizieren und KZ-Kommandanten seinen letzten Appell verkündete. Erhalten ist auch der Innenhof, in dem der Hitler-Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, mit seiner pittoresken Reichsregierung, die sich in die Marineschule Mürwik zurückgezogen hatte, gleich mehrfach verhaftet wurde – so viel internationale Presse war am 23. Mai 1945 zugegen.
Doch die Flensburger Ratsversammlung hat sich in ihrem Beschluss für den „Aufbau eines norddeutschen Vermittlungszentrums zur kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Flensburg“ auf das Deutsche Haus festgelegt, weil dieses im Besitz der Stadt und laut einer von ihr in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie von den Kosten her deutlich günstiger ist als eine mögliche Unterbringung im weiterhin genutzten Polizeipräsidium. Geplante Eröffnung: Anfang der 2030er Jahre.
Es besteht keine Notwendigkeit, an einem Ort, der mit dem Thema nichts zu tun hatte, eine historische Ausstellung auszurichten
Gerhard Paul, Historiker
Gegen den Standortentscheid für das Deutsche Haus protestierten in einem offenen Brief verschiedene Flensburger Akteure, etwa der langjährige Stadtführer Knut Franck, der Schriftsteller Jochen Missfeldt und der ehemalige Chefredakteur des Flensburger Tageblatts, Stephan Richter.
Auch der Historiker Gerhard Paul hat unterschrieben. Er ist emeritierter Professor, einer der Begründer der Visual History, vor allem aber seit fast 35 Jahren Flensburger und ein Kenner besonders der späten Flensburger NS-Geschichte. Zudem ist Paul Ausstellungsmacher und war etwa an der Konzeption der Gedenkstätte „Topografie des Terrors“ in Berlin-Mitte beteiligt. „Es besteht keine Notwendigkeit, an einem Ort, der mit dem Thema nichts zu tun hatte, eine historische Ausstellung auszurichten“, sagt er zum Entscheid für das Deutsche Haus.
Polizeipräsidium wird frei
Kaum war der Brief veröffentlicht, der viel Zuspruch erhielt, änderte sich die Ausgangslage. Denn es wurde amtlich, was lange nur ein hartnäckiges Gerücht war: Flensburgs Polizei bekommt ein neues Präsidium, damit wird langfristig das bisherige Gebäude frei. Wobei es ein Problem gibt: Das Gebäude gehört nicht der Stadt, sondern dem Land Schleswig-Holstein – das sich bisher nicht geäußert hat, ob und welche Pläne es seinerseits verfolgt.
„Es ist unstrittig, dass das Polizeipräsidium der geschichtsträchtigere Ort ist“, sagt Melanie Bach, als parteilose Stadträtin für Kultur und Bildung zuständig – und an den Beschluss der Ratsversammlung gebunden. Auch wenn in dem Beschluss der Hinweis enthalten ist, die Möglichkeiten des Polizeipräsidiums nicht aus den Augen zu verlieren, äußert sie sich vorsichtig: „Ich habe noch nicht die verbindlichen Auskünfte aus Kiel, dass ich sagen könnte: ‚Liebe Politik, wollt ihr euren Beschluss nicht noch einmal aufmachen?‘“
Sie betont, wie wichtig es den Abgeordneten gewesen sei, das Projekt so weit in die Planung und auf den Weg zu bringen, dass es nicht mehr umkehrbar sei: „Für den Fall, das wir nach der nächsten Kommunalwahl im Rathaus Tendenzen bekommen, die gewillt sind, das Projekt zu verhindern.“
Kopfzerbrechen bereitet der Stadt außerdem, dass das Polizeipräsidium sanierungsbedürftig ist. Bach verweist auf ein Gutachten des Finanzministeriums zum Sanierungsaufwand von Norderhofenden. Dieses liege der Stadt nicht vor, sodass der Gebäudekomplex nicht verlässlich in die Planung miteinbezogen werden könne.
Foto: Gerhard Paul
Das Zurückhalten des Gutachtens wertet Bach als Hinweis darauf, dass die Kosten hoch und für die Stadt nicht zu tragen seien. Das Finanzministerium schreibt, ein derartiges Gutachten sei ihm „nicht bekannt“.
Paul widerspricht den finanziellen und zeitlichen Bedenken der Stadt. Er selbst hatte zuletzt ein Konzept entwickelt, das einen Gedenk- und Lernort in Norderhofenden vorsieht. Die Finanzierung soll durch die Gründung einer Stiftung sichergestellt werden, an der sich Bund, Land und Stadt beteiligen. Mit möglichen Beteiligten sei er bereits im Gespräch. Wenn man ihn ließe, könne er innerhalb eines halben Jahres eine Ausstellung konzipieren. „Ich kenne die Quellen, ich weiß, wo die Fotos sind, die Dokumente; weiß auch, wo sich etwa das Mobiliar der Dönitz-Regierung befindet, es ist alles da“, sagt er.
Bach wiederum findet Pauls Konzept mehr als herausfordernd. Eine Umsetzung sei unrealistisch. Gleichzeitig bleiben die Pläne der Stadtverwaltung vage: Weder Finanzierung noch Konzept sind geklärt. Auch die angekündigte Beteiligung der Zivilgesellschaft ist noch Theorie. Es soll ein Beirat gegründet werden und eine Ausschreibung für die Konzeptausstellung gemacht werden. Aber wie genau und wann das sein wird: unklar. Fest steht nur, dass eine Beteiligung bei der Standortfrage nicht machbar sei.
Übers Ziel hinausgeschossen
„Die Stadt ist mit ihrer Idee eines ‚Vermittlungszentrums Nationalsozialismus‘ etwas über das Ziel hinausgeschossen“, findet Gerhard Paul. „Sowas gibt es in anderen Städten bereits. Ich weiß nicht, warum man das noch mal in Flensburg machen soll.“
Was in Flensburg jedoch besonders und spezifisch anders sei: „Man kann hier zeigen: Wie geht ein Krieg zu Ende? Welche Illusionen haben etwa die handelnden Akteure?“ So habe Dönitz den Plan verfolgt, von Flensburg aus gemeinsam mit den Briten gegen die Sowjetunion zu Felde zu ziehen. Auch könne man gut aufzeigen, wie von Flensburg aus führende NS-Funktionäre untertauchten, ausgestattet mit neuen Identitäten. Ort des Geschehens auch hier: das Polizeipräsidium.
Der Historiker betont, dass ein Ort zum Gedenken an die Gefangenen und Opfer der Gestapo und Polizei notwendig sei. Ihn sorgen Erfahrungen, die man etwa in Hamburg mit dem Stadthaus als ehemalige Gestapo-Zentrale gemacht hat: „Wenn das Vermittlungszentrum erst mal ins Deutsche Haus kommt, macht ein Investor aus dem Polizeipräsidium ein Hotel oder baut dort Eigentumswohnungen, und dieser einmalige authentische Ort ginge für immer verloren.“
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