Alkoholverbot an Bahnhöfen: Der German Dream ist eine klinisch reine Gesellschaft

Das Alkoholverbot der Deutschen Bahn wird nicht für mehr Sicherheit sorgen. Stattdessen vertreibt es lediglich Obdachlose und suchtkranke Menschen.
A lkoholverbot an allen 5.400 Bahnhöfen der DB? Nur für jene, die kein Geld haben. Denn solange die Bahnhofsgastronomie munter weiter ausschenkt, wird nicht der Alkoholkonsum verboten, sondern die Zurschaustellung von Armut. Wer sich das überteuerte Bier im Bahnhofsrestaurant zwischen zwei Fahrten leisten kann, trinkt weiter. Wer dasselbe Getränk aber für einen Bruchteil des Verkaufspreises im Supermarkt gekauft hat, wird des Platzes verwiesen.
Natürlich steht auch in dieser Debatte die Sicherheit ganz oben. So begründet die DB jedenfalls die Maßnahme, Alkohol an allen Bahnhöfen zu verbieten.
Bei vielen Gewaltdelikten, die an Bahnhöfen begangen werden, spiele Alkohol eine Rolle. Die DB-Sicherheitsleute erleben mitunter heftige Situationen, und ihnen als arbeitende Menschen mag unsere Solidarität gelten. Nur: Um ihr Wohl geht es hier kaum. Ganz im Gegenteil: Sie sollen eine zusätzliche und dazu noch eine äußerst aggressive Maßnahme durchsetzen, mehr Personal gibt es dafür aber nicht. Mehr Aufgaben, mehr Konfliktpotential, gleich viel Mitarbeitende.
Hinzu kommt eine der größten deutschen Tugenden: Sauberkeit. Der German Dream ist eine klinisch reine Gesellschaft ohne „Schmutz, Lärm und Pöbelei“. Das sind Worte, bei denen kaum jemand an den Mann im Anzug denkt, der sich ein Glas Hefeweizen gönnt. Gemeint sind die mit einer Dose in der Hand. Nicht die Ausfälle oder Verspätungen, nicht die überfüllten Züge zu Stoßzeiten, nicht die barrierereichen Gleise sind das Problem – nein, nein, es sind obdachlose Menschen an und um Bahnhöfe.
Viele obdachlose oder suchterkrankte Menschen halten sich an größeren Bahnhöfen auf. Das hat rein praktische Gründe. Dort gibt es ein Dach. In vielen gibt es Kioske, die rund um die Uhr geöffnet sind. An und in vielen Bahnhöfen gibt es soziale Unterstützungssysteme wie die Bahnhofsmission. In manchen Bahnhofsvierteln gibt es Einrichtungen zur Suchthilfe und sichere Konsumräume. An Bahnhöfen lässt sich gut Flaschen sammeln. Und bisher war die Gefahr, weggescheucht zu werden, geringer als beispielsweise von beliebigen Nachbarschaften. All das soll jetzt wegfallen. Was bleibt armen und suchterkrankten Menschen übrig? Nur noch Verachtung.
Kein Ort für die Vertriebenen
Um die Servicequalität zu steigern, hätte die Bahn genug Möglichkeiten. Wie wäre es mit Sozialarbeit am Gleis, beheizten Aufenthaltsräumen, kostenlosen Toiletten? Das kostet Geld, und das bedeutet wiederum weniger für den Vorstand. Ein Bremer Sozialarbeiter beklagt in der ARD die neue Regelung: Wenn Menschen, die Hilfe brauchen, immer wieder vertrieben würden, könne man sie weder finden noch ihnen helfen.
Stattdessen verscheucht man sie hinter die Bahnhofsgrenze. Das macht unsere gesellschaftlichen Probleme unsichtbarer und beruhigt nur jene Menschen, die von sich glauben, dass sie sicherlich niemals obdachlos werden würden. Gelöst ist dadurch nichts. Sucht und Obdachlosigkeit verschwinden nicht, nur weil man sie aus dem Blickfeld der Reisenden räumt.
Wenn diese Gesellschaft Sucht und Obdachlosigkeit lösen will, muss sie dorthin schauen, wo es wehtut: auf die Ursachen. Auf Ungerechtigkeit. Auf Armut. Das ist unbequemer als ein Schild mit durchgestrichener Bierflasche, allerdings die einzige Maßnahme, die auch tatsächlich wirkt.
Jedes Unternehmen darf sein Hausrecht durchsetzen, keine Frage. Ob das fair ist, steht auf einem anderen Gleis. Und auf dem wächst schon lange Unkraut.
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