30 Jahre Krankenhaus-IT: Zwischen Digitalstrategie, Epic-Debatte und Faxgerät
Mit einem ironischen Seitenhieb auf die Systemarchitektur des deutschen Gesundheitswesens eröffnete Dr. Peter Gocke, Leiter der Stabsstelle Digitale Transformation am Berliner Universitätskrankenhaus Charité, seinen Vortrag auf der Jubiläumsveranstaltung des KH-IT-Verbandes. Getreu dem Motto „wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen“, müsse auf jeden Fall jemand Visionen gehabt haben, als er dieses System entwickelte.
Die Komplexität sei erdrückend, auch weil Regulierung über Bund, Länder und Selbstverwaltung laufe – und 16 unterschiedliche Landesdatenschutzbehörden. Das System sei über die Jahre nur komplizierter geworden. Komplexität sei „ein deutlicher Hinderungsgrund“ für digitale Informationsverarbeitung. An der heutigen elektronischen Patientenakte (ePA) kritisierte er, dass die Nutzerführung mäßig sei und die Funktionalität oft nicht das biete, was man tatsächlich brauche.
Die Charité hat laut Gocke ab 2019 in der Stabsstelle eine eigene Digitalstrategie erarbeitet, die 2020 verabschiedet wurde und bis 2030 läuft. Derzeit werde sie überarbeitet. Sie leitet sich aus sieben Treibern ab, darunter demografischer Wandel, steigende Erkrankungshäufigkeit der alternden Bevölkerung und Fachkräftemangel. Die Babyboomer verließen jetzt den Arbeitsmarkt, fehlten daher als Personal und kämen in einigen Jahren als Patienten zurück, so Gocke.
TI-Anbindung: Hohe Hürden, sparsame Schnittstellen
Wie aufwendig die Anbindung an die Telematikinfrastruktur für ein Haus dieser Größe ist, schilderte Gocke am Beispiel der Konnektoren: Die Technik sei rund 20 Jahre alt und für den Praxisbetrieb konzipiert worden, nicht für Krankenhäuser. Die Hürden seien entsprechend hoch gewesen. Am Ende habe die Charité ein weiteres System einführen müssen – genau das, was er habe vermeiden wollen.
Diesen Befund teilt auch die Betreiberseite, wie Gematik-Geschäftsführer Dr. Florian Hartge auf der Tagung deutlich machte. Die Architektur stamme noch aus den 2000er-Jahren: ein geschlossenes Netz mit Konnektoren, Kartenlesegeräten und kartenbasierten Identitäten. Allein für das Einstellen eines E-Rezepts seien 17 technische Schritte nötig. Mit TI 2.0 will die Gematik diese Kette auf drei bis vier Schritte verkürzen, Hardwarekomponenten überflüssig machen und bis 2029 alle Dienste umstellen.
Zur Steuerung setzt die Charité inzwischen auf OKR (Objectives and Key Results), erprobt unter anderem über ein Mitmachportal beim TI-Messenger. Das Ergebnis ist durchwachsen. Zentrale Lehre für Gocke: Es gibt klare Anweisungen, keine Funktionen einzubauen, die prozessual nicht hingehörten, und Sparsamkeit bei Schnittstellen zu wahren. Man müsse erst aus dem Prozess denken, anstatt sofort festzulegen, was die Technik leisten soll.
Herstellerübergreifende Tests mit anderen Universitätskliniken – unter anderem Mainz und Frankfurt – verliefen erfolgreich. Der TI-Messenger ersetze nicht nur den heimlich genutzten WhatsApp-Verkehr, sondern könne auch Metadaten verarbeiten. Screenshots funktionierten allerdings nicht, weshalb Bilder anders eingebunden werden müssten. Gocke bezeichnete sich als klarer Befürworter von TI-Messenger und ePA, und warb dafür, sich stärker einzubringen: „Beteiligen Sie sich an der Gematik, die suchen Leute aus dem Feld.“
Pflichten ab 2029 und Telemedizin-Bewertung
Mit Blick auf den European Health Data Space verwies Gocke auf verbindliche Fristen: KIS-Hersteller müssten ab 2029 bestimmte Funktionen wie elektronische Patientenkurzakte und Medikationsplan anbieten. Das sei eine Verpflichtung. Jeder Dateninhaber sei zudem verpflichtet, Mechanismen zu schaffen, damit Daten anonymisiert über Metadatenkataloge bereitgestellt werden.
Um bei Telemedizinprojekten den Überblick zu behalten, nutzt die Charité ein strukturiertes Bewertungsraster: Gibt es ein klar beschriebenes Problem? Existieren Workflows und Ressourcen? Über welche Kanäle wird das Angebot bekannt gemacht? Und rechnet es sich? Viele Projekte seien fachlich überzeugend, scheiterten aber an der Anschlussfinanzierung nach Ende der Förderung, etwa aus Innovationsfondsprojekten des G-BA.
KI: Eigenes System aus Kosten- und Datenschutzgründen
„Kein Vortrag ohne KI“, leitete Gocke über. Die gesammelten Projekte zeigten jedoch ein bekanntes Muster: viel Radiologie, viel Dokumentenverarbeitung und vor allem Projektitis, also kleinteilige Pilotprojekte ohne Skalierung in die Fläche.
Die Charité hat eine eigene Arbeitsgruppe gegründet – „nicht untypisch für die Charité“, wie Gocke selbstironisch anmerkte – und entschied sich für ein eigenes System. Ausschlaggebend waren Datenschutz und vor allem die Kosten: Schon bei einem Bruchteil der potenziellen Nutzer sei ein Abfragevolumen entstanden, das extern kaum finanzierbar gewesen wäre.
Ein Anwendungsfall ist die Prüfung interner SOPs (Standard Operating Procedure), etwa bei Kooperationsanfragen. Früher habe die Rechtsabteilung lange gebraucht, heute gehe das deutlich schneller. Nebeneffekt: Die hohe Ablehnungsquote habe offengelegt, dass zahlreiche SOPs schlicht abgelaufen waren. Wichtig sei ihm die Einordnung: „Das Ding handelt noch nicht.“ Handlungsfähige Agenten seien erst die zweite Stufe, dann vorzugsweise auf Basis des Archivsystems, wo die qualitativ besseren Daten gebündelt vorliegen.
Kritische Nachfragen: Wie passt Epic in die Strategie?
Eine Frage, die vermutlich fast alle Gäste im Kopf hatten: Wie passt das US-amerikanisches Krankenhausinformationssystem in eine Strategie, die auf Souveränität und offene Schnittstellen setzt?
Gocke verwies darauf, dass auch der US-Markt beispielsweise mit dem Netzwerk TEFCA (Trusted Exchange Framework and Common Agreement) zunehmend für einfacheren Datenaustausch sorge. Zugleich machte er klar, dass eine Systemeinführung dieser Größenordnung kein IT-Projekt allein sei: Eine dreistellige Zahl an Mitarbeitenden müsse benannt werden, um ein solches System zu konzipieren und einzuführen. Entscheidend seien nicht die IT-Kollegen, sondern jene, die das System später nutzen. Nur Technik bereitzustellen reiche nicht.
Nach einer Gesetzesänderung darf die Charité bis 2035 Kredite von bis zu 400 Millionen Euro aufnehmen; allein die Epic-Einführung ist mit rund 200 Millionen Euro veranschlagt. Auslöser war der angekündigte Rückzug von SAP aus dem KIS-Markt. Epic gilt als „monolithic stack“. Gegenmodell sind offene Plattformen auf Basis von Standards wie openEHR: flexibler und interoperabler, aber mit deutlich höherem Koordinationsaufwand. Eine solche Umstellung kann Experten zufolge konfliktreich verlaufen.
Gefragt wurde Gocke außerdem, woher die strukturierten Daten künftig kommen sollen — aus einem neuen System oder aus den bestehenden? Gocke verwies auf ein an die Medizininformatik-Initiative angelehntes Datenintegrationszentrum mit zentralem klinischem Datenspeicher (Clinical Data Repository) und Terminologieserver, das die Charité bereits betreibe und weiter ausbaue. Ein solches eigenes, unabhängiges Zentrum brauche das Krankenhaus ohnehin, samt vorgelagerter Datenstrategie, denn auch mit Epic seien nicht alle Probleme gelöst. Das System erleichtere vieles, doch semantischer Abgleich sei in vielen Fällen leichter gesagt als getan.
Die Charité engagiere sich deshalb in einer Gruppe von elf Universitätskliniken, um Annotationsfragen gemeinsam zu klären. Ziel sei, die Datentrennung zwischen Versorgung und Forschung aufzuheben, da doppelte Datenhaltung und doppelte Kuratierung vermieden werden müssten. Aus dem Publikum kam zudem die grundsätzliche Frage, wie lange sich Kliniken das Wachstum ihrer Systemlandschaft noch leisten könnten. Gockes Antwort fiel eindeutig aus: „Das wilde Wachstum können wir uns nicht leisten.“ Früher geduldete Systeme würden nach und nach abgeschaltet, auch wenn ihre Alternativen nicht immer alle Erwartungen erfüllten.
Und schließlich kam die Frage, die auf der Tagung fast schon Running Gag war: Wie wird bei all der Komplexität eigentlich gedruckt? Über ein zentral gemanagtes, verteiltes System mit Sicherheitsschicht, so Gocke und „zunehmend ungern“. Besonders Rezepte auf Nadeldruckern seien ein Ärgernis: „Ja, wir drucken noch, zur Freude unseres Dienstleisters, der die Drucker bereitstellt.“
Zur Rollenverschiebung merkte Gocke an, dass völlig neue Funktionen entstünden, etwa ein Documentation Lead, der zentral festlegt, welche Formulare genutzt und wie dokumentiert wird. Die größte Illusion sei, mit dem Go-live sei es getan: Die eigentliche Herausforderung beginne danach.
Auf Nachfrage von KH-IT-Chef Andreas Lockau, ob sich ein Blick in die Digitalstrategie des Bundesgesundheitsministeriums lohne, antwortete Gocke: Sie sei erfreulich konkret und von 2023 bis 2026 konstant geblieben. Entscheidend sei jedoch: „Wir müssen überlegen, wohin die Gesetze uns drücken.“ Kleinere Häuser, so seine Beobachtung, bekämen manches sogar schneller hin als große.
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