Xreal One Pro Plus im Test: Was die 650-Euro-Display-Brille im Alltag leistet
Displaybrillen haben sich in den vergangenen Jahren von einer technischen Kuriosität zu einer ernst zu nehmenden Produktkategorie entwickelt. Als Reisebegleiter werden sie zum Ultrawide-Monitor für den Laptop und auf der Couch vergrößern sie den Bildschirm eines Gaming-Handhelds oder des Smartphones. In der Theorie und in einschlägigen Werbevideos sind sie ein absolutes Must-have. In der Praxis zeigt sich häufig, dass die Technologie noch deutliche Grenzen hat. Xreal verspricht mit der One Pro Plus nun die „ausgereifteste räumliche Display-Erfahrung“ und macht tatsächlich einen großen Schritt in die richtige Richtung. Hauptverantwortlich dafür ist der X1-Chip.
Dezente Modellpflege statt Runderneuerung
Einer der größten Makel von Display-Brillen ist – oder war – die an die Kopfbewegung gebundene Displayausgabe. Die virtuelle Leinwand bewegt sich dabei stets mit dem Kopf und bleibt immer direkt im Blickfeld. Wer den Bildschirm an einem fixen Punkt vor sich halten will, braucht umständlich verkabelte Zwischengeräte mit mehr Rechenleistung und zusätzliche Software. Genau da setzt Xreal mit dem hauseigenen X1-Chip an, der erstmals in der 2025er One Pro zum Einsatz kam und jetzt auch im neuen Flaggschiffmodell One Pro Plus sitzt.
Zum Lieferumfang gehören ein Brillenputztuch, zwei zusätzliche Nasenpads und ein USB-C-Kabel. Ein Sehhilfe-Einsatz fehlt.
(Bild: heise medien)
Neben einigen mehr oder weniger ausgereiften technischen Spielereien ermöglicht der X1 die so wichtige Bildstabilisierung direkt in der Brille. Dank integriertem 3DoF-Tracking bleibt die virtuelle Leinwand beim Drehen und Neigen des Kopfes an ihrem Platz. So kann man beispielsweise kurz zur Seite schauen, ohne, dass der Bildschirm dem Blick folgt. Im Vergleich zu den restlichen angepriesenen Neuerungen wie der 2D-in-3D-Konvertierung, „KI-HDR“ oder der aufgebohrten Helligkeit mag das unspektakulär klingen. Im täglichen Gebrauch macht es aber einen gewaltigen Unterschied, ob einem die virtuelle Leinwand ständig vor der Nase hängt oder man den Blick auch mal zur Seite richten kann. Darauf bauen auch die zahlreichen neuen Anzeigeoptionen und Funktionen auf, welche die Nutzung der Brille vielseitiger machen.
Mit der neuen Plus-Variante betreibt Xreal vor allem Modellpflege. Die wichtigste Eigenschaft dieser neuen Brillengeneration, der X1-Chip, besitzt auch das Vorgängermodell. Genauso wie die 57 Grad Sichtfeld und die Sony Micro-OLED-Displays mit 1.920 × 1.080 Pixeln pro Auge. Neu sind softwareseitige Verbesserungen, eine höhere Spitzenhelligkeit, eine KI-gestützte Bildaufbereitung namens „AI HDR“, schnellere 3D-Konvertierung und eine überarbeitete Nasenauflage für mehr Tragekomfort.
Nicht alles wird heller
Auf dem Papier glänzt die One Pro Plus mit bis zu 1.200 Nits „wahrgenommener Helligkeit“. Es soll sich also so anfühlen, als würde man auf einen Bildschirm mit diesem Helligkeitswert blicken. Ein messbarer Wert ist diese Herstellerangabe aber nicht. Das Bild wirkt scharf und lebendig und ist auch im Freien gut zu sehen. Den Spitzenwert erreicht die Brille allerdings nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Der Bildschirm muss im unpraktischen Follow-Modus der Kopfbewegung folgen, der Stabilisator muss ausgeschaltet und AI HDR aktiviert sein.
Ohne AI HDR sind es noch 1.000 wahrgenommene Nits. Wer die virtuelle Leinwand lieber im Raum verankert, muss sich mit weniger Helligkeitsstufen und einem niedrigeren Maximum begnügen. Dafür zieht die Brille nicht mehr so viel Akku aus dem Zuspielgerät. Auch mit laufender 3D-Konvertierung erreicht die Pro Plus die beworbene Spitzenhelligkeit nicht. Wirklich ins Gewicht fällt das allerdings kaum. Wer die Brille nicht gerade im Schein der sommerlichen Mittagssonne verwenden will, sollte die geringere Helligkeit verschmerzen können.
Generell hilft ein hoher Helligkeitswert zwar, überdeckt aber nicht alle Grenzen optisch durchsichtiger Displays. Sobald viel Umgebungslicht durch die Gläser fällt, leidet der Schwarzwert, dunkle Filmszenen verlieren an Tiefe und das Bild wird transparenter. Die automatische elektrochrome Abdunklung der Gläser soll das verhindern. Sie ist zwar deutlich praktischer als frühere Aufsteck-Dimmer und funktioniert tadellos, schirmt aber nie vollständig ab. Sehr feine Schrift schimmerte bei uns zudem leicht und bei kontraststarken Bildern, etwa bei weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund, kommt es zu deutlich sichtbaren Spiegelungen.
Im Alltagstest stolperten wir über eine Eigenheit, die Xreal in seinem Marketing kaum thematisiert. AI HDR lässt sich nicht zusammen mit dem Lesemodus, Ultrawide, 3D oder Side View verwenden. 3D, Ultrawide und Side View schließen sich wiederum gegenseitig aus. Wer eine kollidierende Funktion einschaltet, schaltet die vorherige ohne Rückfrage ab. Mehr als einmal wunderten wir uns deshalb, warum das Bild plötzlich anders aussah, bis wir den stillen Wechsel im Menü entdeckten. AI HDR selbst soll Spitzlichter, Schatten, Hautfarben und Untertitel optimieren und funktioniert nur bei 60 oder 90 Hz Eingangssignal. Das Bild wirkt damit etwas kräftiger. Welche HDR-Formate die Brille tatsächlich entgegennimmt, verrät Xreal allerdings nicht. Der Name allein ist also kein Beleg für echte HDR-Unterstützung.
Arbeiten mit der Xreal One Pro Plus
Diesen Text hier habe ich mit der One Pro Plus in einem Word-Dokument auf meinem Laptop verfasst. Grundsätzlich kann man mit der One Pro Plus also arbeiten, es bietet nur kaum Vorteile gegenüber der Arbeit am Laptop oder PC. Als zusätzlicher Bildschirm oder Smartphoneerweiterung für unterwegs macht die One Pro Plus allerdings eine ordentliche Figur, etwa für die Arbeit in Zug, Flugzeug oder Hotel in Verbund mit dem Smartphone und einer Bluetooth-Tastatur.
Das Birdbath-Linsensystem ist das Herzstück der Xreal One Pro Plus: Es liefert scharfe, helle Bilder in der Bildmitte, zeigt aber zu den Rändern hin spürbare Unschärfen und leichte Verzerrungen, die den nutzbaren Sichtbereich einschränken.
(Bild: heise medien)
Die Schrift ist scharf und lesbar – allerdings nur, wenn man beim Blick durch die Brille den Sweetspot in der Mitte erwischt. Das Bild wird zu den Rändern hin immer unschärfer und wölbt sich leicht, wodurch vorwiegend beim Lesen das ohnehin schon enge Sichtfeld (57 Grad) nicht voll ausgenutzt werden kann. Beim Tippen bewegt sich also der Kopf in der Zeile von links nach rechts mit, um das gelesene Wort scharf zu halten. Das muss man mögen oder sich daran gewöhnen. Alternativ kann man natürlich das Bild oder die Schrift im Dokument verkleinern, dadurch verschlechtert sich aber schnell die Lesbarkeit.
Xreal bietet verschiedene Anzeige-Modi an, die das Erlebnis verändern. Im Ultrawide-Modus (21:9, 32:9 oder 16:18) fallen etwa die Wölbungen zu den Rändern hin weniger auf und der Lesemodus vergrößert die Ansicht, was Text angenehmer lesbar macht. Hier lohnt es sich, etwas mit den Optionen zu experimentieren. Besonders Sideview hat sich im Alltag als praktisch erwiesen. Dabei verkleinert die Brille das angezeigte Bild und schiebt es an den Rand, damit das Sichtfeld frei bleibt. Wer die Anzeigemodi häufig wechseln möchte, kann über die Tasten am rechten Bügel verschiedene Szenen als Kurzwahl speichern. Richtet man den Blick weg vom virtuellen Bildschirm, wechselt die Dimmung automatisch auf Durchsicht. Die Sicht ist dann mit dem Blick durch eine leicht gedimmte Sonnenbrille vergleichbar.
3D-Konvertierung und Handheld-Gaming
Das am stärksten polarisierende neue Feature dürfte „Real 3D“ sein. Der X1-Chip schätzt dabei direkt auf der Brille Tiefeninformationen aus gewöhnlichem 2D-Material und erzeugt daraus einen stereoskopischen Effekt. Inzwischen schafft die Brille das mit 60 Bildern pro Sekunde. Zusätzliche Software auf dem Zuspieler braucht es dafür nicht. Bei Fotos und ruhigen Videos ist die Tiefenwirkung verblüffend überzeugend und deutlich stabiler als noch bei der Viture Luma Ultra.
Bei Sportübertragungen, schnellen Bewegungen oder qualitativ weniger hochwertigen YouTube-Videos bröckelt die Illusion jedoch. Bildränder werden wellig, je nach Material entstehen Konturfehler, und im Vergleich zur ausgeschalteten Konvertierung leidet die Bildrate. Besonders auffällig fanden wir die Ränder bei Personen. Während beispielsweise der Kopf dreidimensional wirkt, bleiben Konturen platt und wirken wie ein im Hintergrund angeklebter Rahmen.
In Spielen kommt eine minimale Eingabeverzögerung hinzu. Je ruhiger ein Spiel ist und, desto mehr es von Natur aus mit Tiefeneffekten spielt, desto besser wird das Ergebnis. Während wir etwa beim 2.5D-Pixel-Abenteuer „Replaced“ schöne Tiefeneffekte wahrnahmen, wurde die schnelle Action in „Castlevania: Belmont’s Curse“ schnell unspielbar. Beides haben wir auf dem Steam Deck getestet. Real 3D bleibt damit zwar ein beeindruckender Effekt, der aber nur in gezielten Dosen wirkt. Xreal hat die 60 FPS per Firmwareupdate inzwischen auch für One, One Pro und 1S angekündigt. Es braucht also nicht zwingend die Pro Plus dazu.
Ohne 3-D-Effekt spielt es sich mit Handhelds übrigens sehr angenehm. Bildrate, Auflösung und Farben taugen für die meisten Spiele mit Ausnahme von kompetitiven Shootern und Online-Spielen. Entgegen der weitverbreiteten Annahme funktionierte die One Pro Plus im Test nicht mit der Nintendo Switch 2. Auch hier greift Nintendos Bildausgabesperre für Drittanbieter.
6DoF-Spielerei mit Ansteck-Kamera
Der X1-Chip bringt zwar natives 3DoF-Tracking in die Brille, echte Positionsverfolgung ermöglicht aber erst die knapp 100 Euro teure optionale Eye-Kamera mit 6DoF. Die Gestensteuerung, die damit ebenfalls möglich wird, bezeichnet Xreal selbst als experimentell – und das ist sie auch. Es ist zwar bemerkenswert, dass Xreal das Handtracking und die Positionsverfolgung nur mit dieser kleinen Kamera hinbekommt, alltagstauglich ist es aber nicht.
Die optionale Eye-Kamera dockt magnetisch über Goldkontakte an der Nasenbrücke an und erweitert die Xreal One Pro Plus um 6DoF-Tracking und Gestensteuerung.
(Bild: heise medien)
Gesten erkennt sie regelmäßig falsch, das Scrollen ist häufig Glücksspiel und auch die Pinch-Gesten, also das Zusammentippen von Daumen und Zeigefinger, klappt gefühlt nur jedes dritte Mal. Wer ein Gerät in diesem Format mit zuverlässiger Hand-Auge-Steuerung möchte, muss auf die Xreal Aura oder Metas VR Glasses warten.
Sitzt gut, wird aber schnell warm
Beim Tragekomfort hat Xreal spürbar nachgebessert. Die Brille gibt es in unterschiedlichen Größen für 57 bis 66 und 66 bis 75 Millimeter Augenabstand. Es gibt zwei austauschbare Nasenpads mit minimalem Größenunterschied und eine wie ein Nasenpflaster geformte Silikonauflage in Größe S. Diese sitzt im Gegensatz zu den Bügeln deutlich angenehmer und rutschfester – sofern sie denn passt. Schade, dass Xreal nicht mehr Größen in dieser Form beilegt. Ab Werk ist die M-Variante montiert, S und L liegen bei. Wer nicht umsteckt, bekommt die Neuerung also gar nicht zu spüren.
Am rechten Bügel sitzen die insgesamt vier Tasten für die Einstellungen – einer oben, drei unten. Das Lautsprechersystem stammt von Bose.
(Bild: heise medien)
Die Bügel sind dreifach höhenverstellbar und sitzen eng, ohne zu drücken. Einmal richtig eingestellt, verteilt sich der Druck angenehm und die Brille sitzt stabil. Bei längeren Sitzungen ab anderthalb Stunden aufwärts machte sich das Gewicht an der Front bemerkbar, auch, wenn die Brille insgesamt nur noch etwas über 80 Gramm wiegt. Leichte Druckstellen auf dem Nasenrücken waren die Folge. Deutlich schneller spürbar wurde allerdings die Hitzeentwicklung. Schon nach gut zehn Minuten wärmt die One Pro Plus Nase und Stirn. Auch wenn der Sitz optimal eingestellt und das Erlebnis optimal war, fühlte sich das Abnehmen nach einem langen Filmabend wie eine kleine Erleichterung an. Auch die Augen ermüden früher als bei vergleichbarer Monitornutzung. Bequemer als die Vorgänger und viele Konkurrenzprodukte ist die One Pro Plus zwar, stundenlang unbemerkt bleibt sie aber nicht.
Wichtig für Brillenträger
Die Xreal One Pro Plus bietet im Unterschied etwa zur Rokid Max 2 AR oder zur Viture Luma Ultra keinen eingebauten Dioptrienausgleich. Während Kurzsichtige etwa bei der Rokid-Videobrille die Schärfe für jedes Auge per Drehregler zwischen 0 und −6 Dioptrien einstellen können, benötigen sie bei der Xreal einen separat erhältlichen Einsatz mit individuell angefertigten Korrekturgläsern. Auch dessen Rahmen gehört laut Hersteller nicht zum Lieferumfang. Dies verursacht folglich zusätzliche Kosten, ermöglicht aber im Unterschied zur Rokid-Lösung auch die Korrektur von Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmungen.
Der Korrektureinsatz wird auf der Innenseite der Xreal One Pro Plus befestigt, sodass seine Gläser zwischen Augen und Displayoptik sitzen. Dazu müssen zwei kleine Gummistopfen aus den Befestigungsöffnungen nahe der Nasenbrücke entfernt werden, anschließend richtet man die beiden Haltestifte des Einsatzes an den freigelegten Öffnungen aus und drückt sie vorsichtig hinein. Der Einsatz wird gesteckt. Ein Verschrauben oder das Abnehmen der Nasenpolster ist dafür nicht erforderlich. Das erleichtert einen schnellen Wechsel, wenn mehrere Personen im Haushalt die Brille nutzen wollen.
Der Einsatz ist nicht sonderlich schmückend. Wichtiger ist aber, dass die Lösung ordentlich funktioniert und nicht für zusätzliche Ränder oder ähnliche Einschränkungen des Bildes sorgt. Wer von der Xreal One Pro zur One Pro Plus wechselt und bereits einen Korrektureinsatz besitzt, kann diesen weiterverwenden: Der Linsenpartner HONSVR bietet für beide Modelle denselben Einsatz an. Bei vorhandenen Einsätzen für die One oder 1S ist die Lage weniger eindeutig: Xreal nennt sie zwar ebenfalls als kompatibel, HONSVR unterscheidet jedoch zwischen den Ausführungen für One/1S und One Pro/One Pro Plus. Hier sollte man die Weiterverwendung vor dem Kauf mit dem Linsenanbieter klären. Einsätze der älteren Air-Serie sind dagegen nicht kompatibel.
Fazit: Gereift, aber noch nicht erwachsen
Die One Pro Plus ist zweifellos eine der besten Displaybrillen auf dem Markt, das Versprechen der Reife löst Xreal aber nur teilweise ein. Das Bild ist hell und scharf und bietet durchdachte Einstellungsmöglichkeiten vom Lesemodus zur Ultrawide-Ansicht oder Side View. Ein großer Komfortgewinn sind die verstellbaren Bügel und neu geformten Nasenpolster. Trotz des vergleichsweisen geringen Gewichts bleiben längere Sitzungen aber nicht unbemerkt und auch die Augen ermüden schneller als am Monitor.
Das Arbeiten ist mit der One Pro Plus möglich, bietet aber keinen erkennbaren Vorteil gegenüber herkömmlichen Monitoren. Für unterwegs kann sie allerdings eine sinnvolle Ergänzung sein. Der Fokus liegt klar auf Entertainment und da punktet die Pro Plus mit satten Farben, hoher Auflösung und schneller Bildrate. Die 3D-Konvertierung ist in manchen Szenen tatsächlich verblüffend, trägt aber aufgrund vieler kleiner Makel nicht über einen ganzen Film oder ein Spiel. Auf die 6DoF-Erweiterung per optionaler Ansteck-Kamera kann man in dieser Qualität getrost verzichten.
Wer eine One Pro besitzt, hat kaum Anlass zum Wechsel, zumal das 3D-Upgrade per Firmwareupdate auch den Vorgänger erreichen soll. Für Neueinsteiger hängt die Rechnung davon ab, ob sie den perfekten Einsatzzweck für sich finden – denn der Preis von rund 650 Euro ist schwer zu rechtfertigen.
Die Xreal One Pro Plus ist eine Display-Brille des chinesischen Herstellers Xreal und kostet im offiziellen EU-Shop 649 Euro. Im Bundle mit der Eye-Kamera liegt der Preis bei 709 Euro, einzeln kostet das Eye-Modul 119 Euro.
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