Waldbrände in Europa: Trockenfutter für das Feuer

Die Waldbrandsaison 2026 in Europa hat in Frankreich und Spanien schlimm gewütet. Doch auch in Belgien gab es traurige Rekorde. Eine Datenanalyse.
Der Boden glimmt nicht mehr, und doch ist nach diesem Sommer vieles nicht mehr, wie es war. In Frankreich war besonders das Departement Gironde mit der Hauptstadt Bordeaux, im Südwesten des Landes von den Feuern betroffen. Rund 37.626 Hektar Wald sind dort allein in diesem Sommer verbrannt, eine Fläche, die etwa drei Vierteln des Bodensees entspricht. So viel Fläche hat das Department seit Beginn der Satellitenauswertung durch Effis, das europäische Waldbrandinformationssystem, noch nie an das Feuer verloren. So gut wie die gesamte Fläche brannte im Monat Juli. Was genau war da los?
Schuld war unter anderem Pyrocumulonimbus. Nicht nur das Wort ist ein Ungetüm, auch die Wolke, die es bezeichnet. Ein Pyrocumulonimbus ist eine extrem hohe Gewitterwolke, die aus Pyrocumulus-Wolken entstehen kann, wenn große Brände und instabile Verhältnisse in der Atmosphäre aufeinandertreffen. Solche Wolken kennt man aus Gebieten wie Australien und den USA. In Frankreich wurde sie im Juli 2026 das erste Mal nachweislich gesichtet. Die Wolkenformation ist gefürchtet, denn sie macht ihr eigenes Wetter: Pyrocumulonimbus verursacht starke bodennahe Windböen, die das Feuer wieder und wieder anfachen und so Löscharbeiten nahezu unmöglich machen. „Das kann man nicht in den Griff bekommen“, sagt die Meteorologin Francesca Di Giuseppe, die als leitende Wissenschaftlerin am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage im britischen Reading arbeitet. Wenn Löscharbeiten unmöglich sind, bleibt den Feuerwehren in den betroffenen Gebieten nur der Versuch, das Feuer einzudämmen und seine Ausbreitung zu verlangsamen, bis der Wind abnimmt. Ein weiteres Problem ist, dass ein solcher Gewitterwolkengigant durch Blitze auch außerhalb der eigentlichen Brandherde weitere kleine Feuer entfachen kann.
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Der Juli war verheerend, nicht nur in Frankreich. Während um Bordeaux die Flammen wüteten, breiteten sich auch in Spanien in verschiedenen Teilen des Landes große Waldbrände aus. Insgesamt verbrannten in Europa laut Effis im Jahr 2026 bisher etwa 677.000 Hektar – das entspricht einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie die Insel Mallorca. Verglichen mit dem Rekordjahr 2025, in dem mehr als 1 Million Hektar Fläche verbrannten, liegt 2026 damit zwar deutlich über dem Durchschnittswert, stellt jedoch in Gesamteuropa zumindest keinen neuen Rekord auf.
Dennoch lohnt sich der Blick nach Frankreich und Spanien. In Frankreich verbrannten im gesamten Land bis zum 22. September 2026 mehr als 107.000 Hektar Wald, ein trauriger Allzeitrekord für die Grande Nation. In Spanien, wo auch historisch pro Jahr eine größere Fläche verbrennt als im Nachbarland Frankreich, wurden 2026 etwa 311.000 Hektar verbrannte Fläche verzeichnet, etwa 90.000 Hektar weniger als im Rekordjahr 2025. Grund zum Aufatmen ist das jedoch nicht: In diesem Sommer haben die Waldbrände nämlich auch Regionen erreicht, die in den vergangenen Jahren weniger betroffen waren, etwa Belgien. Das Feuer traf hier das Naturschutzgebiet Hohes Venn, unweit der deutschen Grenze. Mehr als 3.100 Hektar Wald verbrannten laut Effis-Daten dort, so viel Fläche wie noch nie in Belgien innerhalb eines Jahres.
Die Einsatzkräfte in Frankreich und Spanien hatten riesige Flächenbrände zu bekämpfen. Außerdem standen sie vor einer weiteren Herausforderung: Die Feuer brachen in verschiedenen Regionen und in beiden Ländern quasi gleichzeitig aus. Normalerweise können bei einzelnen Bränden Feuerwehrleute aus anderen Landesteilen oder Nachbarländern zur Hilfe kommen. Brennt es jedoch an verschiedenen Orten gleichzeitig, ist das kaum möglich, die Kapazitäten der Einsatzkräfte sind dann schnell erschöpft. Ein Grund für diese Gleichzeitigkeit der Brände, wie Di Giuseppe sie nennt, ist der Klimawandel, das haben verschiedene Attributionsstudien bereits gezeigt. Verstärkt wurde der generelle Anstieg der Temperaturen durch das Wetter zu Beginn des Jahres. „Jahre mit extremen Waldbränden haben oft einen besonders nassen Frühling“, sagt Di Giuseppe. Genau das sei in Frankreich und Spanien in diesem Jahr der Fall gewesen. Es klingt absurd, aber gerade die Feuchtigkeit wird später zum Problem: Die Vegetation grünt, blüht und sprießt fröhlich, bevor sie dann im Sommer vertrocknet – und dem Feuer einen idealen Nährboden bietet. „Fuel continuity“ nennt Di Giuseppe das, auf Deutsch etwa „Kraftstoffversorgung“.
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Auf das feuchte Frühjahr folgten im Sommer 2026 gleich mehrere Hitzewellen, die Frankreich und Spanien besonders betrafen und dazu führten, dass die zuvor noch gut gediehene Vegetation plötzlich mit einem akuten Wassermangel konfrontiert war und austrocknete – man kann sich das vorstellen wie Feueranzünder. Die Hitzewellen erwischten Frankreich und Spanien so flächendeckend, dass landesweit im schlechtesten Sinne beste Bedingungen für Waldbrände herrschten.
Doch ein hohes Waldbrandrisiko muss nicht zwangsläufig auch mit starken Waldbränden einhergehen. Auch in einer derart brandgefährlichen Gemengelage braucht es noch einen Auslöser. „In Europa werden 90 Prozent der Feuer durch Menschen ausgelöst, wenn auch nicht immer absichtlich“, sagt Di Giuseppe. Es muss nicht immer Brandstiftung sein – auch Funken von Stromleitungen oder landwirtschaftliche Maschinen können die ausgetrocknete Landschaft entzünden.
Gerade die Brände in Frankreich hatten in diesem Sommer allerdings eine weitere Besonderheit, auf die Di Giuseppe hinweist. „Die Feuer treten immer mehr am Übergang von Siedlungen zur Natur auf“, sagt sie. Damit bedrohten sie immer häufiger Dörfer und Städte. Allein im französischen Department Gironde wurden im Juli aufgrund der Gefahr durch die riesigen Brände mehr als 200.000 Menschen vorübergehend aus ihren Wohnungen evakuiert. „Siedlungen breiten sich immer mehr in die Wildnis aus. Menschen haben dadurch viel mehr Kontakt mit Biomasse, die brennen kann“, sagt sie.
Für die europäische Politik fordert Di Giuseppe einen ganzheitlichen Ansatz, der „Feuer vorbeugt, bevor sie überhaupt ausbrechen“. Die Prävention von Waldbränden müsse globaler gedacht werden – womit wir wieder bei Maßnahmen gegen den Klimawandel wären. Bis diese greifen, müssen Feuerwehren und Politiker:innen in Europa damit rechnen, dass der Wald, wie in diesem Jahr, an vielen Orten gleichzeitig brennt. Und einen Umgang damit finden.
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