Atommüll-Endlager gesucht: Deutschlands schwierige Mission
Kaum ein politisches Problem ist so kompliziert wie die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle aus Kernkraftwerken. Das zeigt sich daran, dass die Frage in fast allen Ländern der Welt, in denen es Kernkraftwerke gibt oder gab, insgesamt 31 Staaten, bis heute weitgehend ungelöst ist. Und das, obwohl 1954 in Russland das erste große Atomkraftwerk ans Netz ging.
In Finnland ist nun erstmals weltweit ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll genehmigt worden. Es liegt 400 Meter tief unter der Erde, auf einer Insel im Westen des Landes, am Standort eines der beiden finnischen Kernkraftwerke. Rund 40 Jahre haben die Finnen an der Fertigstellung gearbeitet.
Deutschland sucht schon seit rund zehn Jahren
Doch in allen anderen Ländern, auch in Deutschland, besteht weiterhin ein Problem, das sich am besten mit einem Alltagsbild veranschaulichen lässt, das viele kennen: Der Müll steht bereits abholbereit auf der Straße vor dem Haus, doch die Müllabfuhr lässt auf sich warten. Denn es gibt keine Deponie, auf die sie ihn bringen könnte. Kein schöner Anblick. Aber in der Nähe einer solchen Deponie möchte schon gar niemand leben.

Genauso ist es auch in Deutschland, aber immerhin: Die extra dafür geschaffene "Bundesgesellschaft für Endlagerung" (BSE) sucht inzwischen seit fast zehn Jahren nach einem geeigneten Standort, wie in Finnland tief unter der Erde. Denn in einem Punkt sind sich die meisten Experten längst einig: Der Atommüll, vor allem die abgebrannten Brennelemente aus den Kernkraftwerken, die noch viele Tausend Jahre radioaktiv strahlen werden, muss unter die Erde.
Nur noch fünf Prozent der Landesfläche kommen in Frage
Deutschland hofft, bis 2050 einen Standort für ein Endlager gefunden zu haben. Das ist noch eine lange Zeit. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) will deshalb prüfen lassen, ob sich die Suche nicht deutlich beschleunigen lässt. Das ist zumindest ein Plan, und deshalb sagte der Sprecher des Umweltministers, Stephan Gabriel Haufe, am Mittwoch dieser Woche in der Bundespressekonferenz: "Russland, die USA, Großbritannien und Japan haben alle noch gar nicht so weit fortgeschrittene Verfahren, wie wir das haben. Finnland ist sicher das Land, das weltweit gesehen am schnellsten vorangeht. Aber Deutschland gehört mit zu der ersten Gruppe."
In dieser Woche gab die BSE bekannt: Nur noch fünf Prozent der Landesfläche in Deutschland kommen für ein Endlager in Frage, in elf der 16 Bundesländer (siehe Grafik). Die Gesellschaft spricht mit Geologen, Atomexperten und Physikern ebenso wie mit Bürgerinnen und Bürgern und Politikern. Klar ist dabei: Der Atommüll aus Jahrzehnten des Betriebs von Kernkraftwerken soll im Land bleiben und nicht ins Ausland exportiert werden.
Deutschland ist ausgestiegen aus der Atomkraft, der Müll ist geblieben
Zur Zeit lagert der Müll an den Standorten der Anlagen. Unter ihnen sind die 19 einstigen Kernkraftwerke, die sich im Rückbau befinden, dazu kommen noch etwa Forschungsanlagen. 2011, nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima, stieg Deutschland aus der kommerziellen Nutzung der Kernenergie aus, 2023 ging das letzte Kraftwerke vom Netz. Der Müll aber blieb, wo er war.
Die Journalistin Dagmar Dehmer ist Chefin der Kommunikationsabteilung der BSE. Auf die Frage der DW, warum die Suche nach einem Endlager so lange dauere, antwortete sie: "Weil Sicherheit für einen sehr langen Zeitraum nachzuweisen ist. In Finnland für 100.000 Jahre, in Deutschland, der Schweiz und Frankreich eine Million Jahre. Der Aufwand ist aber unabhängig von der Zukunftsprognose immer sehr hoch. Da müssen Entwicklungen, Wechselwirkungen von Geologie und Technik und dem Zerfall der Radio-Nuklide über die Zeit miteinander in Beziehung gesetzt und auf ihre Sicherheit bewertet werden."
Rund 400 Meter Tiefe, umgeben von einer massiven Gesteins-Barriere
Und so gehen die Experten vor: Mögliche Standorte werden auf ihre geologische Sicherheit untersucht. Hält das Gebirge in 400 Meter Tiefe stand, kann das Grundwasser kontaminiert werden? Der Plan ist, einen Ort zu finden, an dem das Lager von einer rund 100 Meter dicken Gesteinsschicht als Barriere umgeben ist. Als Formationen kommen Schichten aus Ton, Granit oder Salzgestein in Frage.

Schritt für Schritt werden diese Anforderungen erhöht, immer weniger mögliche Standorte bleiben übrig. Andere Aspekte wie die Nähe zu großen Städten etwa kommen erst viel später zum Tragen. Denn klar ist: Begeisterung über ein Endlager mit radioaktivem Müll wird es nirgendwo geben, weder in der Stadt noch auf dem Land.
Dehmer: "Finnland hat ein großes Vertrauen in staatliches Handeln"
Und so ist es auch Dagmar Dehmers Aufgabe, für Vertrauen zu sorgen. Sie muss immer wieder erläutern, warum es notwendig ist, sich um die Hinterlassenschaften der Atomkraft-Zeit zu kümmern. Ganz gleich wie man zur Kernenergie steht.
In Finnland ist das gelungen, findet Dehmer: "In Finnland gibt es in hohes Vertrauen in das staatliche Handeln. Die Aufsichts- und Genehmigungsbehörde in Finnland, die Stuk, gehört zu den angesehensten Institutionen im Land. Deutschland kann von Finnland lernen, durch konstantes Dranbleiben, nicht ständig die Richtung zu ändern und die notwendige generationenübergreifende Geduld, zu einem guten Ergebnis zu kommen."
Die Endlagerung ist am Ende vor allem: Sehr teuer. Schon jetzt kostet die Suche nach einem Endlager und die Aufbewahrung des Atommülls an den früheren Standorten pro Jahr rund 1,4 Milliarden Euro. Die Kosten für das Endlager, wenn es denn einmal fertig sein wird, beziffern Experten auf rund 14 Milliarden Euro. 28.000 Kubikmeter radioaktiver Abfälle werden dann hoffentlich für alle Zeiten unter der Erde verschwinden.
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