"Milk Chamberlain": Wie Kessler die Lakers zum Schwärmen bringt
Walker Kessler hat bei den Los Angeles Lakers einen Einstand nach Maß gefeiert. Der Center ist ein Mitspieler nach Luka Doncic‘ Geschmack - und inspirierte einen seiner legendären Vorgänger direkt zum ultimativen Lob. Bei aller Euphorie gibt es aber auch Einschränkungen.
Zum Start jeder neuen Saison gibt es eine ganze Reihe von Spielern, die sich in ihrer neuen Situation erst arrangieren müssen. Auch bei namhaften Spielern, auch bei Stars und potenziell liga-verändernden Akteuren kann das dauern (siehe: Giannis Antetokounmpo, dessen Minuten bisher in jedem seiner Spiele für die Heat verloren wurden).
Und dann gibt es Spieler wie Walker Kessler. Die vom Start weg so aussehen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, nie anderswo gespielt. Als wären sie schon immer Teil des Systems gewesen, in dem sie nun spielen - womit sie ihre Verpflichtung direkt nicht nur sehr klug, sondern im Prinzip folgerichtig aussehen lassen.
Direkt in seinem ersten Spiel für die Lakers hat Kessler sein bestes Scoring Game seit fast vier Jahren aufgelegt, das zweitbeste seiner Karriere. Das wird nicht seine Kernaufgabe bei den Lakers sein. Und trotzdem wirkt der Fit so gut, dass auch sein bisheriger Karrierebestwert (31) in nicht allzu ferner Zukunft fallen könnte.
Walker Kessler: Seine NBA-Stats mit Utah
| Saison | Spiele | MIN | PTS | FG% | REB | BLK |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 22/23 | 74 | 23,0 | 9,2 | 72,0 | 8,4 | 2,3 |
| 23/24 | 64 | 23,3 | 8,1 | 65,4 | 7,5 | 2,4 |
| 24/25 | 58 | 30,0 | 11,1 | 66,3 | 12,2 | 2,4 |
| 25/26 | 5 | 30,8 | 14,4 | 70,3 | 10,8 | 1,8 |
Kessler: Immer ab zum Korb
Es ist kein Geheimnis, dass Luka Doncic sich dafür starkgemacht hat, Kessler zu holen. Der Slowene liebte es schon in Dallas, mit physischen Rim-Rollern zu spielen, und hatte einen solchen in Los Angeles bisher schmerzlich vermisst. Nun hat er ihn. Und die ersten Saisonspiele dienten direkt als gute Anschauungsbeispiele dafür, warum das eine sinnvolle Symbiose ist.
Kessler fungiert offensiv gewissermaßen als mobile Schrankwand, stellt krachende Screens, an denen Verteidiger kleben bleiben. Anders als Vorgänger Deandre Ayton rennt er danach außerdem hart zum Korb, ist dort zwar kein übermäßig guter Leaper wie Dereck Lively oder Daniel Gafford in Dallas, ist dafür aber riesig (2,18 m), hat gute Hände und taucht zumeist dort auf, wo er der Defense wehtun kann.
"Je häufiger du zusammenspielst, desto mehr entwickelst du ein Gefühl dafür, gemeinsam Pick’n’Roll zu spielen", hatte Doncic noch vor dem Saisonstart gesagt. Tatsächlich wirkte es dann aber direkt beim Auftaktspiel gegen die Warriors so, als würden sich Doncic, Kessler und Austin Reaves bereits seit Ewigkeiten kennen.

Walker Kessler gelangen in seinem Lakers-Debüt zehn Dunks. Kirby Lee
Kessler: Auf den Spuren von Wilt und Shaq
Immer wieder fanden die Lakers Walker auf dem Weg zum Korb oder "hinter" der Defense, wenn sein nomineller Verteidiger gegen den Ballführenden aushalf oder er den Warriors in Transition davongerannt war. Das Resultat waren dann Dunks … wieder und wieder. Gleich zehn Dunks verzeichnete Kessler in diesem Spiel, traf insgesamt 12/12 aus dem Feld, nah am Lakers-Rekord für ein Spiel mit perfekter Quote, den Wilt Chamberlain (!) im Jahr 1969 mal mit einem 14/14-Spiel aufgestellt hatte.
Zehn Dunks in einem Spiel hatte bei den Lakers zuletzt wiederum Shaquille O’Neal im Jahr 2003. Inspiriert von diesem Fakt drehte Shaq bereits unmittelbar nach dem Spiel ein wenig am Rad, bezeichnete Kessler bei "Inside the NBA" als "Milk Chamberlain" und als "besten Big Man der NBA" - was vermutlich (hoffentlich?) nicht allzu ernst gemeint war.
"Ich bin extrem dankbar dafür, mit diesen Jungs zusammenzuspielen", sagte Kessler derweil selbst über das Zusammenspiel mit Reaves und Doncic und seinen gelungenen Einstand. "Ihre Court Vision ist überragend. Sie wissen, dass mein Vorteil meine Größe ist. Sie haben mich immer wieder in den richtigen Spots gefunden."
Gut ging es auch danach weiter, zum Teil weiter sehr einfach aussehend. Auch gegen die Clippers glänzte Kessler wieder als Anspielstation für die Star-Guards der Lakers, traf diesmal "nur" 10/14, war dafür aber noch präsenter am offensiven Brett und legte nach 26 diesmal 22 Punkte auf.
Kessler: Was zählt, ist hinten
Im dritten Spiel gegen Utah wurde sein offensiver Impact erstmals limitiert - die Jazz arbeiteten gezielt gegen den Roll und hielten Kessler vom Korb weg, der bloß zwei Würfe nahm und einen davon traf. Im Anschluss gab er zu, dass er gegen sein Ex-Team zu emotional gewesen war und nie so recht seinen Rhythmus finden konnte.
"Leisere" Scoring Games des Centers sind für die Lakers allerdings verkraftbar, zumal die Screens trotzdem saßen und ihren Anteil daran hatten, dass Reaves und Doncic gemeinsam 81 Punkte erzielen konnten - und dass immer mindestens ein Schütze offenstand, wenn gegen den abrollenden Kessler ausgeholfen wurde.
Entscheidender ist unterm Strich außerdem ohnehin das, was er am anderen Ende des Courts macht. 20-Punkte-Spiele sind für Kessler ein (gern genommener) Bonus - primär geholt wurde er für seine Defense. Vor der Saison gab es bisweilen ja sogar die Befürchtung, dass er diese bei den Lakers weitestgehend allein würde schmeißen müssen.

Walker Kessler ist der Hoffnungsträger auf Center bei den Lakers. IMAGO/ZUMA Press
Kessler: Defensiver Impact
So extrem ist es bisher zwar nicht, zumal JJ Redick zum Saisonstart etwas überraschend die beiden Minimum-Spieler Matisse Thybulle und Ziaire Williams in die Starting Five beordert hat, um die am Perimeter sehr herausgeforderten Doncic und Reaves nicht zu sehr zu überlasten. Den wichtigsten Anteil an einem bisher ordentlichen Defensiv-Rating (Platz 15) hat aber Kessler.
Der 25-Jährige ist ein massives Hindernis am eigenen Korb. In seinen Minuten erreichen die Lakers Cleaning the Glass zufolge bisher ein Defensiv-Rating von 106,8, das letzte Saison ligaweit für Platz 1 gereicht hätte. Das ist nach drei Spielen noch kein belastbarer Wert und wird so dominant sicherlich auch nicht bleiben, der Eindruck ist bisher aber eindeutig positiv.
Kessler schüchtert ein, erschwert Abschlüsse, ist trotz seiner Statur recht schnell auf den Beinen und sehr aktiv in der Zone. Tracking-Daten von nba.com zufolge hat er bisher die mit großem Abstand meisten Contested Shots der Liga (15,3 pro Spiel) und trägt neben 3 Blocks pro Spiel überdies viel dazu bei, dass weitere Würfe in Korbnähe gar nicht erst versucht werden.
Das ist keine Überraschung, eigentlich. Auch in Utah legte er über seine bisherigen vier NBA-Jahre regelmäßig herausragende Rim-Protection-Zahlen auf und wurde primär dadurch zu einem Analytics-Liebling - nur ging das im Großen und Ganzen unter, wegen der Umstände, für die er selbst nicht allzu viel konnte.
Kessler: Karriere im Unsichtbaren
Von Kesslers vier Jahren in Utah war die erste noch die beste, aus Team-Perspektive (37 Siege) - wobei das Front Office auch in dieser Spielzeit Veteranen abgab, um das Team kurzfristig zu schwächen, etwa Mike Conley, den besten Pick’n’Roll-Passer, mit dem Kessler bis vor kurzem je zusammengespielt hat.
In den Folgejahren wurde das Tanking aggressiver, das Team schlechter. Kessler hatte in jeder Saison zumindest leicht positive On/Off-Zahlen, wurde aber wohl auch deshalb manchmal früher mit Verletzungen aus dem Verkehr gezogen als nötig, ehe ihn vergangene Saison eine Schulter-OP nach nur fünf Spielen ein mögliches Breakout-Jahr kostete.
Letztendlich hat Kessler seine Karriere bisher fast komplett im Unsichtbaren verbracht, noch nie ein NBA-Spiel absolviert, in dem es um etwas ging. Weshalb seine Verpflichtung seitens der Lakers im Sommer, die mittelfristig ja durchaus Meister-Ambitionen haben, von nicht wenigen Beobachtern skeptisch betrachtet wurde.
Der Saisonstart der Lakers
Kessler: Eine neue Herausforderung
Wobei das nicht zuletzt auch am hohen Preis lag. Weniger vertraglich gesprochen (4 Jahre, 129 Mio. Dollar sind nicht unerhört für einen Starting Center), es waren eher die zusätzlichen vier Erstrundenpicks beziehungsweise Swaps, welche die Lakers Utah versprachen, die zu viel Kritik führten. Dieser Preis dürfte auch dann kontrovers bleiben, wenn Kessler so weitermacht.
Die Lakers indes werden damit leben können, wenn sie als Team weiter so erfolgreich sind - was natürlich keineswegs sicher ist: Der Auftaktspielplan war wie erwähnt sehr gnädig, schwerere Tests werden kommen. Wie üblich hat die NBA viele der Top-Matchups mit Lakers-Beteiligung für die zweite Saisonhälfte eingeplant.
Mehr als (gute) Eindrücke gibt es zu diesem Zeitpunkt der Saison ohnehin noch keine, finale Urteile verbieten sich erst recht - diese werden in den Playoffs gefällt. Was in Ordnung ist. "Ich glaube, das ist ihm wichtig, deswegen wollte er gerne zu den Lakers", erklärte Redick schon vor Saisonstart. "Weil es jede Nacht um etwas geht, wenn du das Trikot der Lakers trägst."
Die ersten Schritte im Scheinwerferlicht sind Kessler in jedem Fall geglückt. So weit, so gut.
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