Historiker über Antifa und Trump: „Ich mache aus meinen politischen Überzeugungen keinen Hehl“

Der Historiker Mark Bray widersprach Donald Trumps Darstellung von Antifa. Dann wurde er zur Zielscheibe der Rechten und verließ die USA. Jetzt ist er zurück.
Foto: Ted Shaffrey/ap/picture alliance
taz: Herr Bray, warum sind Sie in die USA zurückgekehrt?
Mark Bray: Meine Partnerin und ich unterrichten beide Geschichte an der Rutgers University. Zwei akademische Stellen an derselben Universität zu bekommen, ist schwierig. Außerdem sind hier unsere Familie und Freunde. Und im Grunde hat die extreme Rechte versucht, mich aus meinem Job, meinem Leben und meinem Land zu vertreiben. Diesen Triumph wollte ich ihnen nicht gönnen.
Im Interview: Mark Bray
war lange vor allem in linken, antifaschistischen und akademischen Kreisen bekannt. 2017 hatte der Historiker der Rutgers University „Antifa: The Anti-Fascist Handbook“ veröffentlicht. Als Donald Trump Antifa im September 2025 zur „Terrororganisation“ erklärte, widersprach Bray öffentlich: Antifa sei keine einheitliche Organisation. Kurz darauf nahm ihn die von Charlie Kirk gegründete Organisation Turning Point USA ins Visier. In einer Petition wurde Bray als „Dr. Antifa“ bezeichnet und seine Entlassung gefordert. Plötzlich war aus dem Antifa-Experten selbst eine öffentliche Figur im Streit um Antifa geworden. Seine Privatadresse wurde veröffentlicht, er und seine Familie erhielten Drohungen.
Im Oktober verließ Bray mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern die USA und ging nach Spanien. Seit Ende Juni ist er zurück. Über diese Monate hat er nun ein Buch geschrieben: „Notes from a Fascist Present“ erscheint im Januar.
taz: Hatten Sie Angst vor der Rückkehr?
Bray: Ja. Wir hatten Sorge, dass ich angehalten, verhört oder festgehalten werde. Ich hatte ein Schreiben meiner Anwältin dabei, Medien und Politiker waren informiert, falls ich in Haft kommen sollte. Und das, obwohl keinerlei Anklage gegen mich vorliegt.
taz: Was passierte, als Sie landeten?
Bray: Als wir aus dem Flugzeug stiegen, wartete dort einer der Bundesbeamten, die mich schon bei meiner Ausreise verhört hatten. Er sagte: „Hi Mark, wie geht’s dir?“ Dann fragte er mich auf dem Weg zum Gepäck: „In welchen Ländern waren Sie? Was haben Sie dort gemacht?“ Ich dachte die ganze Zeit, gleich würde er mich in einen Raum bringen. Aber das geschah nicht.
taz: Wie fühlt es sich an, wieder zurück zu sein?
Bray: Anfangs wohnten wir in einem Hotel, von dem außer meiner Mutter niemand wusste. Auf dem Campus schaue ich, ob mir jemand folgt. Wenn ich ein Gebäude verlasse, ziehe ich mich um, nehme unterschiedliche Wege und Ausgänge. Ich weiß, das ist ein bisschen Overkill. Ein Freund sagt: „Low probability, high impact.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist gering, die möglichen Folgen wären gravierend. Ich fühle mich sicher genug.
taz: Die von Charlie Kirk gegründete Organisation Turning Point USA bezeichnete Sie als „Dr. Antifa“ und als Antifa-Mitglied. Was ist tatsächlich Ihr politischer Hintergrund?
Bray: Ich bin seit vielen Jahren politisch aktiv: in der globalisierungskritischen und der Antikriegsbewegung. 2011 war ich einer der Organisatoren von Occupy Wall Street in New York. Ich mache aus meinen politischen Überzeugungen keinen Hehl. Ich bin Historiker der radikalen Linken. Meine politische Arbeit hat mir bei meiner Forschung geholfen, weil antifaschistisch Organisierte sehr zurückhaltend gegenüber der Öffentlichkeit sind. Aber ich selbst war nie antifaschistisch organisiert. Ich betrachte mich im weiteren Sinne als Antifaschisten, als jemanden, der Faschismus ohne Wenn und Aber ablehnt. Auch mein Buch macht deutlich, dass ich in dieser Frage nicht neutral bin.
taz: Was ist Antifa dann – eine Ideologie, eine Bewegung, ein Netzwerk oder eine Organisation?
Bray: Je nach Kontext ist es eine Politik oder Ideologie, ein Milieu oder eine Strömung innerhalb der antifaschistischen Tradition. Es gibt Organisationen, die sich Antifa nennen, aber Antifa selbst ist keine Organisation. Es kann einen Vogelbeobachtungsverein in Paris und einen in New York geben. Sie sind nicht unbedingt miteinander verbunden, nur weil sie dasselbe tun und sich vielleicht aneinander orientieren.
taz: Gehört Militanz zu dieser Tradition?
Bray: Das hängt davon ab, was wir unter militant verstehen. Konfrontation und Gewalt gehören historisch zum Repertoire möglicher Mittel. Das heißt nicht, dass Gewalt die häufigste Taktik oder erste Wahl ist. Ein Argument lautet: Hitler und Mussolini haben mit kleinen Bewegungen angefangen. Deshalb wartet man nicht ab, ob eine faschistische Gruppe groß und gefährlich wird, sondern versucht, sie früh zu stoppen.
taz: Was Sie als Teil des militanten Antifaschismus beschreiben – organisierte Konfrontation und politische Gewalt –, wird von der US-Regierung heute als Terrorismus bezeichnet. Wie sehen Sie das?
Bray: Als Terrorismusforscher bin ich Subjektivist. Ich halte Terrorismus nicht für einen brauchbaren Begriff. Ist jede Gewalt Terrorismus? Die meisten Menschen würden sagen: Nein. Mit dem Begriff verbindet man al-Qaida, den IS, das World Trade Center, Enthauptungen. Das mit nicht tödlicher körperlicher Gewalt zu vergleichen, überdehnt den Begriff so weit, dass Terrorismus mit Gewalt gleichgesetzt wird. Meine kurze Antwort auf die Frage „Ist Antifa eine Terrororganisation?“ lautet: Sie ist weder eine Organisation noch terroristisch. Ich betrachte Terrorismus als gesellschaftlich konstruierte Kategorie, die dazu benutzt wurde, politische Bewegungen zu delegitimieren.
taz: Die US-Regierung hat die deutsche „Antifa Ost“, auch bekannt als „Hammerbande“, als ausländische Terrororganisation eingestuft. Ist das überhaupt eine Organisation, die tatsächlich existiert?
Bray: Ich weiß über diese Gruppe nicht genug, um beurteilen zu können, was Realität und was Mythos ist oder ob sie überhaupt existiert hat. Aber ich denke, aus Sicht des Außenministeriums kommt es nicht darauf an, ob all diese Gebilde tatsächlich existieren. Vier mutmaßliche Organisationen wurden entsprechend eingestuft. Bei den beiden griechischen Gruppen könnten die Namen nach allem, was ich gelesen und gehört habe, eher als Signaturen für Aktionen verwendet worden sein. In den Vereinigten Staaten gibt es keinen rechtlichen Mechanismus, mit dem eine inländische Gruppierung als ausländische Terrororganisation eingestuft werden kann. Für ausländische Gruppierungen gibt es ihn. Ich könnte mir vorstellen, dass es dabei auch darum geht, Verbindungen zu amerikanischen Gruppen herzustellen. Das ist bisher allerdings nicht öffentlich passiert.
taz: Die US-Regierung spricht inzwischen auch von „Antifa-aligned“, also „Antifa-nah“. Warum ist das wichtig?
Bray: Einige Tage nach dem Erlass begann das Heimatschutzministerium, von „Antifa-aligned“ zu sprechen. Das bedeutet: Was auch immer Antifa genau ist – durch Verbindung mit ihr wird auch zum Problem, was man in ihrem Umfeld verortet. Später gab es eine weitere Verschiebung hin zu linker Gewalt und linkem Terrorismus allgemein. Mein Eindruck ist: Damit sinkt die Hürde, die Existenz einer konkreten Organisation überhaupt nachweisen zu müssen.
taz: Ihr neues Buch handelt davon, was Ihnen und Ihrer Familie widerfahren ist. Warum haben Sie es geschrieben?
Bray: Es geht um Schlüsselmomente unserer Geschichte, aber auch um die Geschichte und Politik, die dazu geführt haben. Ein Strang handelt davon, was es für mich angesichts des Wiedererstarkens des Faschismus bedeutet, Jude zu sein, davon, dass ein Teil meiner Familie im Holocaust ermordet wurde, und von meinem Verhältnis zur jüdischen Identität. Das Schreiben hat mir geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und aus etwas Negativem etwas Positives zu machen.
taz: Sie haben sich in den USA wieder ein Leben aufgebaut. Werden Sie bleiben?
Bray: Ich bin vorsichtig optimistisch. Ich hoffe, dass diese Phase der amerikanischen Geschichte, wenn wir uns in zehn Jahren wiedertreffen, zumindest teilweise hinter uns liegt. Ich glaube nicht, dass MAGA oder die zugrunde liegenden Ursachen verschwinden werden. Also halte ich an der Hoffnung fest – und an meiner Möglichkeit, mein Leben hier zu führen. Aber meinen Ruhestand würde ich trotzdem gern in Europa verbringen.
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