Herausforderungen der SBB – SBB-Chef Vincent Ducrot: «Erste Priorität hat der Gleisunterhalt»

Die SBB transportiert so viele Menschen wie nie zuvor, die Belastung der Infrastruktur ist hoch. SBB-Konzernchef Vincent Ducrot spricht über die täglichen Gefahren, umstrittene Milliardenprojekte und warum er sich manchmal über die Schweizer Politik ärgert.
Vincent Ducrot
CEO der SBB
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Vincent Ducrot ist seit dem 1. April 2020 CEO der Schweizerischen Bundesbahnen SBB. Von 2011 bis 2020 war er Chef der Freiburger Verkehrsbetriebe TPF. Zuvor hatte er beim SBB-Personenverkehr eine leitende Funktion inne.
Ducrot hat Jahrgang 1962, ist ausgebildet als Elektroingenieur mit Schwerpunkt Informatik. Er ist Vater von sieben Kindern.
SRF News: Vorfälle im Ausland zeigen, dass das Schienennetz verletzlich ist. Wie sicher sind die Gleise in der Schweiz?
Vincent Ducrot: Wir haben sehr viele automatische Systeme, Radar und Satellitenbilder zur Überwachung. Dazu kommen unsere Lokomotivführer. Sie fahren die Strecken regelmässig und spüren sofort, wenn etwas am Gleis nicht stimmt – zum Beispiel eine Deformation durch Hitze – und melden das umgehend. Sie sind ein extrem wichtiger Teil der Sicherheitsüberwachung.
Wir haben mehrere Millionen Cyberattacken pro Jahr.
Eine andere Gefahr sind Cyberattacken. Wie stark ist die SBB davon betroffen?
Wir spüren das enorm. Wir haben mehrere Millionen Attacken pro Jahr. Darum haben wir Teams, die rund um die Uhr alle verdächtigen Bewegungen in unseren Netzen überwachen. In den letzten zehn Jahren haben wir diese Teams verdreifacht. Die Angreifer wissen, dass wir eine kritische Infrastruktur sind.
Gleichzeitig fahren sehr viele Leute Zug. 2025 wurden so viele Personenkilometer auf der Schiene erbracht wie noch nie. Bereitet Ihnen dieses Wachstum Sorgen?
Grundsätzlich freut es mich. Aber ja, wir müssen das Bahnsystem permanent ausbauen. Wir beobachten die Stehplätze genau. Wir können aber einen Zug nicht länger als 400 Meter machen, doppelstöckig. In den Agglomerationen sind es oft nur 300 Meter. Das Wachstum findet zudem vermehrt im Freizeitverkehr statt. Wenn schönes Wetter im Tessin ist, wollen alle dorthin, und wir müssen reagieren können.
Die SBB hat einen Unterhaltsrückstand von über 9 Milliarden Franken. Kippt das System bald wie in Deutschland, wo zu wenig ins Netz investiert worden ist?
Nein, an diesem Punkt sind wir nicht. Aber wir müssen mehr machen, vor allem bei der Fahrbahn. Wir erneuern etwa 200 Kilometer Gleis pro Jahr, wir müssten aber auf 230 Kilometer gehen können. Die Infrastruktur ist durch 10'000 Züge pro Tag extrem belastet. Der Unterhalt ist die Basis.
Erste Priorität hat der Unterhalt, dann erst kommt ein Ausbauhorizont.
Trotzdem soll die Bahn ausgebaut werden. Die Eidgenössische Finanzkontrolle warnt, das Projekt «Verkehr ‘45» sei schlecht aufgegleist und könnte teurer werden. Überrascht Sie diese Kritik?
Nein, das überrascht mich überhaupt nicht. Wir stehen in der Vernehmlassung dazu, und in dieser Phase ist es normal, dass jeder seine Position darlegt. Die Kantone möchten mehr, die Finanzkontrolle warnt vor den Kosten. Das ist Teil des politischen Prozesses.
Was fordert die SBB demnach in dieser Debatte?
Wir sagen klar: Erste Priorität hat der Unterhalt. Dann kommt der Ausbauhorizont 2035 und drittens die Digitalisierung. Erst an vierter Stelle kommen die Grossprojekte, die den grössten Nutzen haben.
Das Wichtigste sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Projekte wie der umstrittene Grimseltunnel haben wohl kaum den grössten Nutzen?
Es steht auch im Gesetz, dass man touristische Regionen entwickeln muss. Solche Projekte haben eher einen regionalen Charakter und sind für die Region wichtig. So ist das politische System in der Schweiz.
Nervt Sie das manchmal?
Ja, ich würde einiges anders machen. Aber das Volk hat dieses Gesetz akzeptiert. Und wir leben sehr gut mit diesem System.
Sie gehen bald in Pension. Was geben Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?
Dass das Wichtigste die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Jeden Tag vollbringen sie eine Meisterleistung, damit so viele Züge so pünktlich fahren.
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