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Saturday, September 19, 2026

Suchtfaktor wie beim Rauchen: Warum hochverarbeitete Lebensmittel so tückisch sind

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Suchtfaktor wie beim RauchenWarum hochverarbeitete Lebensmittel so tückisch sind

19.09.2026, 07:04 Uhr

Hochverarbeitete Lebensmittel sind schmackhafte, günstige und haltbare Nahrung - haben aber einen gesundheitlichen Preis. Seit ihrer Einführung wächst die Zahl der Übergewichtigen weltweit. Forscher sehen ein Schema, wie Verbraucher gezielt süchtig gemacht werden.

Hochverarbeitete Lebensmittel gibt es verbreitet seit etwa einem halben Jahrhundert - und seither steigen die Adipositas-Zahlen. Milliarden Menschen sind übergewichtig. "Von hochverarbeiteten Lebensmitteln werden Suchtmechanismen wie beim Rauchen ausgelöst", sagt Mathias Faßhauer von der Universität Gießen.

Hochverarbeitete Lebensmittel entstanden aus dem Wunsch nach günstigen, haltbaren, gut transportfähigen Produkten, wie Peter von Philipsborn von der Universität Bayreuth erklärt. Zu frühen Vorläufern zählen konservierte und industriell standardisierte Lebensmittel wie Dosenware und Frühstücksflocken.

Zunehmend wurden Produkte über Zusätze gezielt optimiert - nicht um die Gesundheit zu fördern, sondern um Essen aus Lust anzuregen und dadurch den Verkauf zu maximieren, wie Faßhauer erklärt. Er spricht von Lebensmittel-Imitaten: aus möglichst billigen Grundstoffen Zusammengefügtes, das niemand lecker fände, wären da nicht Zusatzstoffe wie Aromen beigemengt.

Vielfach seien hochverarbeitete Lebensmittel zudem leicht zu kauen, weshalb man sie sehr schnell essen könne, so Philipsborn. Einem Beitrag im Fachjournal "The Lancet" zufolge ist Deutschland eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Absatz an solchen Produkten. Sie machten inzwischen rund 40 Prozent der Energiezufuhr aus - in Italien seien es unter 20 Prozent.

Unwiderstehlich erst durch Zusätze

Nicht zuallererst ihr Gehalt an Kalorien ist das Problem, sondern dass sie durch perfekt abgestimmte Zusatzstoffe schier unwiderstehlich schmecken, wie Faßhauer erklärt. Ein Team um Carlos Monteiro von der Universität São Paulo führte deshalb 2009 die sogenannte Nova-Klassifizierung ein, die Lebensmittel nicht primär nach Nährwerten wie Fett, sondern dem Grad ihrer Verarbeitung einstuft. "Das ist ein revolutionäres Konzept, meilenweit besser als die kalorienbasierten davor", sagt Faßhauer.

Für Boyd Swinburn von der Universität Auckland ist die treibende Kraft der hartnäckig um sich greifenden Adipositas-Pandemie die weltweite Expansion des UPF-Systems, verbunden mit physiologischen Mechanismen im Körper. Wegen der hohen Energiedichte, der Schmackhaftigkeit und schnellen Verzehrbarkeit hochverarbeiteter Lebensmittel komme es zu stetiger Überernährung. Danach greife die schlichte Tatsache, dass es leichter ist, an Gewicht zuzunehmen, als es zu verlieren, erklärte Swinburn kürzlich bei einem Kongress in Mexiko Stadt.

Im Körper greifen uralte Mechanismen

"Übergewicht ist kurzfristig unproblematisch, aber Verhungern ist schnell tödlich, deswegen entscheidet der Körper sich immer für die sichere Seite", erklärt Faßhauer. Eine 2025 im Fachblatt "Nature Medicine" vorgestellte kleinere Studie zeigte, dass hochverarbeitete Lebensmittel das Abnehmen im Vergleich zu natürlichen Lebensmitteln noch zusätzlich erschweren.

Ohnehin sei es schwer, sich wieder an natürliche Hausmannskost zu gewöhnen, wenn man durch Hochverarbeitetes geprägt sei, sagt Philipsborn. "Das schmeckt dann oft langweilig im Vergleich." Der Körper wisse zwar eigentlich, was gut für ihn sei - aber nur auf der Basis einstiger Verfügbarkeiten. So seien Zucker und Salz in der Natur ein rares Gut gewesen, darum empfinde der Körper als besonders lecker, was viel davon enthalte.

Über Jahrmillionen habe der Mensch intuitiv gegessen, ergänzt Faßhauer. Der Körper schürte das Verlangen nach Brokkoli, wenn ihm darin enthaltene Nährstoffe fehlten. Doch auch dieses wichtige System hebeln hochverarbeitete Lebensmittel aus: Dank der Aromen schmecken sie nach Dingen, die oft gar nicht enthalten sind. "Der Körper geht in solchen Fällen in den Sicherheitsmodus: Wenn er nicht genau weiß, was da eigentlich kommt, überisst er vorsichtshalber lieber."

Süßstoffe führen zum Mehr-Essen

Der Effekt greife auch bei Softdrinks mit Süßungsmitteln anstelle von Zucker: Historisch sei süßer Geschmack fast immer mit Zucker verbunden gewesen. Mit Süßungsmitteln in zuckerarmen oder zuckerfreien Produkten werde diese Geschmack-Nährstoff-Assoziation zerstört. Die Folge: "Es wird kompensatorisch mehr gegessen."

Von einer Umstellung auf zuckerfreie Light- oder Zero-Versionen dürfe man sich darum keinen deutlichen Gewichtsverlust erhoffen. Auch die von der Bundesregierung geplante Einführung einer Zuckerabgabe auf süße Getränke wie Colas und Limonaden, bei der noch viele Fragen offen sind, greife daher zu kurz. "Es bräuchte eine generelle Softdrink-Steuer", meint Faßhauer. Von anderen schädlichen Produkten wie Zigaretten sei bekannt, dass Konsumenten verstärkt abspringen, sobald es teuer wird. "Der optimale Preis für einen Liter Softdrink wären zehn Euro."

Andere Fachleute beurteilen die geplante Softdrink-Steuer positiver. "Softdrinks mit Zucker führen zu einer stärkeren Gewichtszunahme als Lightgetränke mit Süßstoffen. Die geplante Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ist daher ein sinnvoller Schritt in die richtige Richtung", meint Philipsborn. "Es ist nicht realistisch, dass alle Menschen von heute auf morgen nur noch Leitungswasser trinken - auch wenn das das Gesündeste wäre."

Profitabel wie kein anderer Lebensmittelbereich

Mit einem Umsatz von rund 1,9 Billionen US-Dollar jährlich seien UPFs längst der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelindustrie, hieß es kürzlich im Fachjournal "The Lancet". Sie seien zu einer der dringendsten Bedrohungen für die Gesundheit geworden, warnte das Kinderhilfswerk Unicef. Einer im März im "New England Journal of Medicine" ("NEJM") vorgestellten Analyse zufolge tragen hochverarbeitete Lebensmittel jährlich zu rund 2,3 Millionen Todesfällen bei. Zum Vergleich: Bei Alkohol seien es 1,8 Millionen.

Faßhauers Arbeitsgruppe hat für 37 Hochverarbeitungsmarker untersucht, inwiefern sie mit vorzeitigem Sterben im Zusammenhang stehen. Vier waren demnach besonders kritisch: Aromen, Farbstoffe, Zuckervarianten und Süßstoffe. "Mehr als 50 Prozent der hochverarbeiteten Lebensmittel enthalten Aromen", sagt Faßhauer. Die Substanzen förderten nachweislich Überessen und Übergewicht.

Ein erster Ansatzpunkt: Aromen weglassen

Wenn man im Alltag zumindest eine leicht umsetzbare Sache angehen wolle, die vor Übergewicht schützt, sei es darum dies: auf die Zutatenliste schauen und auf Lebensmittel mit zugesetzten Aromen verzichten. Das gelte auch für Produkte mit "natürlichen Aromen". "Das ist nur die Art und Weise, wie sie hergestellt werden, chemisch sind sie identisch. Das ist reines Marketing."

Kalorienzählen wiederum helfe nicht, betont Ernährungsmediziner Faßhauer - im Gegenteil verschärfe es langfristig meist die Ess- und Gewichtsprobleme. "Funktioniert kurzfristig super, aber wenn man sich die Daten anschaut, die über zwei Jahre hinausgehen, ist es eine Katastrophe." Nach vier bis sechs Monaten reagiere der Körper, indem er den zu seinem Erhalt nötigen täglichen Grundumsatz senkt - "und zwar dauerhaft". Das Minus könne bei 300 bis 500 Kilokalorien liegen.

In der Folge gebe es fettleibige Patienten, die nach vielen Diäten mit 1000 Kilokalorien Grundumsatz durch den Tag kommen, ohne abzunehmen. Zum Vergleich: Sich über Softdrinks binnen Minuten mehrere Hundert Kilokalorien einzuverleiben, ist gar kein Problem.

"Adipositas ist kein reines Willensproblem"

"Adipositas ist kein reines Willensproblem", betont Faßhauer. Es sei zum Beispiel auch so, dass der Körper ein einmal erreichtes Maximalgewicht als Normalgewicht einlogge und stets dahin zurückwolle. "Dagegen gibt es keinen Korrekturmechanismus, wahrscheinlich, weil es evolutionär nie notwendig war."

Besonders schlimm sei Übergewicht mit Blick auf die lebenslangen Folgen bei Kindern und Jugendlichen. Nur in seltenen Fällen wird aus einem Kind mit Adipositas ein Erwachsener mit Normalgewicht, wie Faßhauer sagt. Umso bedenklicher sei, dass ausgerechnet Kinderlebensmittel zu den höchstverarbeiteten Produkten zählten. "Wir haben eine Fürsorgepflicht Kindern gegenüber", so der Mediziner. "Die nehmen wir aktuell absolut mangelhaft wahr."

High-Protein-Produkte oftmals hochverarbeitet

Auch Jugendliche und fitnessbewusste Menschen sind inzwischen eine zentrale Zielgruppe - etwa bei High-Protein- und Fibermaxxing-Produkten, wie Faßhauer sagt. Bei den stark in sozialen Medien beworbenen Ernährungstrends geht es darum, über spezielle Produkte mehr Proteine oder Ballaststoffe zu essen. Das Problem: "Solche Produkte sind fast ausschließlich hochverarbeitet." Ohne Aromen, Zucker und Süßungsmittel bekäme man die Grundstoffe gar nicht runter.

Viele Influencer lebten davon, solche Produkte gewinnbringend anzupreisen. "Mit dem Bewerben von gesundem Brokkoli macht man kein Geld, mit Werbung für einen Proteinriegel schon."

"Definitiv auch ein Armutsthema"

Besonders schlimm ist die Lage in den USA, wo zuletzt mehr als 40 Prozent der Erwachsenen und jeder fünfte Jugendliche fettleibig waren, wie eine Studie im Fachjournal "Circulation" ergab. Für Deutschland zeigen Daten aus Schuleingangs-Untersuchungen, dass in sozioökonomisch benachteiligten Landkreisen mehr Vorschüler Übergewicht oder Adipositas haben. Von den zwischen 2006 und 2024 eingeschulten Kindern hatten der im "Journal of Health Monitoring" vorgestellten Auswertung zufolge 8,6 bis 13,4 Prozent Übergewicht, 3,7 bis 5,9 hatten Adipositas.

Hochverarbeitete Lebensmittel seien "definitiv auch ein Armutsthema", betont Faßhauer. Vor allem Privilegierte könnten es sich leisten, ständig frisch zu kochen, meint auch Philipsborn. Deshalb sei es auch wichtig, das Angebot an verarbeiteten Lebensmitteln durch Anpassungen der Rezepturen gesünder zu machen.

Soziale Gerechtigkeit spielt weltweit auch bei einem zentralen Mittel gegen Fettleibigkeit eine Rolle: den Abnehmspritzen. Viele können sich die teure Dauertherapie nicht leisten. Ohnehin wirkt es paradox: Menschen zahlen erst fürs ungesunde Essen, dann für die Spritzen. In der Breite seien Abnehmspritzen ohnehin keine Lösung, betont Philipsborn. Nach Faßhauers Überzeugung ist das Problem nur strukturell über die Gesetzgebung zu lösen. Ungesundes müsse teurer, Gesundes günstiger werden.

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