OpenCourant: Der Fork, den Siemens nicht stoppen kann
Nach der Einstellung von OpenRadioss führt ein neuer Fork den Simulationssolver unter dem Namen OpenCourant fort. Er übernimmt die zuletzt öffentlich verfügbare Codebasis samt Commit-Historie und behält die GNU AGPLv3 bei. Das Projekt hat inzwischen eine eigene Build-Pipeline aufgebaut und veröffentlicht Pakete für Linux und Windows.
OpenRadioss ist ein Finite-Elemente-Solver für hochdynamische Vorgänge wie Fahrzeugcrashs und Aufprallbelastungen. Altair hatte ihn 2022 als Open Source veröffentlicht. Wie iX zum Ende des Projekts berichtete, führt Siemens OpenRadioss nicht weiter und hat das öffentliche GitHub-Repository entfernt. Bereits unter der AGPL veröffentlichter Code bleibt davon unberührt.
Entwickler aus dem Rocky-Linux-Umfeld
In der Ankündigung vom 1. Oktober erklärt das Projekt OpenCourant, dass es die letzte verfügbare Open-Source-Fassung von OpenRadioss fortführt. Der Name geht auf die Courant-Friedrichs-Lewy-Bedingung zurück, die für die Wahl stabiler Zeitschritte bei solchen Simulationen zentral ist.
Hinter dem Start von OpenCourant steht Brian Clemens, Vizepräsident der Rocky Enterprise Software Foundation (RESF). Die RESF steht natürlich auch hinter der Linux-Distribution Rocky Linux. Jedoch wäre es voreilig, OpenCourant deshalb bereits als etabliertes RESF-Projekt zu bezeichnen: Die Projektankündigung wirbt ausdrücklich um frühere OpenRadioss-Maintainer, die technische Richtung und Governance mitgestalten sollen.
Build-Pipeline neu aufgebaut
Eine Kopie des Quellcodes allein ergab allerdings noch keine neuen Releases. Für die bisherigen OpenRadioss-Releases waren unter anderem eine interne Container-Registry, private Repositories und eigene Build-Server nötig. OpenCourant hat diese Infrastruktur ersetzt. Nach Projektangaben müssen Builds eine Regressionstestsuite bestehen, bevor die Pipeline sie veröffentlicht. Derzeit gibt es Pakete für Linux x86-64 und Windows x86-64. Eine Projektmeldung vom 6. Oktober nennt zusätzlich Linux ARM64.
Beim Wiederaufbau zeigte sich jedoch eine Lücke in der offenen Codebasis: OpenRadioss benötigte zum Einlesen von Eingabedaten eine proprietäre Bibliothek, deren Binärdateien nicht im Git-Repository lagen. Community-Mitglieder stellten archivierte Pakete bereit, mit denen OpenCourant wieder Builds erstellen konnte. Ein bereits vorhandener AGPL-lizenzierter Reader soll die Binärbibliothek langfristig ersetzen, deckt ihre Funktionen aber bisher nicht vollständig ab.
Der Fork ist damit noch kein vollständig unabhängiger Ersatz. Das Eingabe-Keyword /ALE/STRUCTURED_MESH wird derzeit ausdrücklich zurückgewiesen; für Windows steht laut den veröffentlichten Release-Hinweisen bislang kein MPI-Build bereit. Siemens selbst verweist für die weitere Radioss-Entwicklung auf Simcenter Radioss und ein eingeschränktes „Shared Source“-Programm für Forschungspartner. Zum Fork OpenCourant äußert sich das Unternehmen nicht.
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