Energie-Knappheit in der Ukraine: Sie wissen nicht, wohin

In der Ukraine steht der wohl härteste Winter seit Anfang des Krieges bevor. Die NGO Proliska rechnet mit einer „Evakuierungswelle“.
Foto: Efrem Lukatsky/ap
Die Rentnerin Olena Projdak füllt bei Kerzenlicht in ihrer Küche einen 20-Liter-Kanister mit Wasser. Seit fast sechs Stunden hat die 70-Jährige keinen Strom mehr in ihrer Wohnung. Sie hat Angst, dass es bald auch kein Wasser mehr gibt, darum legt sie einen Vorrat an.
„Alle sagen, dass der kommende Winter in Kyjiw der härteste seit Kriegsbeginn wird und wir die Stadt verlassen sollen. Aber wohin soll ich gehen? Mein Haus steht in den russisch besetzten Gebieten“, sagt Olena. 2014 fiel Olenas Heimatstadt im Gebiet Luhansk unter russische Besetzung.
Darum zog sie zunächst zu Verwandten ins Gebiet Donezk, doch nach dem russischen Großangriff verlor sie auch dort ihr Zuhause. Jetzt lebt sie in einer Mietwohnung in Kyjiw, unter ständigem russischen Beschuss und den damit verbundenen Stromausfällen.
„Putin zerstört unsere Heizkraftwerke, er terrorisiert absichtlich die Zivilbevölkerung“, sagt Olena. „Ich traue mich schon nicht mehr ins Einkaufszentrum nebenan, weil die gerade verstärkt beschossen werden“, sagt sie und zeigt ihre Anschaffungen für den Winter: Taschenlampen, Kerzen, Powerbanks, Thermopads, Wasserbehälter und ein Vorrat an Medikamenten. „Für mehr hatte ich kein Geld“, sagt sie und streichelt die Katze, die sie aus ihrer russisch besetzten Heimat mitgebracht hat.
Die ukrainische Hauptstadt hat Ende September auf Notstromabschaltungen umgestellt, nachdem Russland die Energieinfrastruktur in Kyjiw und Umgebung bombardiert hatte. Seit Anfang Oktober gehören Stromausfälle zum Kyjiwer Alltag. In einigen Stadtteilen war auch die Wasserversorgung unterbrochen.
Trotz der am 11. Oktober vom US-Präsidenten Donald Trump unerwartet verkündeten „Energie-Waffenruhe“ zwischen der Ukraine und Russland gehen die russischen Angriffe auf Kyjiw unvermindert heftig weiter.
Am 13. Oktober meldete der ukrainische Präsident auf seinen Social-Media-Kanälen: „Das Hauptangriffsziel war das Heizkraftwerk Nummer 4. Leider gab es Treffer. Das Kraftwerk 4 ist eine der wichtigsten Energieanlagen in Kyjiw.“ In der Nacht zum 14. Oktober gab der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko Angriffe auf alle drei Kyjiwer Heizkraftwerke bekannt.
Foto: Evgeniy Maloletka/ap
Täglich werden auch zivile Objekte getroffen: Wohnhäuser, Parks und Bürogebäude. Der ITler Dmytro Tschobytsch war gerade in einer Videokonferenz, als eine russische Drohne einige Stockwerke über ihm einschlug. „Zuerst hatte ich nicht mal den Luftalarm mitbekommen“, sagt Tschobytsch, der Handyspiele entwickelt. „Aber die Explosion war total laut, und plötzlich war mein Büro voller Rauch. Meine ausländischen Kollegen konnten das quasi live mitverfolgen, aber sie sind aus Israel und wissen, was Krieg bedeutet.“
Gerade prüfen sie im Büro, wie sie auf Homeoffice umstellen können, damit die Leute wegfahren können, wenn sie müssen oder wollen. „Gut ist das nicht. Aber wie soll man so arbeiten? Heute Morgen sind die Geschosse direkt in einen Park eingeschlagen, in dem gerade eine Kindergruppe unterwegs war“, sagt Tschobytsch.
Die Studentin Alina war dort gerade in einem Fitness-Studio im Erdgeschoss des Bürohauses: „Ich halte das nicht mehr aus. Gestern ist eine Granate direkt neben meinem Haus eingeschlagen, gerade eben gab es eine Explosion direkt über mir – ich habe sogar im Auto die Hitzewelle gespürt. Man kann eigentlich nichts mehr planen, wenn man weiß, dass man zum Training geht und dann vielleicht kein Zuhause mehr hat, in das man zurückkehren kann“, sagt die Studentin.
Allein am 13. und 14. Oktober wurden in Kyjiw fünf Menschen durch russische Angriffe getötet und 36 verletzt. Die meisten Verletzten gab es im Bezirk Desnjansky, wo eine Rakete ein neungeschossiges Wohnhaus getroffen hat.
„Heute bin ich einfach zu erschöpft, all das zu zählen, was seit dem Morgen auf die Ukraine nieder gegangen ist – Ballistik auf Kyjiw, Lenkbomben auf Charkiw und Molnija-Drohnen auf Kramatorsk“, sagt Jewhenij Kaplin, Leiter einer der größten ukrainischen Hilfsorganisationen, Proliska. Die Mitarbeiter von Proliska helfen seit 2014 der Zivilbevölkerung in den frontnahen Gebieten und anderen vom Krieg betroffenen Regionen.
Aufgrund der Energiekrise und des zunehmenden Beschusses bereitet sich die Mission auf eine neue groß angelegte Evakuierungswelle aus den frontnahen Regionen vor. Nach Einschätzung ihrer Mitarbeiter verschlechtert sich die humanitäre Lage entlang der gesamten Frontlinie.
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„Das wird tatsächlich der härteste Winter seit Beginn des Krieges. In Cherson gibt es keine Aussicht auf Heizung, und dort leben 65.000 Menschen; in Nikopol ist ein ganzer Stadtteil an der Frontlinie betroffen, das sind etwa 50.000 Menschen. Dazu kommen noch etwa 85.000 Menschen im nicht besetzten Teil des Gebietes Donezk. Das heißt, potenziell müssen 200.000 Menschen über den Winter evakuiert werden. Diese Evakuierungswelle wird das Land überrollen, sobald der erste Frost einsetzt“, sagt Kaplin.
Die Situation verschärfe sich laut Kaplin dadurch, dass Großstädte wie Kyjiw und Charkiw selbst mit Stromausfällen zu kämpfen haben und daher nicht Tausende von Flüchtlingen aufnehmen können. „Diejenigen, die ein Häuschen auf dem Land haben, kommen dort besser über den Winter. Sie können mit einem Ofen heizen oder sich einen Generator kaufen“, sagt Oleksandr Serhienko, Direktor des Kyjiwer Forschungsinstituts „Instytut Mista“ (Stadt-Institut).
Allen anderen rät er zu Wasservorräten. Und die Bewohner von Hochhäusern sollten sich zusammenschließen und Solarmodule sowie zusätzliche Generatoren anschaffen, die es bei Stromausfällen ermöglichen, die Aufzüge zu betreiben und Wasser in die oberen Stockwerke zu pumpen.
Der Experte ist davon überzeugt, dass die meisten Kyjiwer in der Hauptstadt bleiben werden, weil sie an Wohnung und Job gebunden sind oder nicht die Mittel für einen Umzug haben.
Eine von ihnen ist Olena Projdak, die Rentnerin, die aufgrund der russischen Aggressionen bereits zweimal ihr Zuhause verloren hat: „Egal, wie der Winter wird, ich wüsste einfach nicht, wo ich hinfahren könnte. Ich bleibe also hier und vertraue auf Gott und die ukrainischen Streitkräfte“, sagt sie und füllt einen weiteren Wasserkanister.
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