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Friday, November 6, 2026

Bunte Vapes auf Tiktok: «Baller-Liquids können tödlich sein»

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  • Sogenannte Baller-Liquids mit synthetischen Cannabinoiden sind in der Schweiz angekommen, erste Fälle gab es in Zürich und St. Gallen.
  • Laut Experte Matthias Humm wirken die Stoffe um ein Vielfaches stärker als THC und können tödlich sein.
  • Jugendliche sind besonders gefährdet, weil Vapes als harmlos gelten und die Produkte über Social Media leicht erhältlich sind.
  • Humm fordert ehrliche, sachliche Aufklärung statt Abschreckung.

Sogenannte Baller-Liquids mit synthetischem Cannabinoid sind längst in der Schweiz angekommen – erste Fälle sind bereits in St. Gallen und Zürich aufgetreten. Die Folgen: starke Euphorie oder Betäubung. Aber auch: plötzliches Wegtreten, Herzrasen, Erbrechen, Angstattacken oder ein Kreislaufkollaps, der tödlich enden kann.

«Aus Sicht der Prävention ist das ein sehr bedenklicher Trend», sagt Matthias Humm. Er war früher Sozialarbeiter bei der Jugendberatung Streetwork Zürich. Heute ist er Präsident des Zürcher Vereins Swiss Cannabis Research. «Es herrscht viel Unklarheit bei Jugendlichen darüber, was in diesen Produkten eigentlich drin ist.»

Er erklärt im Interview mit 20 Minuten, was synthetische Cannabinoide sind, worin sie sich von normalem Marihuana unterscheiden und warum sie so riskant sind.

Wie verbreitet sind Baller-Liquids in der Schweiz tatsächlich?

Matthias Humm: Das weiss heute niemand genau. Die Polizei kennt erst wenige Fälle, die Dunkelziffer dürfte aber höher sein, weil längst nicht jeder Vorfall gemeldet wird und viele Konsumierende gar nicht wissen, was sie konsumiert haben. In Drug-Checking-Angeboten tauchen solche Stoffe in angeblichen THC- oder CBD-Liquids seit einigen Jahren immer wieder auf.

Neu sind synthetische Cannabinoide aber nicht: Zunächst wurden sie als sogenannte Legal Highs in Räuchermischungen wie «Spice» verkauft, ab etwa 2020 tauchten sie auf CBD-Blüten auf, falsch deklariert als THC-haltiges Cannabis. Heute finden sie sich auf Blüten, in Haschisch und eben auch in Vapes.

Welche Stoffe finden sich in der Regel in diesen Liquids und Vapes?

Synthetische Cannabinoide, also reine Chemikalien, die am selben Rezeptor wirken wie THC. Gefunden wurden etwa MDMB-4en-PINACA, ADB-BUTINACA oder ADB-BINACA. Diese Stoffe sind in der Schweiz verboten, in anderen Ländern teilweise aber noch nicht. Zudem bringen Hersteller immer wieder leicht veränderte Moleküle auf den Markt, die oft noch von keinem Verbot erfasst sind.

Weshalb sind synthetische Cannabinoide so gefährlich?

Sie wirken um ein Vielfaches stärker als THC. Während THC den Cannabinoid-Rezeptor nur teilweise aktiviert (Partialagonist), aktivieren ihn synthetische Cannabinoide voll (Vollagonisten). Schon kleinste Mengen können deshalb zu einer Überdosierung führen.

Weshalb ist die Wirkung oft so unberechenbar?

Niemand weiss, welcher Stoff in welcher Menge im Liquid steckt, nicht einmal der Verkäufer. Die Produkte sind oft als CBD oder THC deklariert. Wer glaubt, Cannabis zu konsumieren, rechnet nicht mit einer so starken Wirkung.

Welche akuten Beschwerden treten besonders häufig auf?

Herzrasen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, Angst- und Panikzustände sowie Verwirrtheit. In schweren Fällen kommt es zu Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder Psychosen. Synthetische Cannabinoide können – im Unterschied zu THC – auch tödlich sein: In Europa werden sie mit mehreren Dutzend Todesfällen in Verbindung gebracht.

Woran erkennen Eltern oder Lehrpersonen einen möglichen Notfall?

Wenn jemand nicht mehr ansprechbar ist, krampft, schlecht atmet, über Brustschmerzen oder starkes Herzrasen klagt oder völlig verwirrt ist. Dann sofort 144 rufen, die Person nicht allein lassen und dem Rettungsdienst sagen, was konsumiert wurde.

Matthias Humm ist Präsident des Zürcher Vereins Swiss Cannabis Research.

Matthias Humm ist Präsident des Zürcher Vereins Swiss Cannabis Research.Privat

Weshalb sind Jugendliche für diese Produkte besonders gefährdet?

Vapes gelten bei vielen als harmlos, und die bunten Fläschchen mit Fruchtaromen verstärken diesen Eindruck. Jugendliche haben wenig Erfahrung, um eine Wirkung einzuschätzen, und ihr Gehirn ist noch in Entwicklung. Zudem sind die Produkte leicht und günstig erhältlich, oft über Social Media, also genau dort, wo Jugendliche ohnehin unterwegs sind.

Welche konkrete Präventionsmassnahme schützt Jugendliche am wirksamsten?

Ehrliche, sachliche Aufklärung statt Abschreckung, ob im Elternhaus oder in der Schule. Dazu gehört auch, auf die grundsätzlichen Risiken des Schwarzmarkts hinzuweisen. Gerade bei Cannabis denken viele nicht daran, dass Produkte gestreckt, verunreinigt oder falsch deklariert sein können. Jugendliche müssen wissen: Ein «CBD», das high macht, ist kein CBD, und Vapes unbekannter Herkunft sind ein Risiko. Und sie brauchen eine Vertrauensperson, an die sie sich wenden können, ohne gleich Strafe fürchten zu müssen. Genau diesen Ansatz verfolgen wir mit Swiss Cannabis Research in unseren Präventionsworkshops an Berufsschulen und Gymnasien.

Für erwachsene Konsumierende sind regulierte Bezugsquellen mit geprüften Produkten, wie sie derzeit in den Pilotversuchen erprobt werden, ein wichtiger Schutz vor solchen Produkten.

Was hältst du von Baller-Liquids mit synthetischen Cannabinoiden?

Céline Trachsel

Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.

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