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Monday, September 28, 2026

Legendäres Punkkonzert im Berliner SO 36: Sie sind unruhig, besessen und kennen keine Grenzen

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Die Punkband the Sods gastierte 1981 im SO 36. Weil sie alte Songs nicht mehr spielen wollte, kam es zu Tumulten. Späte Bilanz eines folgenreichen Abends.

Überall wird 2026 das 50-jährige Jubiläum von Punk gefeiert mit Bezug vor allem auf den großen Knall 1976 in Großbritannien und den berühmten britischen Bands wie Sex Pistols, the Damned und The Clash. Punk ist aber die Geschichte einer Bewegung, die zugleich international und doch sehr lokal war. Jede Szene hatte mindestens eine eigene Version von Punk. So kam es auch in der Subkultur zum Austausch über Ländergrenzen hinweg. Beispielsweise damals, als die dänische Punkband Sods im Kreuzberger Club SO36 auf der Bühne attackiert wurde – und das Ganze ziemlich cool nahm, weil: Westberlin eben.

Die Sods, die sich später in Sort Sol (zu Deutsch: Schwarze Sonne) umbenannten, waren die erste und bekannteste dänische Punkband. 1977 in Kopenhagen gegründet, bestand die ursprüngliche Besetzung aus Steen Jørgensen (Gesang), Gitarrist Peter Schneidermann (alias „Peter Peter“), Knud Odde am Bass und Schlagzeuger Tomas Ortved. Die Band veröffentlichte auch ihr eigenes Fanzine The Latest Crap from the Sods, trieb damit die dänische Punkszene an und arbeitete eng mit der punk-affinen Poesie- und Kunstszene in Kopenhagen zusammen. „Es waren eher die Bilder, die Ikonografie des Punk, die mich anzogen“, wie Knud Odde später betonte. Heute werden seine herausragenden grafischen Arbeiten häufig in Museen ausgestellt.

Die Sods waren musikalisch experimentierfreudig; ihre Songs reichten von energiegeladenen, provokativen Stücken wie „R.A.F.“ über die Rote-Armee-Fraktion („They fight the whole society /It’s like watching a piece of poetry!“), bis hin zur Postpunk Melancholie eines Stückes wie „Marble Station“. In Westberlin waren die Sods gar nicht mal unbekannt, ihre Platten wurden unter anderem im Kreuzberger Plattenladen „Scheißladen“ in der Großbeerenstraße verkauft. Ihr punky Reggaesong „Copenhagen“ lief auch in den Kneipen. Bevor sie selbst in der Mauerstadt gastierten, waren die Musiker der Sods bereits bei Konzertbesuchen im SO 36 gewesen, wo sie Pere Ubu aus Cleveland und die Hamburger Palais Schaumburg als Vorgruppe gesehen hatten.

Marie Skov und Punk-Panel

Die Autorin: Marie Arleth Skov ist eine dänische Kunsthistorikerin, die seit 1999 in Berlin lebt. Ihr Forschungschwerpunkt liegt auf dem Surrealismus und der Punk-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre.

Das Panel: Am Mittwoch 30. September 2026 ist Skov zu Gast im taz-Cafe beim Panel „Rebellion im Untergrund. Zur Entstehung des Punk“. Beginn 19.00 Uhr

Horror im Schatten der Mauer

„Ein Teil der Berliner Szene bestand aus sehr experimenteller Neuer Deutscher Welle, was mir sehr gefiel, und dann gab es auch eine ganze Menge Straßenpunks. Ich erinnere mich an Berlin als graue Stadt mit viel Regen und einem Sexmonster in jeder Wohnung – oder war das Zulawskis Film ‚Possession‘“, so Peter Peter, in Anlehnung an das Psycho-Horror-Drama im Schatten der Mauer von 1981. Vielleicht nicht zufällig, dass Peter Peter hier zur Filmreferenz greift, arbeitete er doch in den letzten Jahren sehr häufig mit Filmmusik, u. a. für Nicolas Winding Refn (etwa für die „Pusher“-Trilogie). Das wohl bekannteste Lied von Sort Sol, „Let Your Fingers Do the Walking“ (1993) lief in Ole Bornedals Film „Nattevagten“ (Nachtwache, 1994) – und war auch mein erster Zugang zur Band als Teenagerin.

Die Sods hatten in Westberlin eine „kleine Fangemeinde“ – vor allem, nachdem The Clash in der Punkszene als Sellout betrachtet wurden, durch ihren Vertrag beim Major-Label CBS – so Knud Odde. Die Dänen dagegen konnten (noch) als Untergrund gelten und die Konzertorganisation war dementsprechend bescheiden. „Wir saßen lange Zeit an der Zonengrenze zur DDR fest, und da unser Budget knapp war, fuhren wir noch am selben Abend wieder zurück.“

Organisiert wurde das Sods Konzert vom KZ36, einem Veranstaltungsort und -kollektiv. KZ36 stand für „Kommunikations-Zentrum“ und dem Kreuzberger Postcode 36; dass der Name zugleich ungemein provozierte, war einkalkuliert: „Für den einen oder anderen linken Spießer war das schon ein Problem. Guter Name!“, wie Andreas Heske von Beton Combo, der mit zu den Initiatoren gehörte, bemerkt. Neben Konzerten in den eigenen Hinterhofräumen in der Waldemarstraße, veranstaltete das Kollektiv außerdem ausgelagerte Konzerte im größeren SO36.

Großes Aktionstanzen

So auch im März 1981, als das KZ36 im SO36 zum „großen Aktionstanzen“ einlud. Wie meistens bei den von KZ36 organisierten Konzerten, spielten auch an diesem Abend drei Bands: die Neuköllner Punkband Ixtoc-1, the Nicoteens aus Ingolstadt und eben die Kopenhagener Sods, die im Berliner Stadtmagazin TIP als „Höhepunkt des Abends“ angekündigt wurden.

Dort klang auch an, was dann später zum Problem werden sollte: „Waren die Sods auf ihrem ersten, 1979 erschienenen Album ‚Sods‘ noch sehr dem Härte-Punk verfallen, so ist ihre neue LP ‚Under en Sort Sol‘ ein ungemein spannender Schritt in Richtung psychedelischer Musik.“

Das Debütalbum hieß zwar nicht „Sods“, sondern „Minutes to go“ aber die Beschreibung der Musik trifft zu: Die Sods waren 1981 bereits auf dem Weg hin zu einem schwermütigen, sphärischen New-Wave-Sound mit langsamen, düsteren Tönen. Die Band knüpfte an eine poetisch-avantgardistische Tradition an, was auch an den Titeln ihrer Alben abzulesen ist: „Minutes to Go“ referenzierte den gleichnamigen Gedichtband von William S. Burroughs und Konsorten von 1960. Der Sods-Albumtitel „Dagger and Guitar“ (1983) bezog sich wiederum auf das erste Buch des dänischen CoBrA-Künstlers Asger Jorn von 1952.

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Unverständnis für Saxofon

Im SO36 herrschte an diesem Abend im März 1981 jedoch für solche Avantgarde-Eskapaden Unverständnis. Peter Peter: „Das Kreuzberger Publikum hatte sich darauf eingestellt, Songs von ‚Minutes to Go‘ zu hören, aber die hatten wir schon aufgehört zu spielen, noch bevor die Platte veröffentlicht war. Wir hatten eine zusätzliche Gitarre dabei und TS Høeg am Saxofon. Das war wohl zu viel des Guten.“

Das Publikum reagierte aufgewühlt-aggressiv und fing an Bierdosen auf die Bühne zu werfen. Eine davon verletzte Gitarrist Jan Ørslev; die Band musste fluchtartig die Bühne verlassen. Die Sods waren von der angriffslustigen Stimmung überrascht, doch die Neubauten-Musiker Blixa Bargeld und Alexander von Borsig kamen hinter die Bühne, um den Sods dafür zu applaudieren, dass sie beim Westberliner Publikum eine so drastische Reaktion hervorgerufen hatten, wie Jan Poulsen in seiner Bandbiografie, „Under en Sort Sol“ beschreibt. Schließlich ging es im Punk genau darum, Leute wachzurütteln und ihnen einzuheizen. Annäherung durch Anschubsen.

Ärger hatte es häufiger gegeben im SO36. Der Künstler Martin Kippenberger beispielsweise hatte 1978–1979 den Club mit einer Mischung aus Ironie und Arroganz geleitet und gezielt die Stammgäste mit erhöhten Bierpreisen (vom Fass statt aus der Dose!) und „Luxus im SO36“-Plakaten provoziert. 1979 verwüstete eine Gruppe vermummter Punks das SO36, stahl die Kasse und verteilte Flyer mit der Aufschrift: „Zerstört das SO36 – Punks gegen Konsum-Scheiße!“ Nach einer Schlägerei mit der Punkerin „Ratten-Jenny“ verewigte Kippenberger sein verbeultes und bandagiertes Gesicht im Gemälde mit dem Titel „Dialog mit der Jugend“ (1981).

Intrinsisches Aufeinanderprallen

Möglicherweise hatte diese noch immer schwelende Auseinandersetzung und ihre Folgewirkungen zur aufgehetzten Stimmung beim Konzert der Sods beitragen. So oder so trug Punk als rebellische Subkultur einen Widerspruch in sich. Genau das macht seinen Reiz auch aus: Die Bewegung war nicht aus auf Konsens, sondern auf Streit ausgelegt; das Aufeinanderprallen und gegenseitige Herumschubsen beim Pogotanzen – körperlich, mental – war intrinsisch. Bloß nicht behäbig werden.

„Ich reiste damals mit den Sods nach Westberlin und sah ihr Konzert im SO36, da gab es Ärger! Das war wahrscheinlich eines der extremsten Erlebnisse, die ich je bei einem Konzert erlebt habe“, erzählt die dänische Künstlerin Nina Sten-Knudsen.

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren erstellte sie als Mitglied der Künstlergruppe „King Kong“ Licht-, Dia- und Filminstallationen für Rockkonzerte. Ihre Body Art Serien involvierten autoaggressive Verletzungen und sie schuf Installationen, die an Partisanenkämpfe erinnern. Punk passte dazu: „Als ich Sods zum ersten Mal spielen hörte, war ich völlig überwältigt. Es hat mich sofort gepackt!“

Auch an diesem Abend in Kreuzberg war Nina Sten-Knudsen vor allem fasziniert von der Energie und Leidenschaft der Menge: „Das waren die wildesten Leute, so wütend! Da dachte ich mir: Hierhin sollte ich ziehen!“ Einige Jahre später tat sie das auch. So wurde das Konzert der Sods im SO36 zu einer Art internationaler subkultureller Völkerverständigung durch Unruhe und Besessenheit.

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