Das könnte ich nicht!

Milena Moser über die Pflege ihres kranken Mannes
Das könnte ich nicht!
Diesen Satz kennen wir alle, die wir uns intensiv um Angehörige kümmern müssen. Er ist gut gemeint, aber er zielt an uns vorbei.
Publiziert: vor 22 Minuten
- Seit zwölf Jahren lebt Milena Moser mit den gesundheitlichen Krisen ihres Mannes Victor
- Die ständige Wachsamkeit zehrt an ihren Kräften: «Ja, ich bin erschöpft.»
- Warum gut gemeinte Bewunderung wenig hilft – tatkräftige Unterstützung dafür umso mehr
In den letzten Wochen, während Victors letzter gesundheitlicher Krise, hörte ich das wieder häufiger, dieses gut gemeinte, etwas hilflose «Also, das könnte ich nicht.»
Früher hab ich den Satz immer abgewehrt. Ich bin ja nicht Vollzeit- oder Alleinbetreuende, wie so viele andere. Zwischen den Krisen leben wir recht normal, was immer das Wort bedeutet. Victor hat ein grosses Umfeld, eine unverbrüchliche Lebenslust und ist, vor allem, wenn er arbeitet, voller Energie und Tatendrang. Aber wie lange diese Zeiten der Gnade anhalten, das wissen wir eben nie. Und das ist zermürbend. Diese ständige Wachsamkeit. Ich halte eigentlich seit zwölf Jahren den Atem an.
Bewunderung wofür?
«Das könnte ich nicht!» Ich weiss, der Satz soll Bewunderung ausdrücken, aber die geht an mir vorbei. Bewunderung wofür? Tatsache ist: Ich kanns doch auch nicht! Aber ich hab nun mal keine andere Wahl. Das ist einfach mein Leben, und in meinem Fall hab ich mir das sogar selbst ausgesucht. Victor und ich waren drei oder vier Jahre befreundet, bevor unsere Beziehung begann. Ich wusste, dass er immer wieder im Krankenhaus landet und ausserdem einen Hang zu absurden Unfällen hat. Und trotzdem verliebte ich mich in ihn. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das dann wirklich bedeutet. Um ganz ehrlich zu sein, brauchte ich ein paar Jahre, um die Realität zu akzeptieren. Ich bildete mir tatsächlich ein, meine Liebe könnte ihn heilen!
Seit ich mit Victor und seinen Baustellen lebe und auch ab und zu darüber berichte, bin ich mit vielen Menschen in ähnlichen Situationen in Kontakt. Doch bei den meisten ist die Krankheit ohne Vorwarnung in ihr Leben eingebrochen und hat alles über den Haufen geworfen. Das ist eine ganz andere Situation als meine. Auch deshalb wiegle ich oft ab, wenn mir Mitgefühl entgegengebracht wird: Ich hab es ja so gewollt.
Tatkraft statt Mitleid
Meist sind es Frauen, die in die Rolle der Pflegenden katapultiert wurden, ob sie es nun wollten oder nicht. Mütter, Töchter, Partnerinnen. Meist, aber durchaus nicht immer. Da ist zum Beispiel unser Freund Jim, den wir den «gentle man» nennen, den sanften Mann. Seine Frau, die unter einer schweren psychischen Krankheit litt, ist vor zwei Jahren gestorben. «Jetzt gehört meine Zeit wieder mir», sagt er und steht ein paar Tage nach Victors Entlassung im Übergwändli vor der Tür, um ihm beim Aufbau seiner Installation zu helfen.
Er fragt nicht, was wir brauchen, denn das ist manchmal schwer zu bestimmen. Diese Krisen scheinen nämlich auch die Denkfähigkeit anzugreifen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass diejenigen, die selbst schon einmal in einer solchen Situation waren oder es immer noch sind, unkomplizierter und tatkräftiger helfen. Das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung. «Hier bin ich.» ist ein besserer Satz als «Das könnte ich nicht.» Dies nur am Rande.
Nach zwölf Jahren auf dieser Achterbahn gestehe ich es (mir selbst zuerst) ein: Ja, es ist viel. Ja, ich bin erschöpft. Ich stosse an meine Grenzen. Doch jenseits dieser Grenzen liegt ein seltsames Brachland, ohne Farbe und Gefühle, in dem ich einfach funktioniere. Es ist eine Landschaft, die mir unterdessen so vertraut ist, dass ich mich blind in ihr zurechtfinde. Erst wenn die akute Krise vorbei, die Gefahr gebannt ist, erfasst mich die Sturzflut der Gefühle, mit Verspätung, aber unverminderter Kraft.
Von daher trifft es sich auch nicht schlecht, dass ich gerade jetzt wieder in die Schweiz fliege. Auf dem langen Flug wähle ich einen Kitschfilm nach dem anderen und weine ungehemmt. Wenn sich jemand wundert: Es ist wegen des Films.
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