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Monday, October 26, 2026

Petra Volpe: «Ja, ich könnte einen verurteilten Mörder pflegen»

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  • Die Schweizer Regisseurin Petra Volpe (56) zeigt in «Frank & Louis» die Pflege demenzkranker Häftlinge.
  • Vorbild ist das US-Programm «Gold Coats», in dem jüngere Insassen ältere Gefangene mit Demenz betreuen.
  • Der Film startete am 22. Oktober in den Schweizer Kinos.

Wenn ein Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt ist: Wer pflegt ihn, wenn er später im Gefängnis an Demenz erkrankt? Es ist keine hypothetische Frage. In allen Wohlstandsgesellschaften wie der Schweiz überaltert die Bevölkerung und damit auch die Menschen, die im Gefängnis sitzen.

Bereits in der Freiheit gibt es zu wenige Pflegefachkräfte für zu viele Pflegebedürftige. Es gibt schönere Arbeitsorte als Justizvollzugsanstalten. Warum sollte sich jemand freiwillig dafür entscheiden, hinter Gittern Neonazis, Vergewaltigern oder Mördern den Mund abzuwischen? Könnten Sie, Petra Volpe, so jemandem die Socken anziehen, auf die Toilette helfen und den Mund abwischen, wenn er kleckert?

«Ja. Ich muss ihm nicht vergeben, um ihm zu helfen. Es ist meine zutiefst humanistische Überzeugung, dass ein Mensch mehr ist als das Schlimmste, das er je getan hat», erklärt Volpe im Gespräch mit 20 Minuten. Die 56-Jährige ist die zurzeit erfolgreichste Schweizer Regisseurin und hat dem Thema ihren neusten Film «Frank & Louis» gewidmet.

Was ist dir bei Filmen über Schuld, Vergebung und Menschlichkeit am wichtigsten?

In den USA pflegen junge Mörder alte Mörder

In den USA gibt es ein Programm mit dem Namen «Gold Coats», das bereits vor zwölf Jahren Volpes Interesse weckte. Die Idee ist, dass jüngere Insassen ältere Gefangene mit Alzheimer oder Demenz umsorgen und dadurch ihre Chancen auf eine Bewährung erhöhen.

In Volpes Film ist es dann auch die mögliche Strafmilderung, die ihren Hauptprotagonisten Frank dazu bewegt, Pfleger zu werden. Er sitzt wegen Mordes und wird Louis zugeteilt, der einst ein berüchtigter Gangsterboss war, mittlerweile aber seine Schuhe nicht mehr schnüren kann. Volpe hat im Gefängnis California Men’s Colony in San Luis Obispo zahlreiche Männer interviewt, die sich im echten Leben auf die «Gold Coat»-Initiative eingelassen haben. Verurteilte Vergewaltiger und Mörder. «Einige sagten mir, dass sie zum ersten Mal Empathie für die Opfer ihrer Verbrechen empfinden konnten, als sie sich um einen dementen, verletzlichen Menschen kümmern mussten», sagt die Regisseurin.

Sie berührte, was die Männer ihr erzählten. Wie zärtlich sie miteinander umgingen. Wie ihre Aufgabe ihnen einen Sinn gab. «Vor dem Programm hatten sie Phasen, in denen sie sich kaum noch als Menschen sahen.» Der puertoricanische Rapper Residente spielt im Film einen Latino namens Julian, der einen Rassisten pflegt. Der White Supremacist erinnert sich nur noch selten daran, dass er Menschen wie seinen Fürsorger hasst, doch dann wird es für Julian lebensbedrohlich. Er wiederum sieht in seinem Patienten eine Prüfung Gottes auf dem Weg zur Vergebung.

Julian hält sich an seinem Glauben fest, um seinem Leben hinter Gittern Sinn zu geben.

Julian hält sich an seinem Glauben fest, um seinem Leben hinter Gittern Sinn zu geben.Filmcoopi

Nach dem Film bleibt das Publikum nachdenklich sitzen

Normalerweise stehen Medienschaffende  bei Kinovorstellungen für die Presse auf, sobald der Abspann beginnt. Nach «Frank & Louis» aber blieben die meisten sitzen, in Gedanken versunken. Volpe wirft in ihrem Film grosse Fragen des Menschseins auf, auf die es kaum schnelle Antworten gibt.

«Wir müssen heutzutage wieder lernen, langsamer zu urteilen, eine Meinung zu bilden», sagt Volpe. Der Kinosaal sei ein guter Ort dafür. «Es ist einer der wenigen Orte, an denen wir ungestört vom Handy unsere kurze Aufmerksamkeitsspanne und Empathie trainieren können.»

Wenn Volpes Publikum nach «Frank & Louis» noch etwas sitzen bleibt und diskutiert, ist sie die glücklichste Regisseurin der Welt.

Der Film «Frank & Louis» läuft ab dem 22. Oktober in den Schweizer Kinos.

Der Trailer zum Film «Frank & Louis».Filmcoopi

Dario Aeberli

Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».

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