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Friday, September 18, 2026

Experte zu Cyberangriffen: „Ich habe so eine Dynamik bisher noch nicht erlebt“

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Was zunächst nach einem klassischen IT-Sicherheitsvorfall klingt, kann in einem Krankenhaus binnen weniger Stunden zur existenziellen Krise werden. Wie Sicherheitsforscher diesen Moment erlebbar machen, zeigten Prof. Sebastian Schinzel und Nico Brüggemann vom Fraunhofer SIT auf der Jubiläumstagung der Krankenhaus-IT-Leiterinnen und -Leiter in Berlin. Ihr Ziel war es unter anderem, herauszufinden, ob ein Haus handlungsfähig bleibt, wenn die IT ausfällt.

„Ich habe so eine Dynamik bisher noch nicht erlebt“, so Schinzel, der seit über 20 Jahren in der IT-Sicherheitsszene aktiv ist und früher selbst Penetrationstester war. Denkbar sei künftig Malware, die auf ein LLM zugreift und sich selbst anpasst. Dann greife auch das klassische Gegenmittel, das Kappen der Internetverbindung, womöglich nicht mehr, etwa wenn Angreifer intern eine GPU finden, auf der sie ein kleines Modell betreiben können. Sicherheitskonzepte müssen daher regelmäßig aktualisiert werden.

Am Anfang steht selten ein altes Medizingerät, sondern ganz normale Standard-IT. In der Simulation beginnt der Angriff mit OSINT (Open Source Intelligence): Der Angreifer betreibt zunächst klassische Recherche mit offenen Quellen, er sucht die Website des Krankenhauses auf und sammelt die dort veröffentlichten Mailadressen ein, dazu Namen, Funktionen und Hinweise auf externe Systeme. Dafür gibt es eine ganze Reihe frei verfügbarer Werkzeuge. Auf dieser Basis wird die Phishing-Mail passgenau formuliert.

Eine IT-Mitarbeiterin mit Administrationsrechten fällt darauf herein. Der Angreifer nutzt den VPN-Zugang, scannt das Netz, findet einen Exchange-Server und greift dort Zugangsdaten ab. Ab diesem Punkt, so Brüggemann, gelte im Prinzip das gesamte Unternehmen beziehungsweise das gesamte Active Directory als kompromittiert. Dann beginnt die Eskalation, verdächtige Logs, Datenabfluss, ausfallende Systeme, wie das Krankenhausinformationssystem, Radiologiesysteme, Laborsysteme und weitere. Schließlich trifft ein Erpresserschreiben ein. Solche Cyberangriffe auf Krankenhäuser folgen damit einem Muster, das Sicherheitsforscher immer wieder beobachten.

In ruhigen Zeiten sehen Notfallpläne überzeugend aus. Doch eine echte Krise verändert die Dynamik vollständig. „Wenn dann tatsächlich die Krise ist, dann ist das Adrenalin natürlich hoch“, so Schinzel und alte Konflikte brechen auf. Er kennt das aus eigener Erfahrung: 2022 erlebte er als Professor für IT-Sicherheit den Ransomware-Angriff auf die FH Münster, an der er aktuell Professor für IT-Sicherheit ist. Von anderen betroffenen Hochschulen hörte er anschließend, wie Krisen entgleisen können: freigestellte IT-Leiter, Abteilungen, die genau dann nicht mehr miteinander reden, wenn Kommunikation überlebenswichtig wäre. Entscheidend sei, ob Alarmierung, Kommunikation und Entscheidungsfindung unter Zeitdruck tragen.

In einem Seminar der Tagung übernahmen 23 Teilnehmende 12 Rollen eines fiktiven, für Deutschland typischen Krankenhauses: IT, Geschäftsführung, medizinische Leitung, Pflege, Informationssicherheit, Krisenstab. Simuliert wird dabei nicht technisch, sondern organisatorisch – mit Injects, realistischen Firewall-Auszügen und passenden Namen, Domains und Netzwerken.

Gut funktionierten die Eskalationskette vom Admin über IT-Leitung und ISB bis zur Geschäftsführung sowie klare Grundsatzentscheidungen – etwa kein Lösegeld zu zahlen und das Haus vom Internet zu trennen. Schwieriger war der Rückweg: Der Krisenstab geriet zur Einbahnstraße. Informationen flossen hinein, aber kaum zurück; die IT-Leute saßen teils ohne Kenntnis der getroffenen Beschlüsse im Nebenraum. Ein Krisenstab darf laut Brüggemann keine Einbahnstraße sein, es brauchte Menschen, die permanent von Raum zu Raum gehen und alle auf Stand halten.

Zur Lage gehören Anrufe von Chefärzten, unruhige Stationen und Medien. „Ein Reporter steht vor der Tür“, ist beispielsweise eine Teilaufgabe. Geübt wird damit, wie ein Haus reagiert, wenn Journalisten – etwa von heise – wissen wollen, ob ein Cyberangriff läuft, welche Systeme betroffen sind und ob die Versorgung gesichert ist. Nach außen gelingt Kommunikation oft noch; schwieriger wird es intern, wenn Mail, Teams und Telefonie fehlen – besonders in Verbünden mit mehreren Standorten.

Ein zentrales Ergebnis betrifft etwas vermeintlich Banales, nämlich die Dokumentation. In der Übung fragte jemand nach einer Maßnahme, die längst beschlossen war, nur hatte niemand sie festgehalten. Deshalb brauche ein Krisenstab feste Rollen für Protokoll und Lagebild: Wer dokumentiert Beschlüsse, wer führt die Maßnahmenliste, wer informiert intern und extern? Sinnvoll sind Rollen mit Vertretung statt Namen – Personen können ausfallen.

„Alles ausschalten“ ist die typische Reflexreaktion, so Brüggemann. Aber dürfe man das überhaupt und wisse man, was man da gerade abschaltet oder welche Systeme in diesem Moment dringend gebraucht werden oder welcher Arzt gerade womit operiert? Ein unkontrolliertes Herunterfahren zerstöre zudem forensische Spuren. Die bessere Maßnahme sei meist die gezielte Netzwerktrennung, erklärte Brüggemann.

Fällt die IT aus, brechen unsichtbare Prozesse weg, etwa rund um die Aufnahme, Befunde, Bildarchiv, Medikation, Dienstplan und die Essensversorgung. Relevant sei auch, wie etwa Allergien ohne digitale Akte berücksichtigt würden, wer Informationen von Station zu Station trage, ohne dass die Pflege ausblutet. In der Übung ging es deshalb auch um Botengänge, Schichtwechsel, Verpflegung und um Gehaltszahlungen; die Gruppe entschied pragmatisch, schlicht die Beträge des Vormonats erneut auszuzahlen.

Teams schätzen die Rückkehr zum Normalbetrieb oft auf Tage. Realistisch sind Wochen bis Monate: Ein Fall aus dem Raum Frankfurt, den Brüggemann kennt, brauchte rund ein Jahr bis zum ursprünglichen Zustand und dort war nicht einmal verschlüsselt, sondern das Active Directory kompromittiert worden. Backups bleiben unverzichtbar, lösen aber nicht das Problem einer kompromittierten Infrastruktur.

Das Feedback der Teilnehmergruppe fiel für die Krisensimulation positiv aus. Gelobt wurde unter anderem die realitätsnahe Dynamik. Csilla Imre vom Bundesverband KH-IT, die die Informationssicherheitsbeauftragte (ISB) spielte, resümierte, es sei besser, wenn mehrere Beteiligte sofort losliefen, als wenn alle abwarteten, bis der Kriseneinsatzleiter eintrifft. Informationssicherheit lasse sich nicht einfach an die IT abschieben und die Lage werde mit mehreren Standorten – selbst bei kleineren Häusern – schnell komplex.

Die Simulationen sind zugleich wissenschaftlich angelegt: Abläufe und Entscheidungen werden ausgewertet, das Haus erhält einen Abschlussbericht. Dafür sucht das Fraunhofer SIT weitere Krankenhäuser als Studienteilnehmer; die Szenarien werden vorab per Fragebogen an die jeweilige IT-Umgebung angepasst, bleiben aber vergleichbar. „Nur mit einer größeren Zahl von Übungen bekommt man am Ende belastbare Daten“, sagte Brüggemann gegenüber heise online vor wenigen Wochen. Das Feedback der Teilnehmenden fließt dabei direkt in die Weiterentwicklung von Simulation und Notfallprozessen ein.

Transparenzhinweis: Die Autorin wurde zu der Veranstaltung eingeladen und die Hotelkosten wurden übernommen.

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