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Sunday, October 4, 2026

Labil, naiv oder einsam?: Sektenanfällig - ich doch nicht!

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Es gibt auch Wege, wieder aus einer Sekte herauszufinden. (Foto: picture-alliance / dpa)

Wer in einer sogenannten Sekte oder problematischen Gemeinschaft landet, war schon vorher labil, naiv oder einsam - so denken viele. Aber das stimmt nicht. Die Forschung zeigt ein anderes Bild. Der Charakter ist weniger entscheidend. Viel wichtiger sind die Umstände, unter denen man mit einer solchen Gruppe in Kontakt kommt.

Wir kennen es alle: In der Fußgängerzone stehen zwischen Bäckerei und Handyladen Klapptische, darauf Broschüren und ein Stapel Fragebögen. "Kostenloser Persönlichkeitstest" oder "Stresstest" steht auf dem Aufsteller. Eine freundliche Frau spricht Passanten an, ob sie kurz Zeit hätten. Es dauere nicht lange, und man erfahre etwas über sich selbst. Wer will das nicht?

Der Test hat 200 Fragen. Schlafen Sie gut? Werden Sie leicht verlegen? Bereuen Sie Dinge, die Sie gesagt haben? Ein paar Tage später gibt es eine Auswertung im Gespräch, und erstaunlich viele Menschen erfahren dort, dass sie zwar Potenzial haben, aber etwas sie zurückhält. Und, wie der Autor dieser Zeilen schon selbst (probeweise!) erfahren hat: Zufällig gibt es genau dafür einen Kurs. Der Fragebogen heißt "Oxford Capacity Analysis", mit der Universität Oxford hat er nichts zu tun. Seit Jahrzehnten ist er eines der bekanntesten Werbeinstrumente der "Scientology-Kirche".

Die Legende vom "Sektentyp"

Gibt es bestimmte Charaktereigenschaften, die Menschen besonders anfällig für Anwerbeversuche von problematischen Gruppen machen, die wir im Allgemeinen als "Sekten" bezeichnen? Viele glauben: ja. Und diese Vorstellung wäre auch recht beruhigend, denn dann würde für die meisten gelten: Mir passiert so etwas nicht! Es sind eher leichtgläubige oder labile Menschen mit schwieriger Kindheit oder wenig Bildung. Alle anderen sind sicher.

Diese Annahme hält sich hartnäckig - und sie ist inzwischen widerlegt worden. Schon 1998 kam die Enquete-Kommission des Bundestages zu "sogenannten Sekten und Psychogruppen" zu einem anderen Ergebnis: Menschen, die sich solchen Gruppen zuwenden, seien keine "passiven Opfer", heißt es da. Sie brächten vielmehr bestimmte Bedürfnissen, Wünsche oder Lebensprobleme mit, für die eine Gemeinschaft ein passendes Angebot habe. Entsprechend bezeichnet man dieses religionspsychologische Konzept als "Passung". Ob jemand einsteigt, bleibt oder geht, entscheide weniger der Charakter einer Person als vielmehr die Qualität der "Passung" zwischen den Erwartungen der Suchenden und dem, was die Gruppe anbietet.

Und auch eine andere Legende ist schon lange widerlegt, auch wenn sie sich hartnäckig hält. Die nämlich, es gebe eine Art von "Gehirnwäsche", der sich niemand entziehen könne. Beispielsweise hat die britische Religionssoziologin Eileen Barker Ende der 1970er Jahre die Mun-Bewegung untersucht, die damals als Inbegriff manipulativer Anwerbung galt. Ihr Befund: Von denen, die an einem zweitägigen Einführungsworkshop teilnahmen, blieben weniger als ein Viertel länger als eine Woche. Nach einem Jahr waren noch etwa fünf Prozent dabei – nur ein kleiner Teil also. Keine Spur von wirksamer Gehirnwäsche.

Das heißt: Es fallen nicht nur labile oder leichtgläubige Menschen auf sogenannte Sekten herein, und wer einmal drin ist, ist nicht automatisch für immer verloren. Wie so oft ist die Realität weitaus komplexer.

Der richtige Moment und das richtige Angebot

Nennen wir unsere Protagonistin Lena. Sie ist 27, hat ein abgeschlossenes Studium und ist gerade für den ersten richtigen Job in eine fremde Stadt gezogen. Ihre Beziehung ist kurz vorher zerbrochen, und die Freundinnen sind Hunderte Kilometer weit weg. Abends sitzt sie in ihrer neuen Wohnung. Eine freundliche Kollegin lädt sie zu einem Abend mit "ein paar netten Leuten" ein. Dort wird gekocht, gelacht und geredet, auch über die großen Fragen. Lena geht wieder hin, weil es ihr guttut.

Es ist kein Zufall, dass sie sich dort so schnell aufgehoben fühlt. Man merkt sich ihren Namen, fragt nach dem neuen Job, schreibt am nächsten Tag, wie schön es war, dass sie da war. Zum ersten Mal seit dem Umzug interessiert sich jemand für sie. Und die Zuwendung ist nicht gespielt, die meisten meinen sie ernst. Aber sie hat zugleich auch System. In manchen Gruppen ist genau diese Aufmerksamkeit für Neue mitunter sogar ausdrücklich angewiesen.

So oder ähnlich sieht der Beginn eines Einstiegs in eine problematische Gemeinschaft viel häufiger aus. Es ist keine Frage des Typs oder Charakters– es ist eine Frage der Umstände, die zusammenkommen: eine neue, spannende Lebensphase oder vielleicht ein tiefgreifender Einschnitt, dann eine persönliche Bindung zu Mitgliedern. Schrittweise verändern sich die Lebensschwerpunkte, die bisherigen Bindungen und Beziehungen werden schwächer. Die Übernahme "problematischer" Überzeugungen sind dabei oft eher Nebenprodukt und spielen vielleicht anfangs gar keine große Rolle. Man tritt selten unmittelbar einer Weltanschauung bei – man verbringt eher Zeit mit Menschen, die man mag.

Dazu kommt oft noch etwas ganz Banales, das Soziologen als "strukturelle Verfügbarkeit" bezeichnen: Wer wenig Verpflichtungen hat, weil Partner, Kinder, fester Freundeskreis fehlen oder der Kalender nicht so voll ist, hat schlicht Zeit, Neues zu entdecken.. Deshalb sind Umbruchphasen so heikel. Studienbeginn, Umzug, Trennung, Jobverlust, Trauer oder die Zeit nach einer Krankheit. Zeiten, in denen man sich neu orientiert, sind Momente, in denen die Anfälligkeit steigt, in sogenannte Sekten zu geraten. Denn das Interessante ist, dass das, was eine solche Gruppe in diesen Phasen bietet, zunächst ja tatsächlich hilft. Da gibt es oft Orientierung, Gemeinschaft, Ankerpunkte im Alltag und einen Halt.

Und nein, das sind nicht die Sehnsüchte von labilen oder schwachen Menschen. Im Gegenteil – es sind Sehnsüchte und Bedürfnisse, die wir alle haben. Und die von unserem Umfeld in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich gut oder schlecht erfüllt werden. Und Feldstudien zeigen schon lange, dass Mitglieder in sogenannten Sekten keineswegs diesem Klischee entsprechen – sie sind oft gut gebildet, idealistisch, loyal und engagiert. Sie wollen etwas bewegen, die Welt zum Guten verändern.

Wenn es nicht mehr passt

Spannend auch in der Bewertung problematischer Gruppen wird es hauptsächlich dann, wenn die "Passung" nicht mehr da ist: Wenn sich die Lebenssituation einer Person ändert. Marktwirtschaftlich gesprochen: Wenn das Angebot der Gruppe nicht mehr zum Bedürfnis der Person passt. Wie geht die Gruppe dann damit um?

Kommt es hier zu außergewöhnlichen Konflikten oder zu dem Versuch, eine Person auf Biegen und Brechen in der Gruppe zu halten, dann können das Alarmzeichen für eine ungute Gruppendynamik sein. Je nach Weltbild können die psychischen Belastungen in solchen Situationen enorm sein – die Angst vor ewigem Höllenfeuer oder anderen göttlichen Strafen belasten AussteigerInnen oft noch Jahre, nachdem sie sich von einer Gruppe gelöst haben - je nachdem, wie tief sie involviert waren.

Fragen, die man sich stellen sollte

Ist also jeder anfällig? Im Prinzip lautet die Antwort hier: ja. Es gibt keinen "typischen Sektenanhänger", und gerade die Ansicht "mir kann das auf keinen Fall passieren" ist ein gefährlicher Satz. Wenn Lebenslage und Angebote in einem bestimmten Moment zusammenpassen, ist niemand davor gefeit, mit einer problematischen Gruppe näher in Kontakt zu kommen.

Diese Perspektive entlastet vor allem solche Menschen, die in einer sogenannten Sekte waren: Diese Menschen haben nicht "versagt". Sie waren vielleicht einfach zur falschen Zeit offen für etwas, das letztlich nicht gut für ihn oder sie war. Und sie sind dabei an eine Gruppe geraten, die das geschickt auszunutzen wusste.

Andererseits gibt es natürlich Mechanismen, die in gewisser Hinsicht immunisieren. Dazu gehört insbesondere der regelmäßige kritische (und vor allem ehrliche) Austausch mit Menschen, die einem nahestehen. Und es gibt Fragen, die man sich selbst immer wieder stellen kann, wenn man in eine Gruppe kommt, bei der man nicht ganz sicher ist: Darf ich hier widersprechen? Darf ich Zweifel haben, ohne dass man mir erklärt, die Zweifel seien problematisch? Und vielleicht die wichtigste: Gibt es in meinem Leben noch Menschen, die mit alldem nichts zu tun haben - und höre ich noch auf sie? Wenn nicht, dann ist das vielleicht ein Problem.

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