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Thursday, October 29, 2026

Aus dem Aargau in die Welt – Wie es Schweizer Barockklänge bis nach Südamerika schafften

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Aus dem Aargau in die Welt Wie es Schweizer Barockklänge bis nach Südamerika schafften

Die frechen Trinklieder des Aargauer Komponisten Johann Melchior Gletle verbreiteten sich im 17. Jahrhundert in ganz Europa; seine Kirchenmusik erklang sogar in Südamerika. Doch warum ging der einstige Barockstar in seiner Schweizer Heimat vergessen?

29.10.2026, 14:00

«Viele bauen allein aufs Geld» – ein Satz, der 1684 so aktuell ist wie heute. Geschrieben hat ihn Johann Melchior Gletle aus dem aargauischen Bremgarten. In seinen Liedern bringt er das Chaos der Welt zum Ausdruck: mit pointierter Sprache und schrägen Tönen, die ganz und gar nicht nach Barock klingen.

Diese Musik ist unglaublich originell. Fast schon Rock ’n’ Roll!

Dass der vergessene Meister heute wiederentdeckt wird, ist auch Guillaume Blailé zu verdanken. Der 21-jährige Genfer Musikwissenschaftsstudent hat Gletles Lieder in moderne Notenschrift übertragen, gemeinsam mit anderen Studierenden.

Stundenlang sass er über den alten Notendrucken und staunte: «Diese Musik ist unglaublich originell. Fast schon Rock ’n’ Roll!»

Derbe Witze und schrille Töne

Dank seiner Notenedition führt das Zürcher Ensemble Pícaro nun die Lieder des Schweizer Komponisten erstmals wieder auf. Das Publikum beim Festival «Muri Barock» ist zuerst irritiert – und dann amüsiert.

Gletles Liedtexte nehmen die Scheinheiligkeit der Politik und die Trunksucht aufs Korn. Und die Musik lässt Töne absichtlich aufeinanderprallen und setzt nach jedem Schock eine Kunstpause.

Das Publikum lacht: Die Pointen zünden nach 350 Jahren noch immer. Doch warum wurde der einstige Barockstar in seiner Heimat vergessen?

Kein Platz für Familienväter

Gletle kommt 1626 in Bremgarten (AG) zur Welt. In Europa tobt der Dreissigjährige Krieg, doch Bremgarten lebt gut von seinen Handelszöllen.

Gletle lernt früh die Orgel und studiert am renommierten Jesuitenkolleg in Fribourg. Er will als Musiker arbeiten, doch in der Schweiz findet er keine Anstellung.

Historische Zeichnung einer Stadt mit Hügeln und Bäumen im Hintergrund.
Legende: Bremgarten AG – der Geburtsort von Johann Melchior Gletle – in einer Darstellung im Geografieband «Topographia Germaniae» von 1654. Gemeinfrei/Wikimedia Commons

Könige und Fürsten mit Hoforchestern gibt es in der Schweiz nicht. Und auch die Kirche scheidet als Arbeitgeber aus: Die Reformierten meiden Prunk, und in katholischen Klöstern gilt für Musiker das Zölibat. Weil Gletle heiraten und eine Familie gründen will, bleibt ihm nur die Auswanderung.

Schweizer Neutralität als Trumpf

Im deutschen Augsburg gelingt dem 25-Jährigen Gletle der Coup: Seine Musik überzeugt so sehr, dass er als erster Laie Domkapellmeister wird. Er schuftet unermüdlich, leitet Chöre, komponiert Messen und zieht 15 Kinder gross.

Sein Erfolg im kriegsversehrten Augsburg wurzelt auch in der berühmten Schweizer Neutralität: In Augsburg teilen sich Katholiken und Protestanten die Macht – und der Schweizer Gletle vermittelt geschickt zwischen den Lagern. Er komponiert prunkvolle katholische Kirchenmusik – und zeitkritische Lieder für die Abendunterhaltung beim Bischof.

Musikexport bis in den Regenwald

Gletles Musikdrucke verkaufen sich in ganz Europa. Und der Jesuitenmissionar Anton Sepp nimmt Gletles Kirchenmusik sogar mit nach Südamerika.

Mit Gletles eingängigen Melodien will er die Guaraní missionieren und vom katholischen Glauben überzeugen. Seinen Berichten zufolge bauen die Indigenen Orgeln und singen Gletles Messen.

Der 1540 gegründete Jesuitenorden war im 17. und 18. Jahrhundert eine mächtige Organisation der römisch-katholischen Kirche. Die Jesuiten bauten ein weltweites System aus Macht, Bildung und kolonialer Expansion auf.

In Südamerika errichteten sie sogenannte «Reduktionen» für Indigene wie die Guaraní. Diese Siedlungen zerstörten deren traditionelle Kultur und Selbstbestimmung. Gleichzeitig boten sie den Indigenen Schutz vor spanischen und portugiesischen Sklavenjägern. Für die Indigenen war der Eintritt in solch eine Siedlung oft das kleinere Übel.

Ein zentrales Werkzeug der Umerziehung war die Musik. Die Guaraní besassen eine hochentwickelte musikalische Kultur, die die Jesuiten gezielt nutzten. Die Indigenen mussten die europäischen Kirchengesänge lernen. Musik diente auch der Disziplinierung. Sie strukturierte den gesamten Alltag von der Messe bis zur Arbeit.

Dass die Schweiz ihren einstigen Barockstar vergessen hat, hat mehrere Gründe: Seine grosse Karriere fand im Ausland statt, und seine Noten schlummerten jahrhundertelang in Einzelstimmbüchern in den Bibliotheken, kaum lesbar für moderne Ensembles.

Nun, zu seinem 400. Geburtstag, kehrt Gletle in die Schweiz zurück: als kühner Freigeist, für den die Eidgenossenschaft damals zu eng war.

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