Bewegung in der Berliner Kantstraße: Kampfplatz Fahrradspur

In der Kantstraße zeigt sich das Hin und Her der Berliner Verkehrspolitik. Es ist zu hoffen, dass die neue linke Mehrheit dem endlich ein Ende macht.
D ie Berliner Kantstraße gehört nicht zu den prominentesten Magistralen der Hauptstadt. Wie der weitaus bekanntere Ku’damm zieht sie sich kilometerlang durch den bürgerlichen Westen, wirkt aber an vielen Stellen eher gesichtslos. Immerhin kann man hier gut asiatisch essen – und dabei seit Jahren einen Straßenkampf der zeitgenössischen Art beobachten.
Wie im Fall der Friedrichstraße, die von den Grünen zur autofreien Zone gemacht und von der anschließend regierenden CDU prompt wieder für den Kraftverkehr geöffnet wurde, werden in der Kantstraße die großen Brüche in der Verkehrspolitik sichtbar: Wer darf mehr Platz beanspruchen? Und wie viel ist uns die Sicherheit schwächerer TeilnehmerInnen wert?
Der Radverkehr hatte es nie leicht auf der viel befahrenen Ost-West-Verbindung. Das änderte sich erst nach einem furchtbaren Unfall, bei dem 2020 ein Mann auf dem Fahrrad von einem anderen hinter dem BMW-Lenkrad totgerast wurde. Auf Druck zivilgesellschaftlicher Gruppen wurde eine auch pandemietaugliche Pop-up-Radspur angelegt, halbwegs geschützt zwischen dem Gehweg und einer ehemaligen Kfz-Fahrspur, auf der nun geparkt, aber auch angeliefert wird.
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Das war unter einem rot-grün-roten Senat – die CDU und die FDP, eine im Berliner Westen aktive Kleinstpartei, prophezeiten das wirtschaftliche Ende der anliegenden Geschäfte. Auch wenn es dazu nicht kam: Als die CDU 2023 wieder ans Ruder kam und stadtweit den Verkehr regeln durfte, tat sie ihr Bestes, die Änderungen rückgängig zu machen.
Dazu bediente sich das Haus von Senatorin Ute Bonde auch eines innovativen Sicherheitsarguments: Die radfreundliche Anordnung lasse keinen Platz mehr zum fachgerechten Aufstellen von Feuerwehr-Löschfahrzeugen. Ein Charlottenburger Bezirksstadtrat – und Parteifreund von Bonde – drohte deshalb zwischenzeitlich sogar damit, das Wohnen in den oberen Stockwerken an der Kantstraße zu verbieten.
Pläne zur Rückabwicklung
Als sich abzeichnete, dass die CDU bei den Wahlen in diesem September zu den Verlierern gehören würde, beschleunigte die Senatsverwaltung ihre Pläne zur Rückabwicklung der immer noch nicht „verstetigten“ und quasi im Pop-up-Limbus verharrenden Radspur: Sie schrieb die Bauarbeiten zur Anlage einer Busspur aus, die von Fahrrädern mitbenutzt werden soll. Nun trat die Deutsche Umwelthilfe auf den Plan. Sie unterstützte einen Bürger, der hierdurch einen Verlust von Sicherheit befürchtete, bei dessen Eilklage vor dem Verwaltungsgericht.
Der Antrag wurde zurückgezogen, als Bondes Verwaltung versicherte, bis Jahresende (wenn voraussichtlich Rot-Grün-Rosa die Geschäfte in Berlin übernimmt) die Radspur nicht anzutasten. So zumindest verstand das die Umwelthilfe, die dann – nicht als einzige – mit Empörung zur Kenntnis nahm, dass auf der Radverkehrsfläche plötzlich Kfz-Lieferzonen abmarkiert wurden.
Vorläufig letzter Plottwist: Vor einer Woche hat das „Widerstands-Kollektiv“, ein Zerfallsprodukt der „Letzten Generation“, einfach mal des Nachts zur Malerrolle gegriffen und die frischen weißen Markierungen mit Asphaltgrau wieder unkenntlich gemacht. Man werde keine Politik der verbrannten Erde akzeptieren, teilte die Gruppe im Netz mit: „Nehmt ihr uns den Fahrradweg, dann holen wir ihn zurück, Meter um Meter, Stück um Stück.“
Schon um weitere Episoden – oder gar Staffeln – des längst ermüdenden Dramas „Kantstraße“ zu vermeiden, ist es dringend geboten, dass sich die neue linke Mehrheit in Berlin nun zusammenrauft. Und dann ein Provisorium aus Coronatagen endlich zur neuen Normalität erhebt.
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