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Monday, October 19, 2026

Apps sollen gegen Depressionen helfen – was digitale Therapien leisten können

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Jeden Freitag nach dem Kickboxtraining setzt sich Miriam für ein bis zwei Stunden an den Bildschirm. Sie nutzt ein digitales Programm gegen Depressionen und schreibt Gedanken und Übungen in ein eigenes Heft. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Entspannungsübungen und Anregungen, belastende Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Der Weg dorthin war mühsam. Miriam berichtet, dass sie trotz starker Selbstzweifel, häufigen Weinens und körperlicher Beschwerden lange weiter zur Arbeit ging. Als sie Hilfe suchte, erhielt sie zwar ein psychotherapeutisches Erstgespräch, aber keinen Behandlungsplatz. Über ihre Krankenkasse stieß sie schließlich auf das digitale Angebot Deprexis. Nach einem psychologischen Gespräch wurde es für sie freigeschaltet.

Das Programm Deprexis ist eine von mehreren digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA, die die Therapie bei Depressionen und Ähnlichem unterstützen soll. Solche im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelisteten Anwendungen können ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet werden; für gesetzlich Versicherte übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Sie sind nicht mit beliebigen Wellness- oder Selbsthilfe-Apps gleichzusetzen. Allerdings zeigt eine Übersichtsarbeit, dass selbst wissenschaftlich geprüfte Mental-Health-Apps häufig nach einiger Zeit wieder vom Markt verschwinden – ein Wirksamkeitsnachweis garantiert also keine dauerhafte Verfügbarkeit.

Nach Angaben des Herstellers GAIA führt Deprexis durch vorgegebene Dialoge, die sich je nach ausgewählter Antwort unterschiedlich fortsetzen. Inhalte sind unter anderem der Aufbau von Aktivitäten, der Umgang mit belastenden Gedanken, Entspannung und Problemlösen. Miriam schätzte, dass sie das Programm in ihrem eigenen Tempo nutzen konnte. Anders als bei einem festen Therapietermin konnte sie pausieren, nachdenken und Übungen später wiederholen.

Ob ein digitales Angebot passt, hängt aber nicht nur von seiner Verfügbarkeit ab. Wer sich in den Antwortmöglichkeiten nicht wiederfindet oder während einer depressiven Phase kaum Kraft hat, das Programm zu öffnen, braucht möglicherweise andere oder zusätzliche Unterstützung. Die Nationale VersorgungsLeitlinie (PDF) empfiehlt evidenzbasierte Online-Programme nach fachgerechter Diagnostik und Indikationsstellung: bei leichten Depressionen eingebettet in ein therapeutisches Gesamtkonzept, bei mittelschweren ergänzend oder als Alternative, wenn Betroffene Psychotherapie und Antidepressiva ablehnen. Sie empfiehlt außerdem therapeutische Begleitung und regelmäßige Prüfung, ob die Anwendung genutzt wird und hilft.

Der Psychotherapieforscher Thomas Berger von der Universität Bern sieht in digitalen Programmen mehr als eine Möglichkeit, Wartezeiten zu überbrücken. Sie könnten auch zwischen persönlichen Therapiesitzungen helfen, Übungen in den Alltag zu übertragen. Entscheidend sei nicht, möglichst lange vor dem Bildschirm zu sitzen, sondern das Gelernte anzuwenden, betont Berger in einem Pressegespräch von GAIA.

Dass DiGAs primär ein Angebot für technikaffine Jugendliche seien, stimme so nicht. Bislang sind DiGAs bei Depressionen ohnehin erst für Erwachsene ab 18 Jahren zugelassen. Studien zeigen laut Berger, dass ältere Patientinnen und Patienten oft gleichermaßen oder sogar besser von strukturierten Programmen profitieren, während Jugendliche häufig ganz andere mediale Erwartungen an Apps haben.

Miriams Erfahrung zeigt zugleich, warum einzelne Erfolgsgeschichten vorsichtig einzuordnen sind. Sie berichtet, dass es ihr heute besser gehe. Neben dem Programm hat sich aber auch ihre Arbeitssituation geändert: Sie sprach mit ihrem Vorgesetzten, arbeitet häufiger zu Hause und kann sich bei Überforderung kurz zurückziehen. Zudem war Sport ein wichtiger Anker – ein Aspekt, den auch Fachleute unterstreichen: Verhaltensaktivierung und regelmäßige Bewegung gelten in der Psychotherapie als wirksame Bausteine gegen depressive Rückzugsmuster.

Wie repräsentativ solche positiven Verläufe für den Versorgungsalltag sind, bleibt allerdings schwer zu überprüfen: Auf Nachfrage heise onlines, wie hoch die tatsächliche Abbruch- bzw. Non-Adhärenz-Quote von Deprexis im realen GKV-Alltag außerhalb kontrollierter Studienbedingungen ausfällt und wie viele PKV-Versicherte das Werkzeug nutzen, wiegelt Hersteller GAIA ab: Er bittet um Verständnis dafür, dazu keine Auskunft zu geben.

Eine entscheidende Frage lautet: Wo stößt eine Software an ihre Grenzen, wenn Betroffene in lebensbedrohliche Krisen geraten oder suizidale Gedanken äußern?

Wie sensibel das Vorgehen bei Suizidgedanken sein muss, beschreibt die Psychologin Nina Meyer-Blankenburg von der Plattform OpenUp, die das mentale Wohlbefinden steigern soll: „Wenn mir jemand im Gespräch von Suizidgedanken erzählt, hat das für mich oberste Priorität. Ich spreche das Thema offen und zugewandt an, denn es braucht Mut, solche Gedanken zu teilen.“ In der menschlichen Begleitung gehe es darum, zu verstehen, wann die Gedanken auftauchen und wie intensiv sie sind: „Als Nächstes geht es zuerst um die Sicherheit der Person, dann darum, was ihr in akuten Momenten hilft, und langfristig um die Ursachen.“

Eine solche therapeutische Beziehungsarbeit kann Software nicht leisten. Zertifizierte DiGAs wie Deprexis sind als Medizinprodukte streng reguliert und arbeiten mit definierten, klinisch geprüften Pfaden. Bei schwersten Depressionen mit akuter Selbstgefährdung sind reine Selbsthilfeprogramme nicht als alleinige Therapie vorgesehen. Bei akuter Suizidalität darf Deprexis laut Gebrauchsanweisung als Kontraindikation (ICD-10-GM: R45.8) gar nicht erst verordnet werden.

Gibt eine Person im integrierten Depressionsfragebogen dennoch Suizidgedanken an, reagiert das System nach Angaben von GAIA mit einem Notfall-Hinweis, der rund um die Uhr erreichbare Stellen wie den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge anzeigt. Eine automatische Benachrichtigung der behandelnden Ärzte oder Therapeuten erfolgt dabei bewusst nicht: Da Nachrichten nachts oder am Wochenende oft erst Tage später gelesen würden, zähle in einer akuten Krise nur, dass Betroffene ohne Zeitverlust sofort erreichbare Notfallhilfe kontaktieren.

Ganz anders stellt sich das Problem bei frei agierenden KI-Sprachmodellen dar. Psychologinnen und Psychologen schlagen bereits Alarm und warnen eindringlich vor Suizidgesprächen mit ChatGPT und Co. Zwar experimentieren Entwickler wie HelloBetter bei ihrem Chatbot Ello mit automatischen „Sicherheitsagenten“, die bei Anzeichen einer Krise intervenieren und an Menschen verweisen. Eine aktuelle Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt, dass zwei Drittel junger Menschen schon einmal mit KI-Chatbots über psychische Probleme gesprochen haben – Fachleute warnen jedoch davor, solche Gespräche als Ersatz für eine Therapie zu betrachten. Doch herkömmliche, ungeprüfte Chatbots als Gesprächstherapeuten neigen zum „Halluzinieren“ und spiegeln Nutzereingaben oft unkritisch.

Stan Sugarman, Chief Commercial Officer bei GAIA, mahnt deshalb: „Die aktuellen Warnungen vor Suizidgesprächen mit KI beziehungsweise frei generierenden Sprachmodellen wie ChatGPT sollten aus unserer Sicht sehr ernst genommen werden, denn der Output solcher Modelle beruht auf statistischen Wahrscheinlichkeiten aus potenziell unzuverlässigen Internetdaten. Was ein solches Modell im Einzelfall antwortet, lässt sich nicht sicher vorhersagen. In der Therapie, und erst recht bei Suizidgedanken, ist das ein ernstes Sicherheitsproblem: Eine einzige unpassende Antwort kann einem Menschen in der Krise massiv schaden.“

Gleichzeitig warnt Meyer-Blankenburg vor reflexhafter Ablehnung: „KI pauschal als Gefahr darzustellen, greift zu kurz. Richtig ist aber: Wer KI-Tools anbietet, trägt besondere Verantwortung.“ Solche Werkzeuge müssten fortlaufend auf ihre Sicherheit überprüft und in ihren Antworten gezielt optimiert werden, um Menschen in Krisen tatsächlich unterstützen zu können.

Nicht jeder digitale Dialog ist ein frei formulierender KI-Chatbot. Nach Darstellung GAIAs arbeitet Deprexis mit vorab entwickelten therapeutischen Dialogpfaden, die sich anhand der Nutzereingaben verzweigen. Generative KI könnte solche Angebote künftig verändern. Der KI-Chatbot Ello von HelloBetter soll beispielsweise belastende Denkmuster hinterfragen, statt Nutzenden lediglich zuzustimmen. Der Anbieter positioniert Ello allerdings als Angebot für das seelische Wohlbefinden, nicht als DiGA zur Behandlung einer diagnostizierten Depression. Ob und wie generative Chatbots in der Depressionstherapie verlässlich helfen können, ist damit noch offen.

Neben den therapeutischen Grenzen stellt sich bei all diesen digitalen Angeboten die Frage nach dem Schutz hochsensibler Daten. Wer digitale Gesundheitshelfer nutzt, muss sich darüber im Klaren sein, dass kein IT-System eine absolute Garantie gegen Cyberangriffe bietet. Zwar unterliegen zertifizierte DiGAs strengen Sicherheitsvorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und des BfArM. Doch die größte Verwundbarkeit liegt oft gar nicht in der eigentlichen Therapie-Software selbst, sondern in peripheren Systemen – etwa bei nachgelagerten Datenbanken zur Nutzerverwaltung, Kundensupportsystemen oder Business-Intelligence-Werkzeugen zur statistischen Auswertung.

Wie heikel das ist, zeigte jüngst eine von HelloBetter gemeldete Datenpanne nach einem IT-Angriff: Täter drangen dort nicht primär in die DiGA-Apps ein, sondern erlangten Zugriff auf ein internes Business-Intelligence-System zur Datenauswertung. Betroffen waren neben Kontakt- und Stammdaten auch Fragebogenantworten, Verlaufsdaten und Freitexte aus Tagebuchfunktionen. Das Unternehmen konnte nicht ausschließen, dass sensible Daten für die Angreifer im Klartext lesbar waren. Eine Anfrage an HelloBetter ist bisher unbeantwortet.

Bei spezialisierten Anwendungen ist schon der bloße Nachweis einer Nutzung kritisch. Wer in einer Nutzerdatenbank für ein bestimmtes Depressions- oder Panik-Tool auftaucht, offenbart damit unfreiwillig seine potenzielle Diagnose. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Der Vorteil des schnellen, ortsunabhängigen Zugriffs auf digitale Therapien erfordert von den Herstellern ein Höchstmaß an IT-Sicherheit und von den Nutzern das Bewusstsein, welche sensiblen Daten sie dem Anbieter anvertrauen.

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