Können sich KI-Systeme auf Haushaltsgeräten schon bald selbst replizieren?
Im Wohnzimmer zieht der Saugroboter seine Bahnen, das Licht wird über Sprachassistenten gedimmt, die Heizung lässt sich über das Smartphone regeln und der Fernseher verbindet sich im Internet mit dem Lieblings-Streamingdienst: All dies sind Beispiele für das "Internet der Dinge", bei dem vernetzte Elektrogeräte Daten austauschen und miteinander kommunizieren.
Wie aktuelle Marktstudien des Branchenverbands Bitkom zeigen, nutzt allein in Deutschland rund die Hälfte aller Haushalte solche oder ähnliche "Smart-Home-Anwendungen", Tendenz steigend.

KI-Würmer im Saugroboter?
Doch nun hat das KI-Unternehmen Anthropic einen Bericht herausgebracht, demzufolge sich schon bald KI-Schadsoftware in solch vernetzten Haushaltsgeräten einnisten, selbständig auf weitere Geräte kopieren und dort erneut aktiv werden könnte. Dafür wären dann womöglich keine teuren, leistungsstarken Supercomputer mehr nötig - möglicherweise reichen schon viele schlecht gesicherte Smart-TVs oder andere vernetzte Haushaltsgeräte.
Computerviren, die sich von einem Rechner zum nächsten kopieren, gibt es bereits seit Jahrzehnten - sie werden auch Würmer genannt und folgen einem fest programmierten Ablauf. Sie nutzen bekannte Sicherheitslücken oder schwach geschützte Zugänge. Werden die entsprechenden Schwachstellen jedoch behoben oder fehlen geeignete Angriffsmöglichkeiten, kann sich ein Wurm nicht mehr ohne Weiteres weiterverbreiten.
KI-Wettrüsten: Panikmache oder reale Gefahr?
KI-Würmer wären deutlich komplexer und potentiell deutlich schädlicher: sie könnten selbstständig Probleme lösen und sich an unterschiedliche Geräte anpassen. Dafür müssten sie etwa mit einem anderen Betriebssystem oder knappem Arbeitsspeicher zurechtkommen. Sie müssten auch selbst herausfinden, wie sie auf anderen Geräten funktionieren, oder wie sie neue Sicherheitsupdates identifizieren und umgehen könnten.
Verbreitung per Fernseher
Die Forschenden von Anthropic untersuchten, ob sich KI-Modelle auch auf vergleichsweise günstiger Hardware betreiben lassen. In einem Experiment verteilten sie ein KI-Modell auf 15 preiswerte Android-TV-Boxen. Jedes Gerät übernahm dabei einen Teil der Berechnungen. Damit zeigten sie, dass sich bestimmte KI-Anwendungen auch ohne ein großes Rechenzentrum ausführen lassen.
In einer kontrollierten Testumgebung errichteten sie acht weitere simulierte Android-Geräte. Das KI-Modell war in der Lage, sich in einem dieser Geräte einzunisten, sich von dort aus selbst zu vervielfältigen und weitere Geräte zu infizieren. In vier von fünf Versuchen erreichte es alle acht Zielobjekte, im übrigen Versuch sieben von acht.

Würde ein solches KI-Modell mit entsprechender Schadsoftware bestückt, könnte es sich relativ schnell auch auf bislang unbekannte Umgebungen einstellen und dort Prozesse und Abläufe stören. Es könnte lernen, diverse Schutzmaßnahmen zu umgehen, anstatt nur eine festgelegte Schwachstelle auszunutzen. Nach Ansicht der Anthropic-Entwickler könnte ein solcher "KI-Wurm" für die Einrichtung auf einem neuen, ihm bisher unbekannten Gerät ungefähr ein bis zwei Tage benötigen.
Ein Bot-Netz aus Haushaltsgeräten?
Besonders problematisch dabei ist, dass die KI die verschiedenen infizierten Geräte zu einem großen Bot-Netz zusammenschließen könnte. Ein einzelnes infiziertes Gerät besitzt nur wenig Rechenleistung, je mehr Geräte jedoch befallen sind, umso schneller könnte sich der KI-Wurm weiterverbreiten. Die Schadsoftware wäre nicht mehr auf einen zentralen Server angewiesen, den man einfach abschalten könnte.
Außerdem könnte sie dabei womöglich auch noch stetig hinzulernen. Ein Übergreifen auf gänzlich andere Typen von Elektrogeräten mit sich deutlich unterscheidender Software wäre durchaus denkbar. Infizierte Geräte ließen sich zwar vom Netzwerk trennen, Sicherheitslücken könnten auch weiterhin geschlossen werden. Dennoch wäre eine solche KI-Schadsoftware durch ihre dezentrale Struktur nur schwer wieder einzudämmen. Anthropic selbst vergleicht eine solche mögliche Entwicklung mit einem langsam wachsenden digitalen Schleimpilz.
KI in Deutschland - Chance oder Albtraum?
Zwar hatten die Forscher bei Anthropic den Zugang zu den Testgeräten absichtlich sehr einfach und ohne größere digitale Schutzmaßnahmen gestaltet. Dennoch glaubt das Unternehmen, kleinere KI-Modelle könnten womöglich noch in diesem Jahr das notwendige Leistungsniveau erreichen, um sich auch in der realen Welt zu verbreiten.
Aufgeheizte Kühlsysteme
Wie gravierend die Folgen eines Cyberangriffs auf vernetzte Steuerungssysteme bereits sein können, zeigt ein Vorfall in Frankreich. In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 2026 manipulierten Angreifer die Kühl- und Gefriersysteme zahlreicher Supermärkte. In den betroffenen Anlagen stiegen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad Celsius. Lebensmittel verdarben, vereinzelt kam es auch zu Bränden und technischen Schäden.

Frankreichs Cybersicherheitsbehörde CERT-FR bestätigte zunächst zahlreiche befallene Fernsteuerungen des dänischen Herstellers Danfoss. Später wurde die Warnung auf Systeme weiterer Hersteller ausgeweitet. Die Ermittlungen zu den Hintergründen des Angriffs dauern an.
Moderne Supermärkte überwachen und steuern ihre Kühlanlagen über digitale Regler. Wartungsfirmen können aus der Ferne auf diese Systeme zugreifen, um etwa die Temperaturen zu kontrollieren. Allerdings soll die Schutzsoftware teilweise veraltet gewesen sein, möglicherweise nutzten die Angreifer dies als Einfallstor für ihre Cyberattacke.
Neue Dimension für Cyberangriffe?
Noch ist unklar, wer hinter den Angriffen in Frankreich steckt und welche konkreten Motive die Täter hatten. Bislang gibt es auch keine Belege dafür, dass bei den Angriffen auf die französischen Kühlanlagen ein sich selbst vervielfältigender KI-Wurm zum Einsatz kam. Die jüngsten Untersuchungen von Anthropic zeigen jedoch, wie sehr und mit welch schwerwiegenden Folgen KI die Entwicklung von Schadsoftware erleichtern und so auch ohne große Rechenleistung Angriffe auf vernetzte Geräte ermöglichen könnte.
Aus Sorge vor weiteren Angriffen empfahl Frankreichs Behörde für Cybersicherheit allen Firmen, ihre vernetzten Geräte regelmäßig zu aktualisieren, notwendige Sicherheitsupdates unbedingt einzuspielen und unnötige Internetzugänge lieber gleich ganz zu deaktivieren.
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