Lula vor Wahl in Brasilien: 80 Jahre und noch nicht müde
Stand: 03.10.2026 • 10:56 Uhr
In Brasilien will Präsident Lula am Sonntag die Wahl gegen den Sohn seines Vorgängers Bolsonaro gewinnen. Es wäre die vierte Amtszeit für den früheren Gewerkschaftsführer, der auch für Europa ein wichtiger Partner ist.
Ein Eckrestaurant in São Bernardo do Campo, einst das Detroit Brasiliens im Industriegürtel rund um São Paulo: gefliester Boden, Fotos an den Wänden, Holztische. Es ist das Reich von Júno Rodrigues, "Gijo" genannt, Kugelbäuchlein, feuerrotes T-Shirt, die Finger krumm wie Rohrzangen. Er war einst Metallarbeiter bei einem der vielen Autofabrikanten hier, dann wechselte er das Metier. Seine Spezialität heute: Chuletas Paulistas - dick geschnittene, ein Kilo schwere Schweine-Koteletts mit Pommes und Sauce.
"Diesen Koteletts hat Brasilien viel zu verdanken", sagt er und serviert. Seine Koteletts nämlich machten den Mann satt und glücklich, der Arbeitern wie ihm Rechte und Freiheit gab und Brasiliens Weg in die Demokratie ebnete - so jedenfalls sieht es Gijo. Es geht um seinen alten Gewerkschaftsfreund Lula, Stammgast in Gijos Restaurant und außerdem zum dritten Mal Präsident Brasiliens.
Gijo zeigt auf ein schwarz-weißes Foto: Ein bärtiger Mann steht da inmitten eines Stadions auf einem Tisch, ohne Mikrofon, vor Tausenden Arbeitern, beim großen Generalstreik im Jahr 1979 - noch inmitten der Militärdiktatur. "Lula stand auf einem Tisch, die Arbeiter riefen seine Worte nach hinten weiter, damit man ihn verstand", erzählt Gijo. "Um das Stadion standen Soldaten mit Schlagstöcken und Gewehren. Ich sage immer: Genau dieses Foto hat Lula zum Präsidenten der Republik gemacht."
Volksnah und pragmatisch
Der Gewerkschaftsführer, der es in den Präsidentenpalast schaffte - volksnah und populistisch im Auftreten, pragmatisch im Handeln. 47 Jahre nach dem historischen Foto steht Lula im selben Stadion Vila Euclides von São Bernardo do Campo. Es ist erneut Wahlkampf. Inzwischen ist er 80 Jahre alt, der Bart ist weiß, die Stimme noch rauer. Er zieht Bilanz.
"Wir haben 27 Millionen Menschen, die wie im 17. Jahrhundert in Dunkelheit und Finsternis lebten, in die Zukunft geführt", ruft er. Und erzählt davon, wie er in seinen ersten zwei Amtszeiten Wasser und elektrisches Licht in den armen Nordosten des Landes brachte, mit Sozialprogrammen Millionen Menschen aus Hunger und Armut holte, "damit die Kinder lernen und essen können".
Brasiliens "Yes, we can"-Moment.
Selbst Kind einer Landarbeiterfamilie, kombinierte Lula bahnbrechende Sozialprogramme mit einer marktfreundlichen Wirtschaftspolitik. Brasilien erlebte Anfang der 2000er goldene Jahre, getragen auch vom weltweiten Hunger nach Rohstoffen. Es war Brasiliens "Yes, we can"-Moment.
Auf diese Vergangenheit setzt Lula, aber auch auf eine Gegenwart mit niedriger Arbeitslosigkeit, wachsenden Exporten und deutlich weniger Entwaldung am Amazonas. Doch reicht das aus, um ihm eine historische vierte Amtszeit zu sichern?
"Seine Sozialpolitik hat deutliche Spuren hinterlassen, doch sie ist an ihre Grenzen gestoßen", sagt Lincoln Secco. Der Historiker und Buchautor gilt als einer der renommiertesten Experten für die Geschichte der Linken in Brasilien. Brasiliens Wirtschaft wächst zwar - 2023 legte sie um 3,2 Prozent zu, 2024 sogar um 3,4 Prozent. Viele Brasilianerinnen und Brasilianer allerdings haben das Gefühl, bei ihnen komme nichts an. Acht von zehn Haushalten sind verschuldet. Hohe Zinsen bremsen Investitionen und belasten gleichzeitig die Staatsfinanzen. Für 2026 prognostiziert die OECD ein langsameres Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent.
"Die Politik Lulas bietet wenig Zukunftsvision für jene Arbeiter, die während der PT-Regierungen einen sozialen Aufstieg erlebt haben - nun aber in prekären, schlecht bezahlten Jobs stecken und nachts noch als Uber-Fahrer arbeiten müssen", sagt Secco. "Bei ihnen bleibt das Gefühl, die Verlierer zu sein."
"Wir passen in niemandes Hinterhof"
Lula hat zwar nach wie vor hohe Zustimmungsraten, gleichzeitig lehnt ihn fast die Hälfte der Bevölkerung ab. Auch frühere Korruptionsskandale lasten auf der Arbeiterpartei. Obwohl das Urteil wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit gegen Lula, das ihn 2018 für 580 Tage ins Gefängnis brachte, wegen Befangenheit der Richter vollständig annulliert wurde: Für seine Gegner bleibt er "Lula Ladrão" - "Lula, der Dieb".
Aufstieg, tiefer Fall und dennoch das spektakuläre Comeback 2022 und nun erneut Chancen auf eine vierte Amtszeit: "Ich denke, all das hat Lula nur mehr politisches Gewicht gegeben", sagt Secco. "Heute ist er einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten des Globalen Südens." Und wohl der letzte Staatsmann alter Schule in einem immer weiter nach rechts rückenden Lateinamerika, in dem zuletzt mehrheitlich Trump-Verbündete Wahlen gewannen.
Lula pocht auf Brasiliens Souveränität und eine multipolare Weltordnung. "Wir passen in niemandes Hinterhof", erklärte er Ende September auf der UN-Generalversammlung mit Blick auf die Trump-Regierung, die Lateinamerika im globalen Wettstreit mit China wieder zum geopolitischen Hinterhof erklärt hat.
Wichtiger Partner in Südamerika
Brasilien ist Teil der BRICS-Gruppe und China größter Handelspartner, mit der EU wurde gerade das Mercosur-Handelsabkommen geschlossen. Auch wenn Lula mit seinen Positionen zur Ukraine und zum Nahost-Konflikt in Europa anfangs für Stirnrunzeln sorgte und seine Vermittlungsbemühungen in der Krise in Venezuela klar scheiterten, bleibt er einer der wichtigsten Partner in Südamerika. "Vor allem bei Fragen der Demokratiefestigung, der Notwendigkeit einer regelbasierten Weltordnung", sagt der außenpolitische Journalist des größten Medienkonzern Globo, Marcelo Lins, "aber auch, wenn es um Klimaschutz und Nachhaltigkeitsfragen geht und den Ausbau von Handelsbeziehungen."
Lula habe Brasilien zurück auf die internationale Bühne geführt, während er selbst an Charisma und im Land an Zustimmung verloren habe. Das er keinen Nachfolger aufgebaut habe, sei sicher ein Kritikpunkt, sagt Chuleta-Koch und Ex-Gewerkschaftler Gijo in São Bernardo do Campo. Doch eine politische Figur wie Lula, die gebe es in der Geschichte einfach nicht oft - und bei dieser Wahl stehe erneut die Demokratie auf dem Spiel.
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