Geflüchtete in Mecklenburg-Vorpommmern: „Den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind“

Zainab Delijam besucht Unterkünfte für Geflüchtete in Mecklenburg-Vorpommern und kämpft für Frauenrechte in Afghanistan.
Foto: Timo Krügener
„Als ich ankam, habe ich immer alle Leute angelacht auf der Straße“, erzählt Zainab Delijam von ihrer Ankunft in Torgelow: „Mein Lächeln wurde jedoch nie erwidert, und so hörte ich nach kurzer Zeit wieder damit auf.“ Die Kleinstadt im Landkreis Vorpommern-Greifswald, der sie und ihre Familie nach ihrer Flucht zugewiesen wurden, sei schön, aber viele der Menschen würden große Unzufriedenheit ausstrahlen.
Die für Geflüchtete zuständige Frau im Rathaus Torgelow habe von ihr erwartet, Deutsch zu sprechen, berichtet die 26-Jährige. Ansonsten solle sie sich doch selbst um eine Dolmetscher*in kümmern. Erst einen Tag zuvor war sie aus Kabul kommend am Hamburger Flughafen gelandet.
Heute, drei Jahre später, begleitet die junge Frau die Karawane von We’llcome United, einem Bündnis von Migrant*innen, Geflüchteten und Unterstützer*innen, und zwar als Dolmetscherin für die Sprachen Deutsch, Englisch und Persisch. Sie wohnt immer noch in Torgelow und will Soziale Arbeit studieren, um anderen die Teilhabe zu erleichtern. Dass sie es so weit geschafft hat, verdankt sie nicht den deutschen Behörden, sondern in erster Linie Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ihre afghanischen Nachbar*innen seien die Einzigen gewesen, die ihre Familie nach der Ankunft unterstützt hätten. „Weil es ihnen genauso ging, als sie kamen“, erklärt Delijam.
Drei Wochen vor der Landtagswahl tourte die Initiative We’llcome United eine Woche lang durch Mecklenburg-Vorpommern und besuchte Unterkünfte für Geflüchtete. „Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, dass es Menschen gibt, die sie unterstützen und vor allem, dass sie selbst aktiv werden können“, erklärt Delijam. Die meisten Geflüchteten – sie selbst eingeschlossen – würden ohne solche Angebote kaum mitbekommen, wie viele Menschen sich in Deutschland für die Rechte von Geflüchteten einsetzen. Für sie selbst sei es das erste Mal in drei Jahren gewesen, dass sie gleich mehreren Deutschen begegnet sei, die Migrant*innen gegenüber freundlich auftreten.
Angst wegen deutscher Abschiebepolitik
Auch wenn sie gehofft hatte, in Deutschland deutlich besser behandelt zu werden, sind ihr Rassismus und Diskriminierung nicht fremd. Delijam gehört zur Volksgruppe der Hasara, einer schiitischen Minderheit, die in Afghanistan seit Jahrhunderten Verfolgung erlebt – in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich durch die Taliban.
Rassismus bis hin zur Angst um das eigene Leben habe schon früh ihren Alltag geprägt, denn im Fokus der Terroristen stünden junge Menschen. „Wenn ich mein Haus verlassen habe, um zur Schule zu gehen, wusste ich nicht, ob ich wieder zurückkehren würde“, berichtet sie. Erst im August gab es einen Anschlag auf eine Schule in Kabul und Pro Asyl berichtet von massiven Menschenrechtsverletzungen unter der Herrschaft der Taliban.
Heute in Deutschland zu sein und solche Nachrichten zu lesen, hinterlässt sie mit gemischten Gefühlen. Sie spüre Scham, weil sie hier verhältnismäßig sicher sei, während andere in Afghanistan unter dem Taliban-Regime leiden. Sie spüre Angst, weil Deutschland vermehrt nach Afghanistan abschiebt und mittlerweile Taliban in Berlin in der Botschaft willkommen heißt.
Was sie jedoch auch spüre, sei Stolz darüber, Hasara zu sein. Im Gespräch betont Delijam die besondere Resilienz und Kraft der Volksgruppe. Trotz Verfolgung und struktureller Diskriminierung würde sie sich für Menschenrechte und Freiheit einsetzen. Delijam selbst beteiligte sich an der online-Kampagne #StopHazaraGenocide und kämpft für eine Anerkennung des Leids der Hasara in Afghanistan. Sie tritt damit in die Fußstapfen ihrer Mutter, die in Afghanistan die Empowered Women Organization gründete, eine Organisation für weibliche Selbstbestimmung.
Es fällt ihr schwer zu sagen, was ihr angesichts des Rechtsrucks in Deutschland und des islamistischen Regimes in Afghanistan Hoffnung gebe. Am Ende seien es die guten Menschen, die sie kennenlernen durfte bei der Karawane und in der Nachbarschaft. Menschen, die sich in Deutschland dem Rechtsruck widersetzen und in Afghanistan für Frauenrechte kämpfen und gegen alle Widrigkeiten zusammenstehen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Antirassimus in Mecklenburg-Vorpommern „Denkt an die Kommunen“
Aman Anosh will junge migrantische Menschen in Mecklenburg-Vorpommern stärken – und trotz erstarkender Rechtsextremisten im Bundesland halten.
Von Ulrike Wagener
Aktion vor der Landtagswahl in MV Mit Schokolade, Vanille und bunten Streuseln
Im Softeisbus touren Wibke Seifarth und ihre Mitstreiterinnen vor der Landtagswahl durch Vorpommern. Sie wollen Begegnungsräume schaffen.
Von Johanna Treblin
Plakataktion in MV „Wir haben keine Angst. Wir zeigen Gesicht“
So denkt das Bundesland über Demokratie: Die Fotografin Sabina von Kessel organisiert eine Plakataktion über Menschen in Mecklenburg-Vorpommern.
Von Adam Schwedhelm
10 Ausgaben für 10 Euro Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt kennenlernen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.