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Wednesday, September 30, 2026

Wenn Lina Beckmann spielt, stellen sich die Härchen auf

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Lina Beckmann ist in dem Theaterstück "Laios zu sehen.

Lina Beckmann Urkraft für das Unsagbare

Stand: 30.09.2026 • 12:25 Uhr

Lina Beckmann zählt zu den besten Theaterschauspielerinnen Deutschlands. Seit Jahren gehört sie zum Ensemble des Hamburger Schauspielhauses - viele dürften sie aber auch aus dem Rostocker "Polizeiruf" kennen. Ein Porträt.

Von Katja Weise, NDR

Der Schrei trifft bis ins Mark. Er klingt fast unmenschlich. Wenn Lina Beckmann als Medea ihre Wut und ihre Trauer hinausschleudert, stellen sich nicht nur bei den Frauen im Hamburger Schauspielhaus die Härchen auf. Alle scheinen gemeint, die im Saal sitzen und nichts tun, obwohl Medea von ihrem Mann Iason gerade verraten wurde.

Die Luft scheint zu vibrieren. Grausam wird sich Medea rächen und die beiden geliebten Söhne umbringen. Zunächst habe sie gar nicht gewusst, wie sie das spielen solle, sagt Beckmann. Erstmals habe sie sich darauf eingelassen, "blank" auf diesen Moment zuzugehen, bis Regisseurin Karin Beier angekündigt habe: Heute probieren wir das. Bis dahin, so die Schauspielerin, habe sie sich mit Medeas Schmerz so aufgeladen, "dass das gar nicht so unspielbar war, wie ich dachte".

Mit Charly Hübner und Karin Beier nach Hamburg

Beckmann scheint über eine Urkraft zu verfügen, ein sensationelles Gespür für den körperlichen Ausdruck des Unsagbaren. Sie gibt Medea nicht als mythologisch überhöhte Figur, sondern als Frau von heute. Es helfe ihr, dass Regisseurin Karin Beier eine exzellente Beobachterin sei und genau beschreibe, was sie sehe.

Seit fast 20 Jahren arbeiten Lina Beckmann und Karin Beier zusammen. Die Schauspielerin gehörte schon am Schauspielhaus in Köln zum Ensemble. Hier lernte sie auch ihren späteren Mann Charly Hübner kennen. 2013 wechselten die beiden mit Beier nach Hamburg.

Ein Paar auf und hinter der Bühne: Lina Beckmann und Ehemann Charly Hübner

Seitdem hat Beckmann immer wieder in Inszenierungen von Beier geglänzt. Mehrere Preise erhielt sie für das fulminante Solo "Laios" im ersten Antiken-Marathon "Anthropolis". Der zweite Marathon im Hamburger Schauspielhaus hatte im September Premiere. Wieder ist die Schauspielerin darin das Herz- und Kraftzentrum. "Ich donnere mich immer voll rein", sagt Lina Beckmann.

Als Kommissarin im "Polizeiruf" aus Rostock

Aufgewachsen ist sie mit vier Geschwistern im Ruhrgebiet. Mit Ausnahme eines Bruders gründeten sie 2009 das freie Theaterensemble "Spielkinder". Zur Hamburger Uraufführung von "Fremde Sonne" reisten die Geschwister eigens an.

Neben dem Theater hat Beckmann während der vergangenen Jahre zunehmend auch Filmangebote angenommen. Seit sie im Rostocker "Polizeiruf" im April 2022 als Kommissarin Melly Böwe erstmals an der Seite ihres Mannes zu sehen war, ist sie einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Als Kommissarin folgte sie damals auf den von Charly Hübner gespielten Sascha Buckow.

Schon wieder Mord und Totschlag: Lina Beckmann als Kommissarin Melly Böwe im Polizeiruf aus Rostock

Mit den Augen zucken oder runtergucken

Auch im Film "Spaziergang nach Syrakus" von Lars Jessen stehen beide gemeinsam vor der Kamera. Der Film kam im August in die Kinos. Hübner spielt darin einen DDR-Bürger, der nach Sizilien reisen und danach in die DDR zurückkehren will. Da er keine Ausreiseerlaubnis erhält, flüchtet er im kleinen Segelboot von Hiddensee über das Meer. Vor seiner Frau (Lina Beckmann) hält er die Pläne geheim, um sie nicht zu gefährden.

Die Arbeit am Filmset sei für sie anfangs nicht selbstverständlich gewesen, sagt Beckmann. "Was heißt das, wenn man sich doll nach rechts dreht? Oder was ist ein Augenzucken oder ein Runtergucken?" Immer wieder müsse man sich überprüfen. Dafür sei ein Film nach den Dreharbeiten aber auch abgeschlossen.

Am Theater dagegen laufen manche Produktionen über Jahre. Jeder Auftritt sei anders - auch, weil das Publikum jedes Mal ein anderes sei. Lina Beckmann sucht den direkten Kontakt. Dafür lieben sie viele Theaterbesucher. Inzwischen geht manchmal ein Aufseufzen durch den Saal, wenn sie zum ersten Mal die Bühne betritt. "Sie erinnern sich?" Drei Worte genügen ihr, um beim Antiken-Marathon "Fremde Sonne" eine Verbindung herzustellen.

"Die Kassiererin im Laden um die Ecke"

Beckmann verkörpert dabei nicht nur "Schmerzensfrauen" wie Medea. Sie ist auch eine geborene Komödiantin. In "Fremde Sonne" kämpft sie sich unter dem Vorhang hindurch und schimpft während der Umbaupause, es gebe gar keine Pause. Das Publikum solle einfach mal die "Klappe halten". Danach gibt es Eiskonfekt, und alle freuen sich.

Lina Beckmann hat mittlerweile zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2011 der Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Berliner Theatertreffen. Schauspielerin Eva Mattes hielt damals die Laudatio und sagte, was bis heute gilt: Beckmann spreche mit dem Publikum, als sei sie keine Künstlerin, sondern "die Kassiererin im Laden um die Ecke".

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