Friedensnobelpreis 2026: Das Völkerrecht hat seinen Preis

Der Friedensnobelpreis geht an Navi Pillay aus Südafrika. Ausgezeichnet wird eine herausragende Richterin und Figur des internationalen Rechts.
Foto: Valentin Flauraud/epa
Das Völkerrecht in Form eines Menschen ehren – dafür hat das Nobelpreiskomitee in Oslo mit Navi Pillay eine würdige Verkörperung gefunden. Mit ihrem „Mut“ und ihrer „Integrität“, ihrem Bekenntnis zum Völkerrecht und ihrem „klaren moralischen Kompass“ habe die Südafrikanerin eine gerechtere und friedlichere Welt vorangebracht, sagte das Komitee am Freitag, als es Pillay den Friedensnobelpreis zusprach, und nannte sie „eine der meistrespektierten internationalen Juristinnen unserer Zeit“.
Geboren 1941 als Navanetham Naidoo im südafrikanischen Durban – ihre Großeltern waren als Vertragsarbeiter aus Indien auf Südafrikas Zuckerrohrplantagen gebracht worden – wuchs Navi Pillay unter der Apartheid auf, in der nur Weiße als vollwertige Menschen mit Rechten galten. „Das prägt die eigene Wahrnehmung von Gerechtigkeit“, sagte sie vor wenigen Jahren in einem Interview: „Meine Lebenserfahrung unter der Apartheid hat mich darin geschult, Unrecht zu erkennen und meinen Werten treu zu bleiben.“
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Sie studierte Jura unter großen Widrigkeiten – Nichtweiße durften im Südafrika der 1960er Jahre nicht einmal dieselben Bücher in die Hand nehmen wie Weiße. Als Nichtweiße bekam sie keine Anstellung in einer Kanzlei, also eröffnete sie 1967 ihre eigene. Sie verteidigte Opfer von Isolationshaft, darunter ihren Ehemann, und setzte deren Recht auf Zugang zu Anwälten durch, auch Insassen der Gefangeneninsel Robben Island wie Nelson Mandela.
Ein Stipendium brachte sie nach Harvard in den USA, sie wurde Südafrikas erste nichtweiße Juradoktorandin. Nach dem Fall der Apartheid wurde sie 1995 Richterin und sofort auf Antrag von Präsident Mandela in das gerade gegründete UN-Tribunal für Ruanda (ICTR) gewählt, das den Völkermord an den Tutsi 1994 aufarbeitete. „In Südafrika passiert gegenwärtig so Unglaubliches, da ist vieles möglich“, sagte sie damals der taz zu ihrem Blitzaufstieg.
Sie schrieb Rechtsgeschichte beim Ruandatribunal
Beim Ruandatribunal, dessen Präsidentin sie später wurde, schrieb Pillay Rechtsgeschichte. Ihr Urteil gegen Jean-Paul Akayesu im Jahr 1998 war nicht nur das erste Völkermordurteil gegen eine Einzelperson auf der Welt überhaupt, sondern sie setzte damit Maßstäbe.
Es definierte auch erstmals Vergewaltigung als mögliche Völkermordhandlung. In diesem Prozess veränderte sie gegen Widerstände die frauenfeindlichen Verfahrensregeln, wonach eine Aussage eines einzelnen Vergewaltigungsopfers erst von anderen bestätigt werden muss, um gewürdigt zu werden. Mehr Rechte für Opferzeugen und die Förderung von Frauen im Justizwesen sind für Pillay ein zentrales Anliegen geblieben.
2003 wechselte Pillay als Richterin an den damals neuen Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag – er behandelt Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. 2008 bis 2014 war sie UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Aktuell dient sie als Richterin auf Zeit am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag – er behandelt Rechtsstreit zwischen Staaten. Sie ist mit der Klage Gambias gegen Myanmar wegen Völkermords an den Rohingya befasst.
Unumstritten dürfte der Friedensnobelpreis für Pillay nicht sein. Denn von 2021 bis 2025 leitete sie die Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats für die besetzten palästinensischen Gebiete, deren Abschlussbericht Israel des Völkermords im Gazastreifen bezichtigt. Verbündete der Netanjahu-Regierung, auch in Deutschland, haben Pillay als Antisemitin beschimpft und boykottiert. Es ist zu befürchten, dass dieses Lager zum Boykott der Preisverleihung im Dezember aufruft.
Ein Fingerzeig für Trump
Das Komitee betont, der Preis für Pillay solle das Völkerrecht in einer Zeit selektiver Anwendung und „beispiellosen Drucks“ stärken. Wenn „Richter mit Sanktionen behängt, Institutionen bedroht“ werden – ein Hinweis auf Trumps Feldzug gegen die Weltjustiz – brauche es „Menschen mit Mut, Weitsicht und Entschlossenheit – Qualitäten, die Navi Pillay unter Beweis stellt“. Denn: „Frieden braucht Recht. Die Welt ohne Recht ist ungerecht, dumm und unmenschlich.“
Die 85-jährige Pillay wurde von der Preisverkündung ausgerechnet bei einem Besuch des Nürnberger Justizpalastes überrascht, wo 1946 die Nazi-Führung vor Gericht stand. „Ich hoffe, das ist kein Witz“, sagte sie. Sie wundere sich, dass man sie nun für ihren „Mut“ lobe: „Wieso braucht es Mut, um die Wahrheit zu sagen?“
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