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Thursday, October 8, 2026

Nord-Stream-Anschlag: Diese Indizien belasten den mutmaßlichen Saboteur

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Wellen im Wasser über dem Gasleck der Nord-Stream-Pipeline in der Ostsee, Archivbild

Exklusiv

Stand: 08.10.2026 • 09:01 Uhr

In wenigen Tagen steht der mutmaßliche Anführer des Sabotage-Kommandos vor dem Hamburger Oberlandesgericht. Welche Indizien sprechen dafür, dass er mit seinem Team die Nord-Stream-Gasröhren in der Ostsee gesprengt hat?

Von Manuel Bewarder, Jörg Diehl, NDR/WDR, Florian Flade, WDR, Michael Götschenberg, ARD-Hauptstadtstudio, Georg Heil, RBB, Roman Lehberger, WDR, und Holger Schmidt, SWR

Als der ukrainische Offizier Serhii K. noch in Italien in Auslieferungshaft saß, telefonierte er manchmal nach Hause. Es sei doch nun der "richtige Zeitpunkt", sagte er in einem Gespräch mit seiner Frau, eine Erklärung zu veröffentlichen. Öffentlich müsse klargestellt werden, dass die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines "eine offizielle militärische Operation war".

Sein Kommandeur solle deutlich machen, dass er und K. keinesfalls "zwei verrückte Militärmänner" seien. Wahrscheinlich erhoffte sich Serhii K., öffentlicher Druck könne eine Auslieferung nach Deutschland verhindern. Es kam anders. Schlimmer noch für ihn: Die italienische Justiz hörte die Gespräche ab.

So gingen die belastenden Worte in die Anklageschrift des Generalbundesanwalts ein, die ARD, Zeit und Süddeutscher Zeitung (SZ) vorliegt. Nach intensiven Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA) und der Bundespolizei hatte die Bundesanwaltschaft Serhii K., einen vierfachen Vater, heutigen Energieunternehmer und damaligen Angehörigen einer ukrainischen Sabotage-Spezialeinheit, im Juni unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen angeklagt. In der kommenden Woche beginnt der Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamburg.

Sechs Sprengsätze an Nord-Stream-Pipelines

K. soll mit einem Sabotage-Trupp sechs Sprengsätze an drei der vier Nord-Stream-Pipelines angebracht haben, gemeinsam mit dem Pioniersoldaten Vsevolod K., dem Skipper Yurii T. und den zivilen Tauchern Valeria C., Vladimir Z., Oleksandr Y. sowie Levgen U. Dazu nutzte das Kommando laut Anklage die deutsche Segelyacht "Andromeda", die sie in Rostock-Warnemünde für knapp 12.000 Euro wochenlang gechartert hatten.

Die mit Zeitzündern versehenen Ladungen detonierten am 26. September 2022 und zerstörten die Röhren, durch die über Jahre ein großer Teil des russischen Gases nach Europa geströmt war. Serhii K., der nach Erkenntnissen der Ermittler zuletzt Kapitän in der ukrainischen Armee war, soll der Kommandeur des Sabotage-Trupps gewesen sein.

Die Staatsschützer von BKA und Bundespolizei haben in ihren jahrelangen Ermittlungen eine dichte Beweislage gegen den Angeklagten K. schaffen können. So führten zunächst Fotos von Touristen aus Ostsee-Häfen und Blitzer-Aufnahmen zu den Autos, mit denen das Sabotage-Team offenbar an die Küste gebracht und später wieder abgeholt worden war. Es war ein entscheidender Schritt.

Identifikation laut Ermittlern eindeutig

Daraufhin fragten die Beamten die Daten der Auto-Insassen ab, die in Polen nach Grenzkontrollen gespeichert worden waren. Zwar hatte die Reisegruppe falsche Pässe genutzt, Serhii K. etwa soll laut Anklage als "Serhii Kulinich" unterwegs gewesen sein. Doch der Scan des Ausweises zeigte ein Bild, auf dem die Ermittler Serhii K. ausmachen konnten. Die Identifikation sei so eindeutig, dass selbst ein eineiiger Zwilling von K. ausgeschlossen werden könne, heißt es dazu in der Anklage.

Darüber hinaus fanden die Ermittler laut Anklageschrift nach der Festnahme auf dem Handy von Serhii K. zahlreiche Daten, die belegen, dass er sich auffällig für Angriffe auf Anlagen der kritischen Infrastruktur interessiert hatte. Konkret suchte er im Internet wohl sogar nach spezifischen Informationen zur Ostsee und den Nord-Stream-Pipelines - Wassertiefen, Koordinaten, Wirtschaftszonen, technische Daten der Röhren.

Auch seine digitale Sportuhr der Marke "Garmin", ansonsten offenbar ein treuer Begleiter des Alltagslebens, zeichnete laut Anklage ausgerechnet in den September-Wochen 2022 keine Daten auf, als das Sabotage-Kommando auf der "Andromeda" in der Ostsee segelte.

Belastende Telefonate

Hinzu kamen im Fall von Serhii K. belastende Telefonate mit seiner Frau - aus der italienischen Haft heraus: K. war im Sommer 2025 in Rimini festgenommen worden, wo er mit seiner Familie Urlaub machte. In den abgehörten Gesprächen beklagte der Ex-Soldat etwa, dass er sich von der Ukraine und deren Präsidenten alleine gelassen fühle. Er habe sich mitnichten von seiner Einheit entfernt, "um etwas selbständig zu machen". Offenbar hatte Serhii K. den Eindruck, Kiew distanziere sich von der Operation.

Als ein Drahtzieher des Anschlags gilt laut Anklage der ehemalige ukrainische Geheimdienstoffizier Roman Tscherwinsky. Er bestreitet das. Die heikle Operation soll Insidern zufolge von dem damaligen ukrainischen Armeechef Walerij Saluschnyj abgesegnet worden sein. Auch Saluschnyj bestreitet das. Ob der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj informiert wurde, ist unklar. "Ich bin Präsident, und ich gebe entsprechende Befehle", hatte Selenskyj in der Vergangenheit gesagt. "Nichts dergleichen hat die Ukraine getan. Ich würde nie so handeln."

In der Anklage der Bundesanwaltschaft heißt es dazu: Es gebe genügend Belege, dass der Anschlag auf die Pipelines "im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine" begangen und von diesen "gesteuert" worden sei. Eine Beteiligung der Streitkräfte liege "nahe", heißt es.

Verteidiger sieht "keinen unmittelbar belastbaren Beweis"

Auch die Verteidigung beharrt darauf, dass Serhii K. "Offizier der ukrainischen Streitkräfte" sei, wie der Hamburger Rechtsanwalt Jens Meyer-Lohkamp auf Anfrage mitteilte. Das Gericht müsse daher auch prüfen, ob die Pipelines "angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine überhaupt noch hätten betrieben werden dürfen - und ob ein Vorgehen gegen sie gerechtfertigt gewesen sein könnte". Generell hätten die Ermittlungen aber "keinen unmittelbar belastbaren Beweis für eine Beteiligung unseres Mandanten erbracht", so Meyer-Lohkamp.

In Kroatien wurde im August ein weiterer Tatverdächtiger, der ukrainische Taucher Vladimir Z., festgenommen. Ende September entschied ein kroatisches Gericht, dass Z. nach Deutschland ausgeliefert werden kann. Der Anwalt des Ukrainers kündigte an, dagegen Rechtsmittel einlegen zu wollen. Vladimir Z. war offenbar nach Kroatien gereist, um als Berater an einem Hollywoodfilm über die Nord-Stream-Anschläge mitzuwirken, der dort gedreht wird.

Rechercheteam zur Sabotage der Nord-Stream-Pipelines

Zu Hintergründen der Sabotage der Nord-Stream-Pipelines recherchiert ein Team aus Journalistinnen und Journalisten von NDR, WDR, dem rbb-Magazin Kontraste, dem ARD-Hauptstadtstudio, SWR, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit gemeinsam.

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